Die Grünen in Stuttgart Stimmen aus dem bürgerlichen Lager dazu gewinnen

Von Jörg Nauke 

Der Grünen-Kandidat Fritz Kuhn hat offenbar schon nachgerechnet. Ihm sei nicht bange, sagte er im StZ-Interview. Die im einen Lager verloren gehenden Stimmen will er im bürgerlichen zurückgewinnen. Es wäre allerdings absurd, wenn er als Projektkritiker abgestraft würde, „und dann einer ins Amt kommt, der Stuttgart 21 mit Hurra begrüßt hat“.

Soweit muss es nicht kommen, den Gegnern könnte ein Achtungserfolg im ersten Wahlgang schon reichen, um den Grünen Bedingungen für einen Rückzug samt Wahlempfehlung für Kuhn zu diktieren. Etwa die Forderung nach einem erneuten Stresstest unter realistischen Bedingungen, eine Faktenschlichtung für den Filderbereich oder eine ehrliche Kostenanalyse. Als Vorbild gilt ein Grüner: 2004 trotzte Boris Palmer OB Schuster unter anderem einen (jedoch nie vollzogenen) Bürgerentscheid bei erheblichen Mehrkosten und eine Nichtbebauung des Rohrers Wegs ab – und das mit gerade einmal 21,5 Prozent Stimmenanteil.

Vorgegebene Argumente

Mittlerweile scheinen die Grünen-Strategen in der „Villa“ die Gefahr erkannt zu haben. Sich selbst durchaus damit begnügend, Stuttgart 21 konstruktiv statt kritisch begleiten zu können, indem auf die vereinbarte Einhaltung des Kostendeckels von 4,5 Milliarden Euro verwiesen wird, werden die Stuttgarter Parteifreunde animiert, sich weiter vehement kritisch zu äußern. Damit nicht jeder etwas anderes sagt, wurden Argumente vorgegeben.

Geopfert hat sich etwa die Abgeordnete Muhterem Aras. Sie wolle weiter „überall die Finger in die Wunden legen“. Sie sagt, die Grünen hätten keineswegs „die Kritik eingestellt und den Kontakt zu den Wählern verloren“. Dass das so rüberkomme liege womöglich „an der fehlenden Kommunikation“. Auch die beiden Kreisvorsitzenden Philipp Franke und Petra Rühle geben sich in einem Kreis von rund 200 161 Mitgliedern der Aktion „Grüne gegen Stuttgart 21“ widerborstig. Und im Gemeinderat lässt der Grünen-Fraktionschef Peter Pätzold keine Gelegenheit aus, der Bahn auf den Zahn zu fühlen. So gesehen erfüllt sogar die Stadträtin Clarissa Seitz ihren Zweck, die sich zum Verdruss vieler Grünen an die Spitze des Aktionsbündnisses wählen gelassen hat. Allein bei den Baumfällungen enttäuschte die Zahl der Grünen-Basisvertreter.

Kretschmann sucht den Dialog

Winfried Kretschmann versuchte zuletzt, über Facebook und in persönlichen Gesprächen zu retten, was zu retten ist. Er erklärte einmal mehr dass es „bitter und schmerzlich“ gewesen sein, die Volksabstimmung zu verlieren, jedoch sei für ihn die Legitimation entfallen, Stuttgart 21 in Frage zu stellen. Über die Benennung von Schwächen das Projekt noch zu Fall zu bringen, sei mit ihm nicht zu machen.

Dafür haben jene Gesprächspartner, die etwa den Stresstest für mangelhaft erachten und von massiver Wählertäuschung sprechen, kein Verständnis, wie sie nach dem Treffen mit ihm deutlich machten. „Das Maß unserer Enttäuschung“ lasse sich nur schwer beschreiben, hieß es. „Der Graben, der sich zwischen Ihnen und Ihren Wählern aufgetan hat, ist leider tiefer geworden.“ Wie tief, zeigt der Vorwurf, Kretschmann würde Sicherheitsmängel tolerieren „und damit gegebenenfalls den Tod zahlreicher Bürger billigend in Kauf nehmen“. Wohin das führe, ist den Projektgegnern schon klar: „Mit dem Zerstören der grünen Parklandschaft wird auch das Grün in der Stuttgarter Parteienlandschaft verblassen.“