Die Geschichte der Tracht Ausstieg aus dem Alltag

Die Tracht Foto: dpa 12 Bilder
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Wasenzeit ist Trachtenzeit! Dirndl und Lederhosen versprühen seit jeher Lebensfreude und Heimatgefühl. Doch woher rührt die Faszination für die typisch bayerische Kleidung? Und welche Geschichte verbirgt sich hinter der traditionellen Tracht?

Stuttgart - Dieser Tage geht es bunt zu in der Stadt, und umso bunter wird es, je tiefer man steigt, hinab zu den U- und S-Bahnstationen. Da blüht es in blau, weiß, rot wie im schönsten Sommergarten, Röcke schwingen und Rüschen bauschen sich über runden Mädchenbrüsten. Es ist Dirndlzeit, denn es ist Wasenzeit

Umso aufdringlicher werden daher die Farben, je näher man dem Festort kommt. Ein Schauspiel für sich ist der Ausstieg der Besucher aus Stadt und Umland auf dem Bahnsteig in Bad Cannstatt. Dort konzen­triert sich der Dirndl-Ansturm mehr noch als auf dem Wasen selbst, vor allem, wenn die Ankommenden Kopf an Kopf – und man möchte sagen: Busen an Busen – die Treppen hinunter und in die Unterführung drängen, die zum Festplatz führt. Alle paar Minuten entlässt die Bahn ein Heer von Mädchen und Buben, von Dirnen und Seppln, die alles, nur nicht erwachsen sein wollen. Diese Menschen sind extra jung, extra unschuldig, haben Gesichter, so frisch wie Wiegenkinder, Busen, so alabastern wie im Gedicht. .

Mädchen wie kleine Bonbons

Friederike Groß, der Zeichnerin, erschienen, als sie diese Wallfahrt zu Riesenrad und Bierzelt entdeckte, die Mädchen „wie kleine Bonbons“. „Das Saubere, das Reine, der fleckenlose Schurz“, so sagt sie, „unterstreicht das liebe Mägdlein, das jetzt wie ein Glöckchen bimmelt, um später als Glucke zu gackern.“

Gerade dazu aber wird es und soll es nicht kommen. Das Kostümfest, das von München seinen Ausgang nahm, in Stuttgart mit landesüblichem Eifer nachgeahmt wird und sich inzwischen auch in Berlin ankündigt, ist nichts als Spiel. Da die Mädchen ihre Rolle so perfekt beherrschen und eine Unschuld, die genommen werden will, so gut mimen, sind sie außer Gefahr. Diese jungen Menschen sind in Laune, nicht in Leidenschaft. Sie zelebrieren ein Ritual, und wie jedes ist auch dieses erhebend. Vorläufig sind es in Stuttgart, anders als in München, fast nur junge Leute, die sich für Dirndl und Lederhose entscheiden.

Das Dirndl heute: Ein Wirtschaftsfaktor

Der Ansturm auf den Wasen erinnert deshalb zwar an die Warteschlangen vor ­Diskotheken; dort jedoch zappelt sich die Jugend in Stimmung, in Cannstatt erscheint sie bei ihrer Prozession durch die Unterführung eher verklärt. Das Kleid schreibt Seligsein vor und löscht individuelle Wünsche aus. So einander ähnlich wie auf dieser Treppe sehen sich Mädchen nie, jede zum Anbeißen süß, keine zu verspeisen. An der Schürze, die früher zum Aufzug gehörte und jetzt oft fehlt, zeigt es sich, dass das heutige Fest kein Heiratsmarkt ist. Die Schleife drückte einst den familiären Status der Dirn aus: rechts getragen hieß „verheiratet“, links „zu haben“, hinten gebunden „verwitwet“.

Heute ist das Dirndl vor allem ein Wirtschaftsfaktor. Das Münchner Oktoberfest beginnt im Juli, weil von da an die Prospekte für Dirndln die Briefkästen verstopfen. Die Münchener Tourismusbranche rief 2006 zur Eröffnung der Wiesn den „Dirndl-Alarm“ aus. Auch in Stuttgart breitete sich, was in den letzten zehn Jahren zum „must“ geworden ist, durch Werbekampagnen der Kaufhäuser aus. Im Flo etwa, dem Café in der Karlspassage, servierten damals, um auf das Angebot des Kaufhauses aufmerksam zu machen, Bedienungen im Dirndl, und es wurde jedem offenbar: wenn man nett aussieht, sieht man so noch netter aus.

Dem schlammfarbenen Alltag entkommen

Der kleine Sexappeal dieser Kostümierung aber ist ganz anderer Art als der, den Frauen heutzutage im Umgang mit Männern einzusetzen pflegen – und Differenz zu jeglichem alltäglichen Verhalten ist es, was das Dirndl reizvoll macht und der Ökonomie Verkaufserfolge zuspielt: Mit der Retro-Kleidung wird für den Träger eine ganze Palette von Möglichkeiten aufgetan, für diesen einen Tag anders zu sein als an jedem anderen Tag.

Das beginnt schon bei der Optik. Endlich entkommt der Trachtenträger den Schmutz- und Schlammfarben des Alltags, dem T-Shirt und der Jeans, die Mann und Frau von der Taille abwärts einander so ähnlich machen, und spielt mit Farbe, Stoff und Ornament. Statt des beliebig auf­gedruckten Musters oder einer nichts­sagenden Schrift auf dem Shirt trägt man nun Leinen, in das Blümchen eingewebt sind, Röcke, die das Bein umschmeicheln, Weißwäsche und Rüschen, die gar noch gebügelt werden müssen. Auch die Männer in Lederhosen haben Gesticktes auf der Brust. Wenn es nicht gerade das traditionelle Edelweiß ist, können es neuerdings auch die Initialen des heimatlichen VfB sein. Dazu tragen die Burschen wollene Wadenstrümpfe und Schuhe, die nicht von Adidas sind. Während das Bürgertum seine festlichen Theater- und Opernbesuche durch ein Dressdown, das es für zeitgemäß hält, entwertet, schafft sich die Menge der wochentags farblosen Untergebenen mit einem volkstümlichen Dressup eine eigene Festatmosphäre.




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