Der Tankwart Konstantin Maier schaute in die Mündung einer Mossberg 590 Mariner. Ein Kerl, schwarze Sturmhaube überm Kopf, versuchte sich in einer Drohgebärde: „Weißte was das ist? Rück die Kohle raus!“ Der Tankwart, nicht im Geringsten beeindruckt, schnellte ansatzlos nach vorne, griff zu und griff ins Leere, verfehlte den kurzen Lauf der Flinte. Der Maskierte wich aus, drehte sich weg, geriet ins Taumeln, verlor das Gleichgewicht und stürzte in den Zeitungsständer. Dann der Schuss. Putz rieselte von der Decke, kein Laut mehr.
Maier gönnte sich keine weitere Schrecksekunde. Er bückte sich, wurde mit dem ersten Griff fündig, schwang sich über den Tresen, ein kühner Sprung auf den Maskierten zu, der lag rücklings und wie paralysiert zwischen Illustrierten, die Kanone im Anschlag. Der Tankwart holte nicht mehr aus, dafür blieb keine Zeit, er stieß dem Kerl den Baseballschläger in die Magengrube.
Wir kannten uns vom Sehen, der Tankwart Konstantin Maier und ich, wie das auf dem Dorf so ist. Die Räuberpistole vom Überfall hatte ich ihm buchstäblich auf den Leib geschrieben. Als Kriminalfall für das Lokalkrimi-Genre, das im Jahr 2010 noch gar kein eigenes Genre war. Die Story vom Tankstellenüberfall ist also erfunden. Figuren wie Konstantin Maier, der nicht Tankwart genannt sein will, weil ihm der Laden ja gehört, kann man nicht erfinden, sie inspirieren ja erst zu abenteuerlichen Geschichten.
Der Krimi erschien als Fortsetzungsroman in der Tageszeitung, und es geschah Erstaunliches: keiner, der anrief und den Redaktionsleiter sprechen wollte. Das Lokalblatt erlebte erstmals lobende Leser. Das eigene Dorf als Fiktion, das hatte Schwung. Handelnde Personen, die unter Klarnamen auftreten, das war neu und trieb die Neugier: Was denkt der sich morgen aus, komm‘ ich auch drin vor? Der Tankwart Konstantin Maier indes bewahrte sein Pokerface und genoss still den Ruhm.
Vierzehn Jahre später, gleiche Stadt, gleicher Tatort. Tankstelle Maier, Nordstetten. Konstantin Maier ist mittlerweile 77. Sechs Monate schon schleiche ich um diese Geschichte herum, umschleiche wie ein Jaguar den Tankwart. Diesmal ist er es, der etwas zu erzählen hat.
Eine Serie von Überfallen
Im vergangenen Jahr hatte es eine ganze Serie von Überfällen auf Tankstellen gegeben: 24. September in Sulz am Neckar, am 2. Oktober in Bochingen, alles im Zwanzig-Kilometer-Radius. Am Nachmittag des 4. Oktober 2023, einem Freitag, ist dann Konstantin Maier in seiner Tankstelle in Nordstetten überfallen worden.
Um 17.41 Uhr, 90 Minuten nach der Tat, geht die Meldung online. Dem Lokalblatt zufolge, für das ich lange schon nicht mehr arbeite, hat sich der Tankwart in einer für ihn typischen Weise verhalten – clever, abgezockt, abgebrüht. Im Bürokratenjargon, wie ihn die Polizei paraphrasiert und in den vor lauter Nüchternheit schal klingenden Polizeibericht übersetzt, buchstabiert sich das bodenlos langweilig so: besonnen. Besonnen, das Wort passt zum untertemperierten Herr Pfarrer oder zum Leiter eines Kriseninterventionsteams. Besonnen mögen Nonnen sein, nicht aber der Tankwart Maier, der flucht und schimpft, wenn ihm danach ist.
