Die Goldenen Zitronen im Wizemann Wenn man trotzdem tanzt

Von Kathrin Horster 

Die Goldenen Zitronen haben ihre bitterbösen Grooves im Wizemann gespielt. Noch immer ist die Fun-Punk-Band auf Protest gebürstet: Auch Stuttgarts neuen Bahnhof nimmt sie als „gefährliches Loch“ ins Visier.

Die Outfits der Goldenen Zitronen heben sich noch immer leicht von der klassischen Büromode ab. Foto:Frank Egel Foto:  
Die Outfits der Goldenen Zitronen heben sich noch immer leicht von der klassischen Büromode ab. Foto:Frank Egel

Stuttgart - Der Schorsch Kamerun von heute trägt knallbunte Tunika zu Glitzerleggings, um den Bauch eine Gardinenkordel gewickelt. Seine Mitstreiter bei der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen fallen ähnlich extravagant aus dem Raster, als wären sie von einem über den Flohmarkt streunenden Gianni Versace eingekleidet worden. Über verwirrend verschlungenen Ornamenten wippen extra-lange Fransen in Neongrün und Rosa im Takt der Musik.

Das bisschen Totschlag

Von so viel modischem Überschwang darf man sich nicht blenden lassen. So grell und lustig die Fassade, so ernst ist es den Zitronen seit 35 Jahren mit den Inhalten ihrer Songs. Am Dienstag eröffnen Kamerun, Ted Gaier, Mense Reents, Julius Block, Stephan Rath und Enno Palucca ihr Konzert im Wizemann mit dem bitterböse groovenden Hit „Das bisschen Totschlag“ von 1994, der damals die neonazistischen Brandanschläge auf Asylbewerberheime in Mölln und Hoyerswerda ins Visier nahm.

25 Jahre später kann einem schwindelig werden, wie die von Schorsch Kamerun ironisch gebellten Zeilen aktuelle Ressentiments gegenüber Asylsuchenden reflektieren: „Doch sie blieben tapfer, sie würden sich nicht beugen / Vor welchem Mob auch immer / Und übrigens auch nicht vor Missbräuchlern und Schmarotzern / Der, wie sagt man, Flut eben“.

Wie humorvoll und zugleich tanzbar die Gesellschaftskritik der Zitronen klingt, grenzt an ein Wunder angesichts solch sarkastischer Verse wie „Baut doch eine Mauer quer übers Meer / tut nicht so verlogen, als fiel euch das schwer“. Zu den funkig-rhythmischen Keyboard-Akkorden lässt es sich wunderbar wippen. In Zeiten von Donald Trump, der AfD und niemals endendem Brexit ist Humor vielleicht, wenn man trotzdem tanzt.

Irre lustig wird es, als Enno Palucca seine Drumsticks gegen die Blockflöte tauscht und damit schief ins Mikrofon bläst. Es gibt auch eine schöne Improvisation zum Thema Stuttgart 21, das Kamerun als „gefährliches Loch bezeichnet“. „Ein Tipp von Hamburg an Stuttgart“, säuselt er, „organisieren Sie ein Musical ins Loch hinein.“ Das Publikum ist hellauf begeistert. Dem Sog dieser Mischung kann man sich besonders im Live-Vortrag kaum entziehen. Nach neunzig grandios prallen Minuten haben die Leute noch längst nicht genug und fordern insgesamt fünf Zugaben.