Das Personalkarussell beginnt sich zu drehen. In der Öko-Partei Die Grünen ist ein Gerangel um die frei gewordenen Chefposten entbrannt. Am Samstag auf dem Länderrat in Berlin sind Vorentscheidungen möglich.

Stuttgart - Beim Länderrat – dem Kleinen Parteitag der Grünen – könnten am Samstag Vorentscheidungen für die neue Führung fallen. Einige haben ihren Ring in den Hut geworfen, so will der Realo Cem Özdemir erneut als Parteivorsitzender kandidieren. Wer vom linken Flügel an seine Seite treten könnte, ist offen. Simone Peter, für drei Jahre Umweltministerin in der Jamaika-Koalition im Saarland, gilt als Anwärterin für den Job, hat sich aber noch nicht erklärt. Die 47-jährige promovierte Mikrobiologin gilt als durchsetzungsstark, umtriebig und kundig in Energiefragen, sie sitzt in einer auf zwei Abgeordnete geschrumpften Grünen-Fraktion im Landtag an der Saar – und macht Opposition gegen Schwarz-Rot. Auch die Ostdeutsche Steffi Lemke, langjährige Bundesgeschäftsführerin und neu gewählt in den Bundestag, ist für das Amt im Gespräch.

 

Die Arbeit im Parteivorsitz gilt als mühselig und wird selten gedankt, mehr im Rampenlicht steht man an der Fraktionsspitze – und dahin drängeln einige. Während die Parteiführung auf einer Bundesdelegiertenkonferenz im November gewählt wird, ist die Wahl der Fraktionsspitze schon für den 8. Oktober terminiert. Relativ rasch hat Katrin Göring-Eckardt, die mit Jürgen Trittin als Spitzenkandidatin unterwegs war, ihr Interesse am Job der Fraktionschefin angekündigt. Die 47-jährige Thüringerin – seit 2005 Vizepräsidentin des Bundestages und seit 2009 Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland – sollte den Grünen mehr bürgerliche Wählerschichten erschließen. Das misslang. Sie galt als Realo, hat im Wahlkampf aber auch linke Positionen besetzt. Mit ihrem pastoralen Stil – sie studierte einst Theologie – vermag sie zu überzeugen, aber Parteitagsmassen reißt sie selten mit.

Auch Anton Hofreiter (43), hat sich um den Fraktionsvorsitz beworben, und wenn die Grünen „Zurück zu den Wurzeln“ als neue Strategie ausgeben, dann könnte er der richtige Spitzenmann sein. Der bodenständige Bayer und promovierte Botaniker hat sich schon als Jugendlicher für die Grünen engagiert, wurde mit 16 Parteimitglied und setzt sich seit mehr als 20 Jahren in seinem Wahlkreis München Land für nachhaltige ökologische Politik ein. Lange Haare, sauber gestutzter Vollbart, kräftige Statur – Hofreiter ist ein richtiger Naturbursche, der grüne Kernthemen überzeugend verkörpert.

Volkswirtin Kerstin Andreae hat Interesse

Nach seinem Einzug in den Bundestag 2005 wurde er Sprecher der Fraktion für Verkehrspolitik und später Vorsitzender des Verkehrsausschusses. Im Ausschuss verschaffte er sich als sachkundiger Vorsitzender ohne Berührungsängste und ideologische Scheuklappen bei allen Fraktionen Respekt. Hofreiter gilt als prinzipientreuer Politiker, der den Blick fürs Machbare nicht verliert. Bei Stuttgart 21, der Bahnpolitik oder Berlins peinlichem Großflughafen hat er sich als gut informierter Kritiker und Kontrahent von Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) positioniert. In der Partei wird er dem linken Flügel zugerechnet, mit Fraktionschef Trittin versteht er sich gut.

Auch Kerstin Andreae (44) aus Freiburg hält sich eine Kandidatur als Fraktionschefin offen: „Ich will, dass wir in den nächsten Jahren starke grüne Politik im Bundestag machen und verlorenes Vertrauen zurückgewinnen“, sagte sie „Handelsblatt Online“. Die Diplom-Volkswirtin hat ein Faible für Wirtschaftsfragen, war bisher schon Fraktionsvizechefin und vertritt klar den realpolitischen Flügel der Grünen. Sie versteht sich als Brückenbauerin zum Mittelstand, eine „zukunftsfähige Wirtschaft“ sei „eine nachhaltige Wirtschaft“ sagt sie.