„Doch wie geht es dem Tankstellen-Betreiber?“, fragt das Lokalblatt und liefert als Antwort: „Es gehe ihm soweit gut, heißt es aus dem Umfeld. Menschen, die ihn kennen, berichten: Er ist eigentlich nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen.“
Der Tankwart Konstantin Maier und ich sind keine Freunde und begrüßen einander doch wie Verbündete. Wir duzen uns – Grüß dich! –, was denn sonst? Schreiberlinge wie mich, verachtet der Tankwart üblicherweise. Nennt sie Maulhelden und Wichtigtuer. Arbeiten nichts, schwätzen klug daher, schreiben Sätze wie: Zum Vorfall möchte er sich an diesem Nachmittag nicht äußern. Titulieren dich als besonnen. Besonnen? Ein Scheiß bin ich!
Nun sind wir doch so etwas wie Kumpels. Man respektiert sich gegenseitig, hat eine Ebene gefunden, auf der man miteinander kann. Man muss sich nicht vor dem anderen verstellen, man spricht dieselbe Sprache.
Es ist nicht so, dass ich dem Tankwart vor vierzehn Jahren mit meiner fiktiven Heldengeschichte geschmeichelt hätte. Schmeichelei ist was für Weiber, wie er das wohl ausdrücken würde und als ärgerliche Anmaßung zurückzuweisen würde. Aber in mir hat er vielleicht einen gefunden, der ihn in seinem Innersten begriffen hat: Wie hielt er es ein Leben lang aus in diesem Kaff, an dieser miesen Tanke? Träumte er sich nicht Tag ein, Tag aus an einen anderen Ort, wo er sich nicht mit kleinbürgerlichen, blutleeren und im Grunde wesensfremden Landsleuten herumplagen müsste?
„Der kam rein wie du jetzt“
Als ich eintrete, steht er mit dem Rücken zu mir und macht sich an einem Gestell mit Tankstellen-Krimskrams zu schaffen. Servus, knurrt er, ohne sich umzudrehen. Ich knurre zurück, rede nur das Nötigste, jetzt bloß keine Journalistenfragen. Erzähl doch mal, sage ich. Er dreht sich um, sagt: „Genau hier war’s. Der kam rein wie du jetzt.“
Umstandslos wechselt Maier in die Spielsituation. „Ich also hier mit dem Rücken zur Tür. Wundere mich noch, dass kein Auto stoppt und trotzdem einer reinkommt. Laufkundschaft hab ich ja nicht so viel. Ich dreh mich um: Junger Kerl mit Kapuzenpullover und Mundschutz vor der Fresse – so!“ Er legt eine Hand über den Mund und den Daumen über die Nase. „Auf der Eistruhe eine Plastiktüte und ein Zettel: ,Geld da rein!‘ – Und dann seh‘ ich das Messer.“ Ein Küchenmesser, „handelsüblich“, würde es im Polizeibericht heißen, also nichts Besonderes, sonderlich Furchteinflößendes. Kein Kampfmesser mit Sägezahnung. Zum Zustechen reicht ein Küchenmesser.
Ich weiß nicht viel vom Führen von Schauspielern, aber so viele Filme wie ich in meinem Leben geschaut habe, habe ich eine leise Ahnung von Regie. „Hast du keinen Baseballschläger hinter deinem Tresen?“ Es ist die richtige Frage. „Doch, doch, da habe ich alles. Totschläger, Messer. . . Aber wenn ich jetzt dorthin gehe, bin ich in der Falle, von dort komm ich nicht mehr raus. Also bleibe ich stehen.“
Er schaut mich prüfend an. Würden wir einen Film drehen, würden wir die Szene wie folgt anlegen: Der Tankwart mit dem Rücken zum Eingang. Er hört Schritte. Er weiß, der Tag ist gekommen. Er erwartet ihn.
