Als Boomer jung waren, haben sie verrückte Dinge getan – so wie die Clique, die 1981 den Palaisbogen am Kleinen Schlossplatz bestieg. Das Foto davon erschien in unserer Zeitung. 43 Jahre später treffen sich alle am alten Hochsitz. Eine äußerst emotionale Begegnung.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Ob sie den Steinbogen wie im Juni 1981 besteigen werden? „Wer da nicht hochkommt, darf nicht mit aufs Bild“, hat Michael Kälberer, der einzige Mann bei der Denkmalhocketse von einst, wenige Tage vor dem Treffen rundgemailt. Mit dem festen Willen, das 43 Jahre alte Foto im Städtischen Lapidarium, dem neuen Standort, nachzustellen, sind drei Schulfreundinnen und ein Schulfreund (alle vom Abijahrgang 1982) angereist – eine sogar aus Kanada.

 

Dem StZ-Fotografen Horst Rudel gelang damals ein großartiger Schnappschuss, der zu einem Dokument der Stadtgeschichte geworden ist. Am Kleinen Schlossplatz befand sich ein Fensterbogen des Kronprinzenpalais’, das 1963 nach heftigem Streit für den Verkehr abgerissen wurde. Dabei hätte man die Ruine zum Wiederaufbau wie beim Neuen Schloss nutzen können. Als Erinnerung an das stadtbildprägende Gebäude wurden wenigstens Fassadenreste aufgestellt.

1982 haben sie Abi gemacht

An einem schönen Tag im Juni 81 wird auf dem Schlossplatz ein Folklorefest gefeiert. Susanne Dick, Heike Mössner (heute Lambor), Michael Kälberer und Caroline Aicher, die sich vom Fanny-Leicht-Gymnasium und Wirtschaftsgymnasium kennen, erobern einen Logenplatz, steigen hoch aufs Portal.

Wie es ihnen gelungen ist, plötzlich mit Gläsern ganz oben zu sitzen, wissen sie heute nicht mehr so genau. Horst Rudel jedenfalls hat sie fotografiert. Die Aufnahme erschien anderntags in der Stuttgarter Zeitung. Als der 1951 geborene Bildjournalist diese Aufnahme vor einem halben Jahr für seine Ausstellung im Stadtpalais auswählte, berichtete der Newsletter „StZ Damals“ darüber, der bis nach Kanada versendet wurde. In Sangudo lebt Susanne Dick, eine aus dem Quartett, mit Praxis als Osteopathin. „Wir vier haben immer noch Kontakt“, schrieb sie an unsere Redaktion. So war rasch die Idee geboren: Das alte Foto wird nachgestellt!

Als 1993 die Freitreppe am Kleinen Schlossplatz gebaut wurde, musste der Palaisbogen weichen. Das 1850 erstellte Kleinod zog um ins Freiluftmuseum unterhalb der Karlshöhe, das zu den schönsten Orten von Stuttgart zählt. Elena Kaifel, die Chefin des Lapidariums, erteilte unserer Zeitung die Fotogenehmigung und schrieb: „Wir freuen uns sehr über den Besuch.“ Offensichtlich gab es ein Missverständnis. Denn plötzlich eilt eine Mitarbeiterin zu der Gruppe hinauf, um klarzustellen, was in der Mail nicht steht: „Das Foto können Sie machen – aber steigen Sie auf keinen Fall auf den Fensterbogen!“

Dabei hat die Clique, die noch heute befreundet ist und für den Fototermin mit ähnlicher Kleidung wie 1981 erschienen ist, bereits den Kletterweg nach oben auf herausstehenden Steinen erörtert. Eine von ihnen ist ein bisschen erleichtert. Denn oben auf dem Portal ist Moos gewachsen, auf dem man ausrutschen könnte.

Sind die Boomer gar nicht älter geworden?

Vielleicht ist es gut, dass eine andere Aufnahme entsteht. Die Clique steht 2024 im Fensterbogen. Die Vergangenheit lässt sich nicht kopieren. Erinnerungen jedoch sind wichtig, denn sie können stärken und der Zukunft dienen. Wer die Boomer, über deren Generation junge Leute gern spotten, beobachtet, könnte meinen, sie seien nicht älter geworden. Es wird gelacht, turbulent geht’s hin und her, als wären sie noch jung, als wären sie immer noch bereit für neue Träume.

Horst Rudel ist ebenfalls gekommen (mit Tochter Ines Rudel, die das Bild macht) und staunt. In seinem langen Berufsleben habe er noch nie erlebt, dass sich fotografierte Personen nach so langer Zeit melden. „Heute hätte ich Sie fragen müssen, ob Sie einverstanden sind mit der Veröffentlichung“, sagt er. 43 Jahre später erfährt er: Alle haben sich damals riesig gefreut über das Zeitungsfoto.

Altern heute 60-Jährige anders als die Generation vor ihnen? Als sie jung waren, gab es von ihnen viel zu viele. Die geburtenstarke Jahrgänge mussten um rare Stellen kämpfen. „Wir sind die Generation der Friedensketten, Kriegsdienstverweigerer, Anti-Atomkraft-Demos“, sagt Susanne Dick. Ihr klappe „die Kinnlade runter“, wenn sie hört, „dass junge Leute heute ein Jahr nach dem Studium den guten Job hinschmeißen, weil sie keine Lust haben, Vollzeit zu arbeiten“.

Michael Kälberer, der sich „Privatier“ nennt, nachdem er zuletzt Verlagsleiter in Ulm war, fragt sich, „was passiert, wenn sich die Boomer aus dem Arbeitsleben endgültig verabschieden?“ Wie entwickle sich das Land, wenn die Generation Z die Work-Life-Balance zelebriere und „absurde Forderungen“ an die Arbeitgeber stelle?

„jede Generation macht sich über die vorige lustig“

Caroline Aicher, die in einer Genossenschaft für gemeinschaftliches Wohnen arbeitet, stört es nicht, wenn die Jungen sich über Boomer lustig machen: „Das macht jede Generation über die vorige.“ Kürzlich war sie beim Klimastreik der Initiative Fridays for Future und freut sich: „Ich finde es toll, wie viele junge Menschen sich für eine bessere Zukunft für alle engagieren.“ Heike Lambor, die bei der Stadt Stuttgart in der Abteilung für Stadterneuerung tätig ist, sagt, sie habe sich im Vergleich zu früher „nicht grundlegend verändert“. Allerdings glaubt sie, heute „deutlich entspannter“ zu sein.

Werte, die dem Quartett früher wichtig waren, sind heute allen noch wichtiger geworden. Sie durften die Schönheiten des Lebens kennenlernen, mussten aber auch Schmerzen erleiden. Zwei von ihnen verloren ihren Partner durch frühen Tod, sind aber immer wieder zu neuer Kraft gekommen. Ihre Freundschaft hat über Jahrzehnte gehalten – so wie die Steine des Fensterbogens trotz Kriegsbomben und Umzügen.

In den 80ern erkämpften sie sich Freiräume

Die Boomer erkämpften sich Freiräume in ihrer rebellischen Zeit der 80er – und profitieren davon bis heute. Ihr Rat for the next generation: Ein Perspektivwechsel kann zu neuen Erkenntnissen führen. Wie sie einst aufs Palaisportal gestiegen sind, sollten sich die Jungen von heute ihren eigenen Ausguck suchen, um von nicht alltäglicher Warte alles besser überblicken zu können. Und womöglich versteht man dann das Leben besser.