InterviewExperte zur Gothic-Szene „Die Gothics werden älter“

Wie leben Gruftis in Deutschland? Der Kulturanthropologe Markus Tauschek von der Uni Freiburg kennt die schwarze Szene. Wir haben mit ihm über seine Gothic-Forschung gesprochen.

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Freiburg - Die schwarze Szene ist aktiv: Bei den großen Gothic-Festivals in Leipzig, Köln und Hildesheim treffen jedes Jahr zwischen 10 000 und 30 000 Gruftis zusammen. Für sein aktuelles Forschungsprojekt „Doing Popular Culture“ hat der Kulturanthropologe Markus Tauschek von der Universität Freiburg die Veranstaltungen besucht und zusammen mit seinem Team Szene-Mitglieder interviewt.

Herr Tauschek, wie sieht ein Grufti aus?
Früher haben sich die Mitglieder der Szene fast durchweg schwarz gekleidet, hatten hochtoupierte Frisuren. Auch heute noch gibt es einige, die diesen alten Kleidungsstil aus der Anfangsphase oder die Frisuren tragen. Doch seit ihrer Entstehung hat sich die Gothic-Szene unglaublich ausdifferenziert. Eine Gruppierung bilden zum Beispiel die sogenannten Steampunks, die im historischen Gewand Technik-Utopien verkörpern – Geräte aus dem 19. Jahrhundert, die es so nie gegeben hat. Eine weitere Untergruppe trägt nur viktorianische Kleidung, wieder andere kleiden sich wie im Mittelalter. Die Cybergoths wiederum erkennt man unter anderem an ihren neonfarbenen Haarteilen.
Gibt es überhaupt noch Merkmale, welche alle Mitglieder der Gothic-Szene verbinden?
Es gibt unbedingt Merkmale, die für die gesamte Szene gelten. Eine wichtige Gemeinsamkeit ist nach wie vor klar die Berufung auf die Farbe Schwarz. Sie wirkt wie eine Art Uniform: Gleiche ästhetische Codes verbinden ihre Träger. Sie schaffen eine Wiedererkennbarkeit und erzeugen eine Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Das ist übrigens eine Gemeinsamkeit vieler Szenen: Sie positionieren sich in Hinblick auf die Kultur der vielen. Sie verstehen sich als Protest gegen den Mainstream.
Wie sieht es mit gemeinsamen Werten aus?
Eine kritische, bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod ist sicher auch etwas, das die Szene verbindet. In den späten 70er und den frühen 80er Jahren, als die Gothic-Szene entstand, tauchten immer wieder Artikel auf, in denen über Satanismus und Teufelsanbetung berichtet wurde. Das ist aber eher ein Diskurs des medialen Mainstreams, wo die Szene sehr kritisch beäugt wurde. Mit der Praxis hat das wenig zu tun. Den Gothics geht es viel eher um eine Auseinandersetzung mit dem Dasein, mit Fragen wie: Wie leben wir? Wozu leben wir? Wie wollen wir leben? Solche Fragen werden in der Szene bis heute verhandelt.
Woher kommt dieses ausgeprägte Interesse an den Themen Tod und Vergänglichkeit?
Wenn man sich ein umgedrehtes Kreuz um den Hals hängt oder Friedhöfe als Orte wertschätzt, dann hat das sicher etwas mit Provokation und Abgrenzung zu tun. Andere Menschen sind davon irritiert. Dieser Effekt war den Szene-Mitgliedern gerade in der frühen Phase sehr wichtig. Sie wollten provozieren. In der Punk-Szene findet man das sicher noch ein Stück weit stärker als bei den Gothics. Aber am Anfang waren die beiden Szenen sehr eng miteinander verwandt, da konnte man gar nicht so klar trennen, wer jetzt eigentlich Punk ist und wer Gothic.
Wann ist die Szene entstanden?
Die Gothic-Szene ist Ende der 70er Jahre in Großbritannien entstanden, zeitgleich zu anderen Szenen wie dem Punk. Zu der Zeit kam die elektronische Musik auf, und mit ihr ein neuer Lebensstil. Die Szene-Forschung erklärt das damit, dass die Menschen seither mehr Möglichkeiten haben, sich auszudrücken. Man könnte das unter dem Stichwort der Individualisierung zusammenfassen. Zwar leben wir auch heute noch in engen gesellschaftlichen Strukturen, die uns vorgeben, wie wir uns verhalten und zu welchen sozialen Milieus wir gehören. Aber spätestens seit den 1970er Jahren gibt es immer mehr Wahlmöglichkeiten, was die Lebensgestaltung angeht.
Wie sieht der Alltag eines Gruftis aus?
