Bis vor kurzen hätte sie zu den Schildern in den Beeten noch ein weiteres stecken können. Darauf hätte dann gestanden: „Wie geht es weiter mit unserem Kloster?“ In Deutschland hat sich die Zahl der Ordensfrauen in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als halbiert – auf aktuell etwas mehr als 14 000. Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Obendrein sind 80 Prozent der Nonnen älter als 65 Jahre.
Zumindest auf die Frage nach der Zukunft ihres Klosters haben Schwester Benedicta und ihre Mitschwestern nun eine Antwort gefunden. Die Franziskanerinnen der ewigen Anbetung in Schwäbisch Gmünd, wie ihr vollständiger Name lautet, bauen für 4,5 Millionen Euro ein Hospiz. Fünf Prozent der Kosten müssen sie selbst aufbringen.
An der Bergstraße herrscht Aufbruchstimmung. Deshalb kann sich die Frau im schwarzen Ordensgewand hinter den Klostermauern kaum der Kontemplation hingeben. „Wenn ich überzeugt bin, dass etwas richtig ist, dann setze ich mich dafür ein und schaue nicht, wie alt ich bin“, sagt die 80-Jährige. Dafür pendelt sie einmal in der Woche mit dem Auto von Ulm, wo sie seit ihrem Abschied lebt, nach Schwäbisch Gmünd. Seit 2007 ist sie nicht mehr Generaloberin, also Leiterin des Klosters. Aber die Schwestern haben sie zur Leiterin der Schwesternkonferenz gewählt. Die Verbindung ist nie abgerissen.
Letzte-Hilfe-Kurs: Was am Ende eines Lebens wichtig ist
Am Vorabend hat Schwester Benedicta in der Klosterkapelle noch bei einem Benefizkonzert um Spenden geworben. Hat erklärt, dass es nicht darum gehe, dem Leben mehr Tage, sondern dem Tag mehr Leben zu geben. Ein Satz, der für sie das Vorhaben gut beschreibt. Eigentlich ist sie auch jetzt schon wieder auf dem Sprung. Denn sie überwacht ein riesiges Projekt. Eines, dass es so noch nicht gegeben hat in Baden-Württemberg.
Die Franziskanerinnen bauen in ihrem eigenen Klostergarten. Obstbäume stehen dort, eine Bank, ein kleiner Pavillon – und künftig auch ein Hospiz. Sie haben dafür sogar ein bestehendes Gebäude ihrer Klosteranlage abreißen lassen. Aber sie machen sich nicht etwa alleine auf den Weg. 23 Gemeinden rund um Schwäbisch Gmünd, das Sozialministerium Baden-Württemberg und Angelika Daiker, die ehemalige Leiterin des katholischen Hospizes St. Martin in Stuttgart, ziehen gemeinsam an einem Strang. Einen Geschäftsführer hat der Orden obendrein.
Und so entsteht in unmittelbarer Nähe zur Gmünder Innenstadt ein echter Solitär, der alle, die mit diesem Projekt befasst sind, nach nur wenigen Worten ins Schwärmen bringt. Und das nicht nur deshalb, weil die knapp 140 000 Einwohner, die im Einzugsbereich der 23 Städte und Gemeinden leben, damit endlich ein stationäres Hospiz bekommen. Sondern auch, weil der Ort, sein Geist und die Idee nach Überzeugung aller vorzüglich zusammenpassen.
Eine Hospizköchin in Baden-Baden: Letztes Mahl
Auf der Suche war Gmünds Erster Bürgermeister Joachim Bläse schon seit einiger Zeit. Aber irgendwann war dem Mann fürs Soziale klar, „dass es nur einen unstrittigen Ort gibt für das Hospiz: den bei den Schwestern.“ Der Ort stehe für Offenheit, auch wenn er hinter Klostermauern liege. Schwester Benedicta erklärt in ihren Worten: „Ich hoffe, dass der Ort durchlässig wird.“ Der heilige Franziskus sei ein Vorbild für die Offenheit gegenüber anderen Mensch. „Wir werden im Hospiz keine Liste führen, ob jemand evangelisch, katholisch oder muslimisch ist“, sagt sie. „Wir wollen die Gastfreundschaft der Klöster leben.“
Lisa Weis von der „Initiative Allianz für Beteiligung“ des Sozialministeriums nennt gleich mehrere Gründe, warum das Land das Kloster-Hospiz als eines von 47 Projekten im Rahmen des „Quartierimpulse“-Programm mit 100 000 Euro unterstützt. Knapp drei Millionen Euro hat das Land insgesamt vergeben. „Das Klosterhospiz jedoch ist einmalig. Das gemeinsame generationengerechte Leben wird hier groß, nämlich interkommunal gedacht“, sagt Weis, die stellvertretende Geschäftsführerin der Initiative ist.
Hier gehe das Nachdenken über des Älterwerden in vertrauter Umgebung bis hin zur Palliativversorgung. Weis geizt nicht mit Lob. Schwäbisch Gmünd habe ein gutes Gespür für Beteiligungsprozesse. Immer, wenn man denke, jetzt haben sie wirklich alles umgesetzt, „kommen sie mit einer neuen Idee“.
