Wer das Innenleben der Pflugfelder Straße 31 sehen will, muss an der Pforte erst einmal eine Menge Formulare ausfüllen. Ohne Besuchererlaubnis kommt keiner auf das Industrieareal, das mit seinen 20 000 Quadratmetern so groß ist wie fünf Fußballfelder. Schmuck und Glasflaschen sind tabu. Der Lebensmittelhersteller will vermeiden, dass es Scherben gibt, Besucher aus Versehen ihre Ohrringe verlieren und Dinge in die Produktion gelangen könnten, die dort nichts zu suchen haben. Auch herkömmliche Kugelschreiber darf man nicht benutzen. Stattdessen gibt es Stifte, die notfalls mit einem speziellen Gerät wieder aufgespürt werden können.
Weil Hygiene wichtig ist, müssen Gäste vor der Werksbesichtigung die Hände waschen, in Spezialschuhe und Arbeitskleidung schlüpfen sowie ein Haarnetz anlegen. Männer bekommen ein Bartnetz ums Kinn geschnallt. Eines wird den Besuchern mehrfach eingetrichtert: Auf dem Gelände nie die gekennzeichneten Wege verlassen und auf Treppen stets das Geländer benutzen! Thomas Mathar, seit fünf Jahren Werksleiter in Ludwigsburg, macht es vor.
Die Geschichte des Ersatzkaffees reicht zurück bis in die Zeit Friedrich des Großen
Angemeldeten Gästen gibt Nestlé einen Einblick in die Geheimnisse der Produktion seines Getreidekaffees. „Muckefuck“ wird Ersatzkaffee im Volksmund genannt – eines der schönsten schwäbischen Wörter und Liebeserklärung an eine Tradition. Es lehnt sich an den Begriff „mocca faux“ aus dem Französischen, was so viel wie „falscher Kaffee“ bedeutet. „Fast jeder kennt Caro-Kaffee, aber kaum einer weiß, wie er hergestellt wird“, sagt Thomas Mathar.
Beim Rundgang erklärt er, dass der lösliche Ersatzkaffee aus vier Bestandteilen besteht: Gerste, Roggen, Gerstenmalz und Zichorie – auch als Gemeine Wegwarte bekannt. Für die Herstellung wird ihre Wurzel geröstet und zu Pulver verarbeitet. Dabei werden Zucker und Bitterstoffe freigesetzt, die ein kaffeeähnliches Aroma und den süßlichen Geschmack bewirken. „Zichorie enthält den Ballaststoff Inulin, der ist gut für Magen und Darm“, sagt der Chemieingenieur Mathar. Wer wissen will, wie geröstete Gerste oder Zichorie schmeckt, darf auch gerne mal kosten.
Die Geschichte vom Muckefuck reicht zurück bis in die Zeit Friedrichs des Großen. Der besteuerte Bohnenkaffee war damals so teuer, dass er nahezu unbezahlbar wurde. Der Unternehmer Johann Heinrich Franck suchte nach einem Ersatz. Aus der Zeit der Frankreichfeldzüge hatte er ein Rezept für Zichorienkaffee mitgebracht, das er als Grundlage nahm, um eine eigene Mischung zu ertüfteln. 1828 baute er eine Fabrik in Vaihingen/Enz. Rund 40 Jahre später wurden Produktion und Zichorienanbau nach Ludwigsburg verlegt. „Damals gab es riesige Plantagen hinter den Gleisanlagen“, sagt Mathar und zeigt auf ein großes Gemälde aus dem Jahr 1902, das im Besprechungsraum hängt. Franck hatte früh erkannt, dass ein Anschluss an das Eisenbahnnetz wichtig war, um zu expandieren. Da bot sich das Bahnhofsareal in Ludwigsburg an. Mittlerweile nutzt das Werk, das nach einigen Namensänderungen und Fusionen seit 1971 zum Nestlé-Konzern gehört, den Gleisanschluss nicht mehr.
Die perfekte Bräune
1954 wurde in der Franck’schen Fabrik mit der Produktion des ersten löslichen Landkaffees begonnen – der klassische Caro war geboren. Wie stellt Nestlé ihn heute her? Dafür muss das Getreide erst einmal die perfekte Bräune bekommen. Der Geschmack entsteht erst durch das Rösten. Blitzblank ist der Raum, in dem zwei Maschinen mit Edelstahltrommeln von fünf Meter Durchmesser stehen. Kein Körnchen ist auf dem grauen Boden zu sehen, obwohl hier täglich mehrere Tausend Kilogramm Gerste und Roggen bei mehr als 200 Grad verarbeitet werden. Nach etwa 90 Minuten haben die Körner die richtige Farbe.
Wenn die Mitarbeiter mit dem Ergebnis zufrieden sind, stoppen sie den Röstprozess und kühlen die Masse mit einem Schwall Wasser ab. Der Dampf zieht durch den Kamin, und die süßlich-herben Aromen bescheren Ludwigsburg das typische Kaffee-Gschmäckle. „Vor allem bei Tiefdruckgebieten im Winter ist das deutlich zu riechen, da wissen die Leute gleich, wo das Wetter herkommt“, sagt Thomas Mathar. Und schiebt hinterher: „Wir arbeiten stets daran, die Ablufttechnik zu optimieren.“ Die Ludwigsburger scheinen sich an den Duft gewöhnt zu haben – und daran, dass das Caro-Werk eine Art Wetterstation ist. „In meiner ganzen Zeit hat sich jedenfalls noch nie jemand beschwert.“
Nach der Röstung kommt die abgekühlte Masse in den Mahlstuhl mit zwei gegenläufigen Walzen. „Das dauert ein paar Sekunden, bis die Körner die richtige Partikelgröße haben“, sagt Mathar. Anschließend werden die gemahlenen Körner mit den restlichen Bestandteilen gemischt. Dann geht es ins Allerheiligste.