Es gibt sicher ganz unterschiedliche Arten des Umgangs mit der Szene-Zugehörigkeit. In den Interviews haben wir allerdings zwei dominante Formen gesehen: Da gibt es einerseits diejenigen, die Gothic als einen Lebensstil sehen – als Ausdrucksform, die ihr ganzes Leben betrifft und die auch wirklich ihren Alltag als Gothic leben. Wobei sie natürlich auch Probleme haben. Manche Arbeitgeber, etwa in der Altenpflege, erlauben zum Beispiel keine Piercings. Dann gibt es einen beträchtlichen Anteil, die das eher in der Freizeit ausleben und im Beruf normal auftreten. Und trotzdem von sich behaupten, Vollblut-Gothic zu sein. Daneben erscheint auf den Festivals immer eine beträchtliche Anzahl von Akteuren, die das sozusagen als Karnevaleske sehen, als einen Ort, an dem man etwas ausleben kann, was im Alltag sonst nicht möglich ist.
Aus welchen sozialen Milieus setzt sich die Szene zusammen?
Die Szene ist insgesamt sehr heterogen. Es ist alles dabei, vom Akademiker über den Angestellten bis hin zum Arbeiter.
In den 90ern und den 2000ern hat man recht häufig Gruftis auf der Straße gesehen. Heute kommt das nur noch selten vor.
Die Sichtbarkeit auf der Straße hat definitiv abgenommen – was aber auch daran liegt, dass das, was Menschen in der Öffentlichkeit tragen, insgesamt bunter und vielfältiger, vielleicht auch extremer, geworden ist. Szene-Kleidung hat längst auch Eingang in die Mode gefunden. Vielleicht fällt sie uns deshalb nicht mehr so sehr auf. Ich denke, dass das vor 20 Jahren noch anders war.
Hat die Szene den Zenit nicht überschritten?
Auf den Festivals sieht man, dass die Szene noch sehr groß und lebendig ist. Wie viele Mitglieder sie in Deutschland hat, kann ich nicht sagen, dazu gibt es keine Zahlen. Aber in den meisten Städten finden sich Akteure regelmäßig zu Partys zusammen – etwa in Freiburg, Mannheim, Kiel oder Leipzig. Die Szene stirbt nicht aus, sie entwickelt sich weiter. Es ist keine jugendkulturelle Szene mehr. Die Gothics werden älter. Für die Forschung ist das spannend: Was verändert sich dadurch, dass die Menschen auf den Festivals 50, 60 Jahre alt sind? Die Teilnehmer haben andere Bedürfnisse als früher.
Was verändert sich?
Wenn der Trend so weitergeht, wird die Szene sicher noch ausdifferenzierter und heterogener werden. Vielleicht kommt auch irgendwann den Moment, von dem an man sich wieder auf den Kern, auf die Anfänge beruft. Es gibt bereits Tendenzen, die Vielfalt innerhalb der Szene als Problem zu betrachten. Das findet man derzeit aber auch in anderen Kollektiven – man sehe sich nur die politischen Parteien an. Ob sich der Trend zu mehr Individualisierung oder die Rückbesinnung durchsetzt, kann ich nicht sagen. Beide Bewegungen sind da.
Wie kamen Sie zu dem Thema?
Durch Zufall. Ich war vor fünf Jahren an Pfingsten in Leipzig und sah die ganze Stadt in Schwarz. Ich habe über die Szene vorher sehr wenig gewusst. Für mich war es spannend, das mitzuerleben. Eine Kultur zu sehen, die für uns nicht sichtbar ist im Alltag, die aber trotzdem da ist und die Gesamtkultur in Deutschland mit ausmacht.

Zur Person: Markus Tauschek

Forschung
Der Kulturanthropologe Markus Tauschek befasst sich schwerpunktmäßig mit populärer Kultur. In einem aktuellen Forschungsprojekt beschäftigt er sich mit der Gothic-Szene. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt „Doing Popular Culture“ nimmt die heutige schwarze Szene in den Blick. Im Fokus des Projekts stehen das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig, das Amphi-Festival in Köln und das M’era Luna in Hildesheim, bei denen jeweils zwischen 10 000 und 30 000 Gruftis zusammenkommen.

Person
Markus Tauschek wurde 1977 in Memmingen geboren. Nach dem Studium der Volkskunde, Romanistik und Neueren Deutschen Literatur in Eichstätt und Freiburg war er von 2009 bis 2015 als Juniorprofessor am Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Universität Kiel. Seit dem Jahr 2015 hat er eine Professor für Europäische Ethnologie an der Uni Freiburg inne.

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