Und nun geben die Schwestern den Raum für das Bauvorhaben. Joachim Bläse hat im Gegenzug seine Mitbürgermeister im Altkreis Schwäbisch Gmünd hinter der Idee versammelt. Schwester Benedicta holte sich Angelika Daiker als Projektleiterin für das Hospiz zur Seite. Die schöpft als Fachfrau aus ihrer langjährigen Erfahrung in der Trauer- und Sterbebegleitung und knüpft gerade ein Netzwerk rund um das Hospiz. Denn das braucht es, um das Haus zu einem Ort zu machen, an dem es zwar auch um die allerletzte Lebensphase geht, an dem aber auch das Leben vorher in einem Gesamtzusammenhang gedacht wird – von der häuslichen Palliativversorgung bis zur Begleitung der Angehörigen. Das afrikanische Sprichwort, nach dem es ein ganzes Dorf brauche, um ein Kind zu erziehen, wandelt Angelika Daiker ab: „Es braucht eine ganze Raumschaft, um ein Hospiz zu tragen.“
Ein Manager, der Sterbende begleitet
In der Fachsprache nennt man das Caring Communitys, also Gemeinschaften, die sich kümmern und füreinander verantwortlich fühlen. „Dass gleich 23 Gemeinden unserem Hospiz zutrauen, einen Beitrag für eine fürsorgliche und eine achtsame Gesellschaft zu leisten“, fügt sich nahtlos in Daikers Denken. Und dieses Engagement in der Zivilgesellschaft zu moderieren, darin sieht Bürgermeister Bläse seinen gesellschaftlichen Auftrag. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.
In diesen Tagen laufen die Vorbereitungen für das Gießen der Bodendecke im neuen Haus. Es dockt an das Kloster an. Acht Hospizgäste sollen hier einmal beherbergt werden. Mindestens einmal in der Woche tagt Schwester Benedicta mit dem Architekten. Sie ist heilfroh, dass der Hausmeister des Klosters Elektriker ist und schon dabei war, als die Frauen im Jahr 2000 von der Stadt hier herauf zogen und ihr neues Kloster bauten. Er kennt jede Stromleitung in dem Gebäudekomplex. Bis zum Frühjahr nächsten Jahres soll das Hospiz fertig sein.
Vor zwölf Jahren haben die Schwestern schon einmal darüber nachgedacht, ein Hospiz einzurichten. Damals aber gab es Zweifel, ob neben den bereits bestehenden Einrichtungen in Göppingen, Aalen und Heidenheim überhaupt Bedarf besteht. In Schwester Benedicta reifte der Gedanke dennoch – nachdem sie eine Bekannte in der Stafflenbergstraße besucht hatte, dem damals einzigen Hospiz in Stuttgart. „Die Atmosphäre dort beeindruckte mich ungemein. Das hinterließ Spuren in mir.“ Aber manchmal braucht es etwas Zeit, bis im Leben die richtige Abzweigung kommt, um eine Idee Wirklichkeit werden zu lassen.
Ausgesetzt vor einem Kloster: Das Model Susann Rek
„Ich konnte das ja nicht ohne meine Mitschwestern machen“, sagt die gebürtige Stuttgarterin Schwester Benedicta – und leistete auch in ihrem Kloster erst einmal Überzeugungsarbeit. Dort wussten alle, dass die Zeit nicht eben für die Franziskanerinnen spielt und dass es auch um die Sicherung der eigenen Zukunft geht. Nach dem Krieg zählten sie in Schwäbisch Gmünd mehr als 100 Frauen. Als sie im Jahr 2000 ins neue Kloster zogen, waren sie noch 60. Heute sind sie 22 Frauen – die jüngste 66, die älteste 98 Jahre alt. Im Kloster gibt es eine Pflegestation. Das Hospiz ist kein Selbstzweck für die jüngeren Schwestern. Aber ein Ort, an dem sie Besuchsdienste machen werden.
„Das Ordensleben, wie es einmal war, wird es künftig vielleicht in einigen kontemplativen Gemeinschaften noch geben. Aber die großen Klöster mit ihren sozialkaritativen Einrichtungen schrumpfen alle. Und bei den kleinen geht es eben rascher“, sagt Schwester Benedicta. Von der Genossenschaft ist die Ordensgemeinschaft zur GmbH mit Geschäftsführer und nun zu einem Verein geworden. Vielleicht sei das Klosterhospiz ja ein Sämling für etwas, was nachwachse.
Mitten im Leben haben sie immer gestanden – etwa in der Kinder- und Jugendhilfe, in der Arbeit mit Drogenabhängigen oder der Gefängnisseelsorge. „Da können Sie nicht fromm meditieren, da sind Sie gefordert“, sagt Schwester Benedicta. Als das Land anfragte, ob die Nonnen jesidische Frauen und Kinder aus dem Sonderkontingent der aus dem Irak Geretteten aufnehmen würden, sagte die Franziskanerinnen zu.
Die Zeichen im Orden standen schon immer auf Zukunft. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Frauen gegen viele Widerstände noch mal ein neues Kloster bauten? Aber gerade daraus erwächst auch die Verpflichtung.