Der Tankwart kommt jetzt erst richtig ins Reden: „Ich sag‘ dir, was ich getan hab‘: Ich hab‘ mir ein Youtube-Video angeschaut, in dem ein Israeli erklärt, was du tust, wenn dich einer mit einem Messer angreift. Du hast drei Möglichkeiten. Erstens: Greif in die Kasse und gib ihm, was er haben will. Zweite Möglichkeit: du kämpfst. Dabei wirst du dir immer eine Verletzung zuziehen, mindestens an den Armen, den Händen. Oder schlimmer. So schnell bist du mit deinen Händen nicht, wenn er dir das Messer in den Hals rammt und die Schlagader verletzt.“
Ich glaube, ich schaue wie ein Kalb. Der Tankwart, dem ich alles zutraue habe, zitiert einen Israeli, einen Krav-Maga-Kämpfer. Gleich wird er mich in den Schwitzkasten nehmen und mich mit ein, zwei Griffen umstandslos zu Boden bringen. Aber er fährt ungerührt fort: „Drittens: Weglaufen!“ Jetzt zitiert er den Kämpfer in O-Ton und mit verstellter Stimme: „Lauft, Leute, so schnell euch eure Beine tragen.“
Maier läuft nicht davon
Ich kenne den Tankwart gut genug, um zu wissen, dass er eine noch so dezidierte Handlungsanweisung niemals eins zu eins ausführt. Er wird sie jedes Mal so interpretieren, wie sie seinem Naturell entspricht. Ein Konstantin Maier läuft nicht davon. Nicht mit sieben, erst recht nicht mit 77. Er wird einen Weg finden, das zu vermeiden.
Der Tankwart übernimmt jetzt die Regie. Zügigen Schrittes geht durch die Tür und bedeutet mir, ihm zu folgen. Er postiert sich vor der Zapfsäule – neue Spielszene – und weist mir wortlos eine Position zu. Ich bin jetzt der Angreifer. In seinen Augen: der Statist, allenfalls, wenn’s hochkommt, die Nebenrolle. Um uns herum plötzlich einschüchternde Öffentlichkeit, vorüberfahrende Autos, immerhin keine Passanten.
„Also, was willst du?“, fragt der Tankwart mich, den Schreiberling, der nun die Rolle des Räubers spielt. Ich erkenne die Ausweglosigkeit meiner Lage. Ich könnte ihm immer noch an den Hals gehen, ich habe das Messer, er nicht. Aber jetzt tritt ein, was der Krav-Maga-Kämpfer nicht verraten hat – die vierte Möglichkeit: nicht besonnenes, sondern entschlossenes Auftreten, das sich begleitend durch eine laute Stimme äußern kann. Entschiedenheit, die einschüchternd wirkt und das Gegenüber paralysiert. In einer Gefahrsituation, in der ein Angreifer einen Menschen bedroht, wende dich nicht direkt an den Angreifer, wende dich dem Opfer zu und verunsichere und banne den Angreifer durch deine völlige Konzentration auf das Opfer. Halte ihn durch überraschendes Nichtagieren in Schach, so lange, bis er kraftlos aufgibt. Alte Aikido-Regel.