Die Rezeptur ist geheim
„Die Extraktion ist einer der wichtigsten Produktionsschritte“, erklärt Mathar. Dabei wird aus den zerkleinerten Körnern und Wasser ein Kaffee-Extrakt hergestellt. „Das kann man sich etwa so vorstellen wie das klassische Filterkaffeekochen.“ Genaueres verrät Mathar nicht – trotz hartnäckiger Fragen. Fotos dürfen hier auch keine gemacht werden. Der große, schlanke Mann mit den grauen Haaren lacht verschmitzt und sagt: „Die Rezeptur ist unser Geheimnis, die Technik auch, die hat Nestlé hier in Ludwigsburg erfunden.“
Wohlig warm ist es ein paar Schritte weiter. In zwei 15 Meter hohen Sprühtürmen wird der Kaffee-Extrakt erhitzt. Das Wasser verdampft, am Ende bleibt das Pulver übrig. Ein kleines Fenster ermöglicht einen Blick ins beleuchtete Innere des Turms. Man sieht, wie das fertige Pulver durch die Luft wirbelt. „Wie ein Schneegestöber in Braun“, sagt Thomas Mathar.
Ludwigsburg gehört in Deutschland mit seinen 100 Beschäftigten zu den kleineren von 16 Werken im Nestlé-Konzern. „Die Hälfte unserer Mitarbeiter sind mehr als 20 Jahre im Betrieb“, sagt Thomas Mathar. Man spürt, dass in dem Werk eine familiäre Atmosphäre herrscht. Mathar spricht die Mitarbeiter mit Namen an, plaudert kurz mit jedem, bevor er weiter zu der nächsten Station geht, wo die Verpackung zugeschnitten wird. Die Caro-Dosen sind inzwischen nicht mehr rund, sondern oval. „Sie liegen so besser in der Hand.“ Ob rund oder oval – eines darf auf einer Dose jedenfalls nicht fehlen: das rote Karo.
Karo war der Spitzname Robert Francks
Wie kam es überhaupt zum Markennamen und dem Logo? Patrick Siben ist sicher, dass es etwas mit Robert Franck, dem Enkel des Firmengründers, zu tun hat. Siben gehört seit 16 Jahren die Jugendstil-Villa Franck in Murrhardt. Franck nutzte sie von 1907 an als seinen Sommersitz. Seit Patrick Siben eingezogen ist, beschäftigt er sich intensiv mit dem Leben Francks und weiß, dass er schon früh daran gearbeitet hat, einen „sofort löslichen Muckefuck“ auf den Markt zu bringen. „Er wurde Kaffee-Robert von seinen Schulkameraden gerufen“, sagt Siben. „Der Spitzname Karo hat ihm in jungen Jahren sicher nicht gefallen.“ Später aber machte er das Karo trotzdem zum Markenzeichen und zum eingängigen Symbol seiner Produkte.
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts habe er die Franck’schen Kaffeedosen mit dem Logo versehen. „Auch in der Villa finden sich überall Karos.“ Erst 1964, als Franck längst nicht mehr lebte, wurde die Marke eingetragen – mit C und nicht mit K. Patrick Siben vermutet, um sich damit auch international durchzusetzen.
Bis zu zehn Lastwagen verlassen täglich das Caro-Werk. Zum Umsatz in Ludwigsburg macht der Konzern keine Angaben. Nur so viel gibt die Zentrale in Frankfurt preis: 2015 belief sich der Umsatz der Nestlé Deutschland AG auf 3,5 Milliarden Euro. In Ludwigsburg produziert Nestlé jedes Jahr neun Millionen Dosen Caro, insgesamt stellt das Unternehmen jährlich 6000 Tonnen Landkaffee her. Dazu gehören neben den Caro-Sorten auch die Traditionsmarken Kathreiner Malzkaffee und Linde’s Kornkaffee zum Aufbrühen.
Orzoro für die Espressomaschine
Zwei Drittel der Gesamtproduktion geht ins Ausland – der Großteil davon nach Italien, der Rest nach Polen, Tschechien, Österreich und Frankreich. In Italien wird Caro mehr als hierzulande getrunken. Dort ist er als Orzoro-Kaffee bekannt, besteht zu 100 Prozent aus Gerste und wird häufig in Espressomaschinen aufgebrüht. Erstaunlich, dass die Italiener, die nach Angaben des Deutschen Kaffeeverbands pro Kopf 5,6 Kilogramm Rohkaffee im Jahr verbrauchen und damit über dem weltweiten Durchschnitt von fünf Kilo liegen, ausgerechnet auf Ersatzkaffee abfahren. Eine Erklärung dafür hat selbst Nestlé nicht.
In Ludwigsburg ist es nicht nur der Zichorienduft, der seit Ewigkeiten zu der Stadt gehört. Auch die alte Werksglocke, die heute noch die Pausenzeiten von einst einläutet, ist weithin hörbar. Als sie aus Altersgründen abgeschafft werden sollte, hagelte es Proteste aus der Bevölkerung. Jetzt schlägt sie wieder sechsmal am Tag.
Überraschend gab Caro im Juni 2018 bekannt, dass die Caro-Produktion nach Portugal verlagert wird. Aus diesem aktuellen Anlass veröffentlichen wir diese Reportage aus dem Jahr 2017 jetzt erneut.