Die große Inflation vor 100 Jahren Notgeld macht erfinderisch

Werbung für lokale Erzeugnisse: ein 25-Pfennig-Schein aus Suhl Foto: /Archiv Schindelbeck

Die Inflationsrate in Deutschland beträgt aktuell 7,9 Prozent. Paradiesische Zustände gegenüber den 1920ern. Weil kein Geld mehr da war, druckten die Städte einfach ihr eigenes – Scheine voll Fantasie, Witz und Sticheleien.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Es war einmal, vor hundert Jahren, da gab es Geld, mit dem keiner zahlen wollte. Weil es so schön war, so lustig und mutig. Fast schon jeder Ort druckte seine eigenen Scheinchen. Sie sprühten vor Witz, strotzen vor Stolz, glühten vor Zorn. Und nahmen sich dabei doch nie ganz ernst. Heute erzählen sie uns die Geschichte Deutschlands nach dem großen Krieg. Vom Lebensgefühl der frühen Weimarer Republik.

 

Versailler Vertrag? Das Örtchen Neuhaldensleben, Sitz einer Nachttopfmanufaktur, kann auf einem seiner Geldscheine nur darüber spotten: „Eh nicht der Schmachvertrag zerissen liegt im Topfe, dem gewissen / ist der ganze Kram besch . . . ämend.“

Inflation? Im Boulevardstil dokumentiert die Stadt Itzehoe auf ihrem Schein die Explosion der Energiekosten zwischen 1913 und 1921: „100 Kilogramm Briketts von 2,50 Mark auf 42 Mark, 1 Kilowatt Strom von 50 Pfennig auf 4 Mark, 1 Liter Petroleum von 20 Pfennig auf 6,25 Mark“.

Schattenwirtschaft? In Tostedt an der Elbe ist man so erbost über Schwarzmarkt-Gewinnler, dass der Illustrator sie am Baum erhängt: „So muess dat all de Schiebers gahn, dann künnts um Deutschland baeter stahn“.

Schindelbeck besitzt 1500 Scheine

Der Freiburger Historiker Dirk Schindelbeck, 70, ist hingerissen von diesen Scheinen der frühen 1920er. „Zunächst haben sie mich ästhetisch fasziniert – wie man in die Farbtöpfe gelangt, wie schön sie grafisch gestaltet sind.“ Bald kaufte er sich selber ein paar und fing an, sich in die Materie zu graben. So tief, dass er erst nach vier Jahren wieder hochkam und ein Buch darüber geschrieben hatte. Heute besitzt er 1500 Scheine, die meisten für ein, zwei Euro. Sein teuerstes Exemplar kostete zehn – ein Notgeldschein aus Hamm, auf Butterbrotpapier gedruckt.

Ur-Impuls für das Notgeld ist der Erste Weltkrieg. Der Staat zieht den Leuten mit Kriegsanleihen das Geld aus der Tasche. Das Ersparte soll sich mit fünf Prozent verzinsen, ist am Ende aber ganz weg. Dann schöpft die Regierung das Edelmetall der Bürger ab („Gold gab ich für Eisen“), um international zahlungsfähig zu bleiben. Als Dankeschön gibt es eine wertlose Plakette. Schließlich wird auch alles Münzgeld aus dem Volkskörper gesogen und für Rüstungszwecke eingeschmolzen. In Nacht- und Nebelaktionen räumt die Polizei sogar alle öffentlichen Automaten leer. Wer noch Geldstücke besitzt, hortet sie. Sollen die da oben ruhig sagen, man sei ein Vaterlandsverräter. Das bis dahin übliche Zahlungsmittel für jedermann ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Und der Kaiser hat auch keine Lösung.

Um die Wirtschaft vor Ort noch irgendwie am Laufen zu halten, kommen die ersten Gemeinden auf die Idee, eigenes Papiergeld zu drucken. Meist kleine Werte, 20 oder 50 Pfennig. Richtiges Geld dürfen die Scheine, die von der Reichsbank allenfalls geduldet werden, freilich nicht sein. Sie nennen sich „Wertersatzscheine“ oder „geldwerte Gutscheine“ und tragen ein Verfallsdatum.

Nach Kriegsende hat die Mark, vormals eine der stabilsten Währungen der Welt, mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren. Das Land ist vom Welthandel ausgeschlossen. Die Ersatzzeit ist angebrochen: Ersatz für Kaffee, Ersatz für Tabak (Buchen- und Rosenblätter) und Ersatz für Münzen. Jetzt auf einmal lässt die Reichsbank Papiergeld in Unmengen drucken.