Der Tankwart hat keinen Aikido-Gurt und keine Krav-Maga-Ausbildung. Er ist nur er selbst in seiner natürlichen Ruhe. Er ist eine Autorität, auch wenn er die als Tankwart nur selten ausspielen kann. Damals, am 4. Oktober, schon: Mit seiner imaginären Messerhand macht er eine wegwerfende Geste. „So hat er gemacht“, sagt er und wiederholt die Handbewegung. „Vergiss es, hat das geheißen. Dann hat er sich umgedreht und ist seelenruhig weggegangen, ist einfach die Straße entlang. Und ich steh‘ hier und schau ihm hinterher, damit ich der Polizei sagen kann, in welche Richtung er gelaufen ist.“
Und so ging es am 4. Oktober weiter: Der Tankwart eilt hinter den Tresen und ans Telefon, wählt die 110 und ärgert sich sieben Monate später, nicht gleich die 960 der Dienststelle unten in Horb gewählt zu haben: „Die fragen dich so viel unnötiges Zeug und es dauert ewig, bis die kapieren, was ich will und noch länger, bis endlich eine Streife dasteht. – Das nächste Mal rufe ich die 960!“
Täter: ein 26 Jahre alter Mann mit kroatischer Staatsangehörigkeit
Der Tankwart nimmt mich mit in sein schummriges Kabuff, hinter der Ladenzone. Der Raum erinnert an ein Kneipenhinterzimmer, Stühle, ein Tisch, darauf Zeitungen. Maier greift sich die obenauf liegenden Papiere. Er hat sie tatsächlich bereitgelegt. Es sind Seiten aus der Lokalausgabe vom 16. April und 25. April. Die Zeitung berichtet über die Gerichtsverhandlung. „Fünf Tankstellenüberfälle in 17 Tagen.“ Täter: ein 26 Jahre alter Mann mit kroatischer Staatsangehörigkeit. Motiv: Er brauchte das Geld für Drogen. Beute: 3365 Euro. Im sechsten Versuch schnappte die Polizei den Serienräuber.
Maier hält mir eine Seite aus dem „Schwarzwälder Boten“ vor die Nase, zückt seine Lesebrille und zitiert genüsslich: „In Nordstetten ging der Täter leer aus. Der Tankstelleneigentümer hatte clever reagiert: Der Täter brach den Versuch ab.“
Die vermeintliche Reflex des Tankwarts war natürlich eine Volte, um dem Räuber sauber auflaufen zu lassen, vor allem aber, um die Handlungshoheit zurückzuerlangen. Im eigenen Geschäft lässt man sich nicht dumm anmachen. Einer wie Maier („Ich bin kein Tankwart. Mir gehört der Laden.“) nimmt das nicht einfach hin, wenn jemand mit einem Messer vor ihm herumfuchtelt und Geld von ihm fordert.
Da er nun schon mal in Fahrt ist, gewährt mir der Tankwart einen Einblick, wie er in seinem Arbeitsalltag changiert zwischen Understatement und Dominanz, zwischen Coolness und cholerischem Ausbruch. Er sagt: „Ich mache das Geschäft seit 50 Jahren. Was glaubst du, wie viele hier mit einer Grundaggressivität reinkommen? Wenn sie sich dann da nervös am Kühlschrank zu schaffen machen und eine Dose Bier rausholen, dann kann ich sie anblaffen: Mach die Tür wieder zu! Dann bekomme ich zu hören: Das kann man auch freundlich sagen! Ich habe dann die Wahl, ich sage: Okay, entschuldige, mach bitte die Kühlschranktür zu! Oder ich sag‘: Was ist, willst du eins aufs Maul? Nach 50 Jahren kann ich einschätzen, wann bei wem welche Nummer zieht und wo ich besser mein Maul halte.“
Übrigens, sagt Maier, habe er einen Brief vom Anwalt des Tankstellenräubers bekommen: „Er hat sich für die Tat entschuldigt. Sollte wahrscheinlich strafmildernd wirken.“ Erinnerst du dich an unseren Krimi?, frage ich. Falls ich Beifall und eine Belobigung erwartet haben sollte, werde ich enttäuscht. Maier klingt sarkastisch, als er erwidert: „War so was wie eine Prophezeiung. Kriminalität kommt aufs Land.“
Der Tankwart ist kein großer Redner, er hat jetzt etwa zehn Minuten am Stück erzählt, das gibt aus für zehn Tage. Das Zitat ist als Schlussbemerkung gedacht, als Winnetou gemäßes „Howgh, ich habe gesprochen“. Er verzieht keine Miene. „Grüß deine Frau!“
Der Autor Jo Berlien, Jahrgang 1965, ist freier Journalist und war bis 2004 Redakteur der Neckar-Chronik in Horb.