Nach Verkaufsverboten im Diesel-Skandal Wie löst Daimler den Neuwagenstau auf?

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Im vierten Quartal will Daimler ohne Preiskampf wieder zu einem normalen Lagerbestand an Neuwagen kommen – denn in den Halden stehen viel zu viele Wagen. Autoexperten meinen: Es ist zu schaffen, aber einfach wird es nicht.

Daimler hat Neuwagen nach dem   neuen Abgasstandard WLTP vorproduziert, die  noch nicht verkauft werden  durften, weil die Zertifizierung fehlte. Foto: dpa
Daimler hat Neuwagen nach dem neuen Abgasstandard WLTP vorproduziert, die noch nicht verkauft werden durften, weil die Zertifizierung fehlte. Foto: dpa

Stuttgart - Als Daimler die Absatzmeldung der Marke Mercedes-Benz für den Mai vorlegte, konnte die Mercedes-Vertriebschefin Britta Seeger noch jubeln. „Der 63. Rekordmonat in Folge unterstreicht das Vertrauen unserer Kunden in die erstklassigen Produkte von Mercedes-Benz“, triumphierte die Vertriebschefin. Doch heute, nur wenige Monate später, herrscht Katerstimmung in der Konzernzentrale in Untertürkheim.

Zwangsrückrufe, verbunden mit Verkaufsverboten, sowie Lieferprobleme wegen Verzögerungen bei der Genehmigung der Modelle nach dem neuen Abgasprüfverfahren WLTP haben die Rekordfahrt gestoppt. Im September brach der weltweite Absatz um acht Prozent ein, in Deutschland sogar um 17 Prozent. Der Autobauer kämpft mit Halden unverkaufter Fahrzeuge.

Bis Jahresende normalisiert sich die Lage

Gleichwohl demonstriert der Vorstand Zuversicht. Im vierten Quartal werde sich die Lage wieder normalisieren, sagte Finanzvorstand Bodo Uebber bei der Vorlage des Zwischenberichts in der vergangenen Woche. Bis zum Jahresende sollen die Bestände nach seinen Angaben um 50 000 Autos verringert werden. Damit wären die Halden nach einer überschlägigen Rechnung des Autoanalysten Frank Biller von der Landesbank Baden-Württemberg beseitigt. Aber kann dieser zusätzliche Absatz geschafft werden, wenn die Produktion weiterläuft wie bisher? Zudem hat die VW-Tochter Audi einen Preiskrieg angezettelt, weil dort die Verzögerungen bei der WLTP-Einführung noch viel größer sind als bei den Stuttgartern. Seit September dürfen nur noch Neuwagen verkauft werden, die diesem neuen Standard genügen.

Vor diesem Stichtag hat Audi auf Teufel komm raus in den Markt gedrückt. Im September folgte der Absturz. Um von Audi nicht in eine Rabattschlacht gezogen zu werden, drosselt BMW die Produktion. Daimler will sich nicht dazu äußern, ob Gleiches geplant sei, um den Stau bei den unverkauften Autos ohne größere Preiszugeständnisse abbauen zu können.

Die Nachfrage ist hoch

„Es wird für unsere weltweite Vertriebsmannschaft eine Herausforderung, aber wir sind zuversichtlich, dass wir die Bestände im geplanten Umfang reduzieren können“, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Unternehmenskreise bestätigen, dass sich der erwartete positive Trend für das vierte Quartal schon bei der Monatsbilanz für den Oktober zeigen werde. „Die vorhandenen Aufträge und auch die Absatzplanungen unserer Händler in den Märkten zeigen, dass die Nachfrage weiter sehr hoch ist“, sagt der Sprecher. Seit Anfang September ist nach Angaben des Unternehmens die gesamte Flotte für Europa nach dem WLTP-Standard zertifiziert. Allerdings habe sich dies noch nicht richtig in der Absatzbilanz für September niederschlagen können, weil die Wagen vielfach noch auf dem Weg zu den Händlern gewesen seien.

Zur Produktionsplanung macht Daimler generell keine Aussagen. Dem Vernehmen nach ist bislang keine Einschränkung in den kommenden Monaten geplant. Ferdinand Dudenhöffer, Chef des Forschungsinstituts Car an der Universität Duisburg-Essen, rechnet dagegen damit, dass auch Daimler wie BMW die Produktion drosseln wird. Das Forschungsinstitut Car untersucht in jedem Monat die aktuelle Lage an der Rabattfront. „Bei Daimler konnten wir bisher im Gegensatz zu VW und Audi keine überbordenden Rabatte feststellen“, berichtet Dudenhöffer. Der Wissenschaftler kann sich indes vorstellen, dass die Stuttgarter nicht in eine Preisschlacht um Privatkunden einsteigen, sondern eher diskret Pakete mit Sonderangeboten für Firmenkunden mit größeren Flotten schnüren. „Mercedes-Benz beteiligt sich nicht an Preisdumping, nur um höhere Verkaufszahlen zu generieren“, versichert der Sprecher des Unternehmens.

Ein Risiko besteht

„Es gibt sicherlich ein Preisrisiko“, urteilt Stefan Reindl, der Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft (IfA) an der Hochschule Nürtingen-Geislingen. „Wenn Autos, die auf der Halde stehen, in den Markt gedrückt werden, funktioniert das in der Regel über den Preis“, sagt Reindl. Der Wissenschaftler meint aber schon, dass es die Stuttgarter schaffen könnten, die Bestände wie geplant abzubauen. 50 000 Autos in drei Monaten zusätzlich zu verkaufen – dies sei keine übermächtige Dimension angesichts eines weltweiten Absatzes von rund 200 000 Autos im Monat. Der LBBW-Autoanalyst Biller rechnete damit, dass es für Daimler nicht einfach werde, den Stau bei den unverkauften Autos aufzulösen. „Der Markt ist schwierig“, gibt Biller zu bedenken. Auf der anderen Seite sei es jedoch gut für Daimler, dass BMW keinen Preiskampf mitmache und Audi erst nach und nach Neuwagen mit dem Abgasstandard WLTP liefern könne.