Die echten Banknoten müssen noch so tun, als seien sie gute Zahlungsmittel. Das Notgeld der Städte steht da drüber. In seiner Narrenfreiheit kann es sogar über den eigenen Unwert räsonieren – wie in Raguhn (Sachsen-Anhalt): „Es ist ein Gerücht im Schwang, dass hier im unterird’schen Gang sich eine Gans zu zeigen pflegt, die lauter goldne Eier legt. Wer uns, dem Rat, die Gans einfängt, kriegt das ganze Geld geschenkt.“

Eine Stadt nach der anderen druckt mit, erzählt in Bildern, Zeichnungen, Versen von der Geschichte des Ortes, von freudigen und traurigen Erlebnissen, von deutscher Befindlichkeit. Spätestens 1920, als sich eine Art Souvenirmarkt gebildet hat, entflammt ein Wettstreit um die attraktivsten Scheine. Mehr als 1400 Gemeinden – von Sylt bis Berchtesgaden, von Monschau bis Insterburg – sind jetzt Geldmacher.

Denn das Erfreuliche bei der Sache: Viele Notgeldscheine werden bis zum Verfallstermin gar nicht eingelöst. Zum einen, weil ihr Material teils so schlecht ist, dass sie leicht zerfleddern. Vor allem aber, weil sie Liebhaber finden, die das Geld sammeln. Die kommunalen Kämmerer freuen sich über jeden Schein, der ins Album geklebt wird.

Profit mit dem Kirschfestlied

Freiburg wagt als erste große Stadt die Ausgabe von drei verschiedenen 50-Pfennig-Scheinen und macht damit satte Gewinne. Naumburg perfektioniert die Idee mit einer sechsteiligen Serie. Die Verse des Kirschfestlieds („Die Hussiten zogen vor Naumburg“) sind so auf die Scheine verteilt, dass Sammler unbedingt alle haben wollen. Nach kurzer Zeit berichtet die Presse, die Stadt habe damit 900 000 Mark verdient.

Kahla gibt gleich 14 Serien heraus: Ob die damals brandaktuelle Geschichte des Wanderpredigers Muck-Lamberty (der auf der örtlichen Leuchtenburg minderjährige Mädchen schwängerte) oder die weiter zurückliegende Geburt Jesu: alles Verkaufsschlager.

15 000 Sammler des harten Kerns machen das Seriennotgeld inzwischen fast schon zu einem Wirtschaftsfaktor. Im Kampf um ein Stück vom Kuchen überbieten sich die Städte mit immer spektakuläreren Scheinen und frecheren Sprüchen. Buchhändler zeigen wöchentlich die neuesten Werke in ihren Schaufenstern.

Der Boom greift bis in Kleinstdörfer wie Igelshieb oder Ziegenrück. Endlich kann jedes Kaff mal zeigen, was in ihm steckt. Die Notgeld-Welle schwappt bis auf die Halligen. Bei einer Handvoll Einwohnern ist damit innerorts nicht viel verdient. Aber die Sammler von außerhalb bringen den Insulanern reichlich Profit. Über Nörenberg, einem vergessenen Flecken im heutigen Westpolen, gibt es kaum was Interessantes zu sagen. Doch Notgeldsammlern ist er ein Begriff. Denn die Heimatlegende, die von einem monströsen Flusskrebs handelt, ziert das lokale Notgeld.

Einst brachten die Bänkelsänger ihre Bilderbogen mit Sagen und Schauergeschichten unter das Volk. Jetzt ist Geld das Medium. Wer da mithalten will, muss kreativ sein. Und so zündet in Deutschland ein Fantasie-Feuerwerk. Der Gemeinde Probstzella fällt folgender Spruch ein: „Berlin, Probstzella, München, wir gleichen uns gar sehr / das Kleingeld fehlt uns allen, das große noch viel mehr.“

Freren bei Hannover fühlt sich belästigt durch die Großstädter, die jetzt wie Heuschreckenschwärme aufs Land kommen, um mit ihren Wertsachen Würste, Schinken und Eier zu ergattern: „Dem Hamsterheere wohlbekannt ist Freren im Hannoverland.“

Neustadt in Mecklenburg grummelt über den Verlust von Kamerun, wo den deutschen Kolonialherren die Bananen in den Mund wuchsen, während sie ihre Mohren arbeiten ließen. Aber abwarten, die Hoffnung nie verlieren: „Du bist uns geraubt in schwerer Zeit. Doch es kommt der Tag der Gerechtigkeit.“

Geld wird zur Werbefläche: „Mein Heimatland, wie bist du schön. Wer zählt die Perlen, die dich krönen? Doch obenan strahlst du mein Plön, der schönsten eine von den schönen.“ – „Köstritzer Schwarzbier hilft den Müttern, die Kindlein stramm ins Dasein füttern“ –„De allerbeste Medezien /das äss Nordhieser Branntewien.“

Geldscheine halten deutsche Kultur noch hoch. Das Städtchen Genthin mag kernige Bismarck-Zitate: „Wir sind nicht auf dieser Welt, um glücklich zu sein, sondern um unsere Schuldigkeit zu tun.“ Altrahlstedt bei Hamburg zitiert aus einem Epos des Dichters Detlev von Liliencron: „Lasst nur die Elendshydra auf mich los / Ich bin im Kopfabschlagen virtuos.“ Die Hansestadt Gardelegen ehrt ihren Sohn Otto Reutter: „Ehrlich blieb’n hüt up Erd’n / Is dat Schwerste wat et gifft / Mag dat Jeld ok dreckig werd’n / Wenn de Hand man sauber blifft.“

Und von da ist es nicht mehr weit bis ins ganz Abstruse. Burgsteinfurt berichtet in einer Serie von den erfolglosen Anstrengungen der Gemeinde beim Anschluss ans Netz der Eisenbahn. Als Endergebnis bleibt nur die Reparatur der örtlichen Kegelbahn.

