Die Geschichte der Tracht Durch Stars gewinnt das Dirndl an Popularität

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Paula Wessely, Marlene Dietrich, Stefan Zweig, Lotte Lehmann, Erich Kleiber, Richard Tauber, später Franklin D. Roosevelt, der Herzog von Windsor und der Maharadscha von Kapurthala – sie alle zeigten sich in Tracht. Mit „Jedermann“ schuf Hofmannsthal ein intellektuelles Trachtenschauspiel, in dem Reinhardt auch Volksschauspieler auftreten ließ. Deshalb sah sich schon um 1900 das Berliner Kaufhaus Wertheim veranlasst, eine eigene Trachtenabteilung einzurichten. Die Stars verbreiteten das Alpenglück durch ihre Auftritte in Operette und Film. „Im weißen Rößl“, „Die schöne Tölzerin“, „Sissi“ stärkten den Glauben an die Heimat bei dem breiteren Publikum, während zunächst das Vergnügen nur für die höheren Gesellschaftsklassen gedacht war.

Der Nationalsozialismus bereitete die heutige Verbreitung der Tracht bei den unteren Schichten vor. Das demonstrative Bekenntnis zur Heimat war von Anbeginn auch als Affront gegen Juden gedacht, die Tracht wurde zum modischen Signal des Ariertums, lange bevor Juden verpflichtet wurden, sich durch den Stern kenntlich zu machen. Die nationalsozialistische Volkskunde forschte nach der „Urtracht“, die alle Deutschen in ein und demselben Kleid vereinigen sollte.

Nachkriegszeit: Das Dirndl als Symbol der Ausgrenzung

Die visuelle Aussagekraft der Mode wird oft unterschätzt, und so wird auch heute nicht bedacht, dass die Tracht noch immer diesen fremdenfeindlichen, zumindest ausgrenzenden Akzent hat. Ein Türke in Lederhose, eine Türkin im Dirndl sind auf Oktoberfest und Wasen höchst seltene Erscheinungen. Kaum vorstellbar, dass gläubige Muslime an den alkoholgeschwängerten Bekundungen offenherziger Lebensfreude in den Bierzelten von Wiesn und Wasen teilhaben würden.

Wenngleich nach dem Krieg die Vertriebenen sich durch Umzüge in bayerischer Tracht und als schlesische Volkstanz- und -musiktruppen in München eingemeindeten, waren Dirndl wegen ihrer faschistischen Nutzung in den fünfziger Jahren unbeliebt und „jedes Seppltum“ verpönt. Auch wollte man von Heimat nichts mehr wissen, das besiegte Deutschland suchte Anschluss an die große, weite Welt. In Achternbuschs Film „Bierkampf“, 1976 auf dem Oktoberfest gedreht, zeigen sich kaum eine Bedienung und gar keine Besucher im Dirndl. Doch bereits bei den Olympischen Spielen in München 1972 wurde das Dirndl wieder eingesetzt, damit die Welt sehe, dass Bayern Deutschland ist. Die Gäste wurden von Hostessen im Dirndl empfangen, und in diesem Kostüm konnte eine Sylvia Sommerlath Königin von Schweden werden. Seither treten auch Fußballstars auf der Wiesn in Tracht auf und verbinden Oktoberfest und Fußballmeisterschaft zu Festen eines neuen Nationalbewusstseins.

Von Tradition zu Kommerz

Inzwischen haben bei der Verbreitung des Dirndls Modefirmen die staatlichen Institutionen abgelöst, zumal nachdem 2005 der Freistaat Bayern die Gelder für Trachtenanschaffungen strich. Aus der Krise des Geschäfts wurde sein Aufstieg, denn die Branche bemühte sich mit mehr Eifer als je der Staat um eine breite ­Käuferschaft. Anders als in Achternbuschs Film werben nun Videos wie „Busencheck auf der Wiesn“ mit leicht obszönen Dirndl­szenen für das Kleid. Der Busen ist der kleinste Nenner, der die Gefühle aller Menschen vereinigt, und nirgends zeigt er sich so schön und unschuldig wie im Dirndl.




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