Die grüne Mitte von Stuttgart Graf Eberhard und der Schwarze Baron

Von  

Die Macht besaß im Stuttgarter Rathaus und im Landtag jahrzehntelang nur ein Parteibuch: jenes der CDU. Doch jetzt fahnden die Parteien nach dem neuen urbanen Lebensgefühl. Ein Blick in die Stammlokale von CDU und Grünen.

Ins rechte Licht gerückt: Gerhard Mayer-Vorfelder analysiert im Ratskeller den Zustand der CDU. Foto: Horst Rudel
Ins rechte Licht gerückt: Gerhard Mayer-Vorfelder analysiert im Ratskeller den Zustand der CDU. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Das Schild über dem Eingang hängt an einer eisernen Kette: „Ratskeller“. Unter dem verschnörkelten Schriftzug prangt ein goldenes Rössle. In den Schaukästen neben der Tür werden Schweineschnitzel Wiener Art, Kalbsnierle und hausgemachte Schweinskopfsülze mit Bratkartoffeln empfohlen. Wenige Stufen führen hinab in jenes Gewölbe, in dem die Stuttgarter CDU jahrzehntelang ihre Wahlsiege feierte. Unten dämpft ein Teppich die Geräusche. Linker Hand wölben sich dem Besucher Glasvitrinen entgegen, rechter Hand bietet sich der Festsaal Herzog Eberhard als Ort für Familienfeiern an. Am Ende des Teppichs wartet unter Holzverstrebungen, von denen künstliches Weinlaub rankt, ein älterer Herr mit Anzug, Krawatte und Einstecktuch.

Wenn die CDU im Ratskeller etwas zu feiern hatte, ist Gerhard Mayer-Vorfelder früher traditionell als einer der Letzten gegangen. MV nimmt Platz, bestellt ein großes Apfelsaftschorle und nickt einigen Leuten an den Nebentischen zu. Nur wenige andere haben so lange an der Stuttgarter CDU-Geschichte mitgeschrieben wie er: Kultusminister, Finanzminister – mehr als zwei Jahrzehnte war er der Kreisvorsitzende der Partei. „Bei der OB-Wahl ist für die CDU eine Ära zu Ende gegangen“, sagt Mayer-Vorfelder, „es wird schwierig sein, das Rathaus wieder zurückzuerobern, der Kuhn ist ja auch ein konservativer Typ.“

Für Gerhard Mayer-Vorfelder ist das ein Gütesiegel, immer noch. Am Nebentisch werden Rahmspinat und Spiegeleier serviert, MV nippt an seiner Apfelsaftschorle und verteilt weiter Streicheleinheiten – für die Grünen. „Viele CDU-Mitglieder fühlen sich inzwischen auch bei denen zu Hause.“ Die CDU habe es zu lange versäumt, sich um Umweltfragen zu kümmern, obwohl es doch in ihrem Grundsatzprogramm stehe. „Die Grünen sind weit in das bürgerliche Lager vorgestoßen. Die stehen der CDU näher als den Sozialdemokraten.“

Die Macht für die CDU – Ende eines Naturgesetzes

Der Ratskeller füllt sich, die meisten Besucher gehören zur Generation von MV, das schwarze Urgestein der Stadt. Im März wird er 80 Jahre alt. In den Gewölben des Rathauses hat die CDU sich selbst und ihre Wahlsieger gefeiert, es schien ein Naturgesetz zu sein. Die Macht besaß im Rathaus und im Landtag jahrzehntelang nur ein Parteibuch: jenes der CDU. Die Partei schien unerschütterlich, auf den der CDU nahestehenden Klett folgte Rommel, auf Rommel folgte Schuster. Auf Schuster folgte eine gewaltige Klatsche.

Die rechte Augenbraue von Gerhard Mayer-Vorfelder wandert Richtung Stirn. Er erzählt davon, wie er als Junge mit seiner Familie selbstverständlich jeden Sonntag in den Gottesdienst gegangen sei. Davon, wie er sich freiwillig zur Bundeswehr gemeldet habe, weil er sich dem Staat gegenüber verpflichtet fühlte. Er redet über ideologische Grabenkämpfe in der Politik. All diese Punkte gaben früher vielen Menschen Orientierung, sie waren ein Kompass. Die Nadel des Kompasses zeigte nach rechts, zur CDU.

„Diese Bindungen sind schwächer geworden“, sagt Mayer-Vorfelder, der lange über die CDU spricht, aber dabei nie „wir“ sagt. Seine Nachfolger an der Parteispitze grübeln über den modernen Großstadtbewohner – ein Wesen, das ihnen fremd geworden scheint. Nach der verlorenen Kommunalwahl 2009 hat die Partei einen „Arbeitskreis Lebensgefühl“ gegründet, um den Anschluss nicht zu verlieren. Dem urbanen Lebensgefühl spürt man gerne weiter im Ratskeller nach. An den Wänden hängen alte Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen die Herren lange Bärte und ihre Frauen rüschige Kleider tragen. In den Wänden des Ratskellers sind Vertiefungen eingelassen, in denen das Mobiliar der guten alten Zeit ausgestellt ist: glänzendes Zinngeschirr, eine Kaffeemühle und eine Standuhr. Ihre Zeiger sind stehen geblieben.

Grünes Gedankengut wurzelt tief in der Stadt

Der grüne Geist ist keineswegs über Nacht von den Halbhöhen der Stadt hinabgerauscht und durch Gewölbe und über Paternoster ins Rathaus eingedrungen. Grünes Gedankengut wurzelt tief in der Stuttgarter Geschichte, es lässt sich im württembergischen Landesmuseum besichtigen: In einem der Türme des Alten Schlosses stehen mehrere Fernrohre. Wer durch sie hindurchschaut, sieht die Wahrzeichen der Stadt: das Rathaus, die Stiftskirche. Dahinter schiebt sich der Anthroposophenhügel ins Bild. So hat der Volksmund jene Gegend auf der Uhlandshöhe getauft, wo unter der Regie von Rudolf Steiner die erste Waldorfschule eröffnet wurde. Steiner gehört zur geistigen Grundausstattung der Stadt. Als ihm kürzlich das Kunstmuseum eine Ausstellung widmete, stürmte das Publikum die Schau.

Doch die grünen Traditionslinien führen noch weiter zurück: In den 1880er Jahren erregte in Stuttgart ein Professor namens Gustav Jäger an der Polytechnischen Hochschule ungeheures Aufsehen: Jäger predigte die Vorzüge wollener Kleidung für das geistige und körperliche Wohlbefinden. Bei seinen Vorlesungen beschwor er auch die segensreichen Heilkräfte der Homöopathie. Jäger war Kult, seine Seminare waren überfüllt. Einer seiner Studenten sog seine Reden förmlich in sich auf, sie wurden zu seinem geistigen Nährstoff, er trug fortan selbst nur noch Wollkleidung. Später würde dieser junge Mann Fabriken besitzen und Wert darauf legen, dass seine Arbeiter saubere Luft einatmeten. Der junge Student hieß Robert Bosch.

Heute hat der grüne Geist längst jenen Mantel abgelegt, der ihn so exotisch wirken ließ. Dritte-Welt- und Bioläden sind keine Einsprengsel mehr. Biosupermärkte sind in beste Einkaufslagen vorgedrungen – am Bosch-Areal, in Degerloch und in der Klett-Passage. Die Zeiten der grünen Gründerväter mit Vollbart und Alpakapulli sind längst vorbei.

Sonderthemen