Der westfälische Ort Oelde rühmt in heimatlichem Überschwang ein historisch verbrieftes Strafmandat: „Der Kupferschmied, den man hier schaut, der pupste eines Abends laut. Ein Schutzmann nahm ihn voll Empörung in Strafe wegen Ruhestörung.“

Der Bürgermeister wird zum Dichter

Wer denkt sich das alles aus? In der Regel kommt die tragende Idee aus dem Stadtrat. Weil man sich oft keinen Grafiker leisten kann, wird der Malermeister vor Ort kurzerhand zum Illustrator befördert. Als Dichter betätigen sich Bürgermeister, Fabrikanten oder Redakteure der Lokalzeitungen, die den unbedingten Willen zum Vers mitbringen. Auch unentdeckte Talente kommen zum Zug, sei es der Sparkassen-Buchführer, der Postsekretär oder Volkslehrer Krause aus Lauban mit seiner bekannten Taschentuch-Fabrik: „Auf Laubans Wiesen liegt im heißen Sommer Schnee / Hier bleicht das Leinentuch gebreitet wie ein See / Sein Taschentüchlein winkt zum Abschied fern und nah / Und nur zu Laubans Wohl ist jeder Schnupfen da.“

Selbst Zoos, Weinstuben, Turnvereine, Versehrtenverbände und Klosettpapierfabriken fühlen sich berufen, eigenes Geld zu machen. Im Wettrennen um den maximalen Verkaufserlös dehnen manche ihre Serien auf bis zu 40 Motive aus. Dreiste Geschäftemacher drucken beliebte Serienscheine heimlich nach. Noch dreister: Notgeld einer fiktiven Stadt mit fiktivem Marktplatzmotiv.

Weil zu viel Schindluder damit getrieben wird, verbietet der Staat am 17. Juli 1922 jegliche Ausgabe von Seriennotgeld. Kaufen kann man sich mit den Pfennigbeträgen eh schon lang nichts mehr. Indes versucht die Reichsbank vergebens, dem Mangel an echten Zahlungsmitteln durch immer höheren Geldausstoß Herr zu werden. Im Herbst tritt die deutsche Wirtschaft schließlich ins Stadium ihrer Zersetzung ein. Ernest Hemingway schreibt im September 1922: „Meine Frau und ich machten einen Abstecher nach Kehl. Für 90 kanadische Cents bekam ich 670 Mark. Diese 90 Cents reichten einen ganzen Tag, an dem wir viel ausgaben. Im besten Hotel servierte man uns ein Fünf-Gänge-Menü für 120 Mark, das sind 15 Cents.“

Um einen Liter Milch oder ein Brot zu kaufen, braucht es nur wenige Monate später schon Millionenbeträge. Die Geldberge, die am Morgen ausgegeben werden, sind zur Mittagszeit nur noch die Hälfte wert. Im August 1923 wächst sich die Misere zu einer alle Vorstellungen sprengenden Hyperinflation aus. Ende November 1923 wird sie gestoppt – bei einem Endstand von 4,2 Billionen Papiermark gleich 1 Dollar. Ein großer Kapitalschnitt und die Einführung der Rentenmark bringen zumindest für ein halbes Jahrzehnt etwas Erholung. Aber für stabile Zustände ist das Fundament zu brüchig. Das wird bald noch die ganze Welt zu spüren bekommen.

Eine Deutschlandreise mit Geldscheinen

Wer sich die Geldscheine von damals ansieht, geht gleichsam auf Überlandfahrt bis in die abgelegensten Flecken. „Dieses Geld erzählt auf überschäumende Weise vom kulturell so reichen, aber wirtschaftlich bettelarmen Deutschland“, sagt Dirk Schindelbeck. Die Milliarden-Scheine der Hyperinflation und die Bilder von Wäschekörben voller Geld sind im kollektiven Gedächtnis geblieben. Das Seriennotgeld nicht. Sammler wie Schindelbeck halten es lebendig. In ihren Alben überdauern die Scheinchen mit ihrer verspielten Poesie vielleicht noch weitere ernste Zeiten.

Buch Dirk Schindelbecks „Notgeld“ (25 Euro, 168 Seiten) ist erschienen im Jonas-Verlag.

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