Die Heimat des Champagners Sterne im Glas
Winterlicher Glanz: Mitte Dezember feiert Épernay in der Champagne sein Lichterfest
Winterlicher Glanz: Mitte Dezember feiert Épernay in der Champagne sein Lichterfest
Die hügelige Landschaft südlich von Reims, im Nordosten Frankreichs, 145 Kilometer von Paris entfernt, mit seinen idyllischen Dörfern, Kirchen und Weinbergen gilt als eine der berühmtesten Regionen der Welt: die Champagne. Nur der Schaumwein, der hier angebaut wird, darf sich Champagner nennen. Landschaft, Anbau und Weinkultur zählen zum Weltkulturerbe.
Die wenigsten aber kennen das Lichterfest der Champagne: „Habits de Lumière“. Zum 25. Mal bringt es am dritten Adventswochenende Glanz nach Épernay, in die „Hauptstadt der Champagne“. Feuerwerk, Lichtinstallationen, Oldtimer-Parade oder Wettbewerb junger Konditoren, Probierstände, oft sogar von Sterneköchen: Jedes Champagnerhaus will sich hier von der besten Seite zeigen, eines prächtiger als das andere.
In diesem Jahr gibt es noch andere Gründe zu feiern: seit 1925 heißt die Prachtallee in Épernay „Avenue de Champagne“, in ihren über 100 Kilometer Kellern lagern rund 200 Millionen Flaschen, sagt Christian Josephi vom Comité Champagne. „Rathaus, De Castellane Turm und Château Perrier stehen unter Denkmalschutz.“
Mit 22 000 Einwohnern wirkt Épernay eher wie ein mondänes Dorf – mit dem immerhin höchsten Pro-Kopf-Einkommen Frankreichs. Häuser wie Moët & Chandon oder Perrier-Jouët säumen die Avenue de Champagne, nun vorweihnachtlich geschmückt.
Über 2000 Jahre alt ist der Weinbau hier, erst im 17. Jahrhundert wird Schaumwein produziert. Der Mönch Dom Pierre Pérignon gilt als „Vater des Champagners“. Mit 17 Jahren tritt er in den Benediktinerorden ein, wird „Cellular“, Finanzchef, im Kloster von Hautvillers, von ihm hängt der Wohlstand der Abtei ab, die Lagerung und Herstellung der Nahrungsmittel.
Eigentlich war Schaumwein ein Versehen, aber als Dom Pierre Pérignon (1638–1715) den ersten Schluck trank, soll er gerufen haben: „Brüder, kommt schnell, ich trinke Sterne.“ Heute kann man seinen Grabstein in der Abtei im idyllischen Dorf sehen und Champagner auf Familienweingütern wie Fernand Lemaire oder Marion-Bosser, von Frauen geführt, probieren, wo beste Lagen kein Vermögen kosten.
Dass die Champagne für ihren Schaumwein berühmt wurde, verdankt sie einem Zufall. Damals wurde Weißwein in Glasflaschen statt in Fässer gefüllt, um die Frische auf dem Transport zu erhalten. „Man vergaß aber, dass der Wein in fest verschlossenen Flaschen nachgärt, sie zum Bersten bringt“, erklärt Josephi. Schaumwein galt als „Vin du Diable“, der verunglückte Wein, der, den der Teufel verdorben hat.
Dann stellte man fest: Eigentlich sind das interessante Weine, diese Schaumweine, wenn man die Schaumbildung kontrolliert. Doch bis Anfang des 19. Jahrhunderts blieb die Herstellung – immer wieder explodierten Flaschen – gefährlich für Kellermeister, die sich während der Arbeit mit Eisenmasken schützten. Aus einem Unfall wurde „die Kunst“, so Josephi, „Weine zu erschaffen, die die Natur so nicht gibt“.
In der Champagne gehe es nie um Kraft, immer um Eleganz. Das gilt auch für die Prachtstraße von Épernay zum Lichterfest. Unbedingt ansehen sollte man sich auch die gotische Kathedrale in Reims. Hier wurden französische Könige gekrönt. Und weil die Stadt im Ersten Weltkrieg so zerstört war, bauten sie über 400 Architekten wieder auf. Die renovierte Villa Demoiselle von 1908 ist ein Meisterstück des Art Nouveau und Art Déco, sehr sehenswert – wie die Keller der berühmten Champagnerhäuser Pommery und Taittinger.
Auf einem kleinen Hügel in Reims, Butte Saint-Nicaise, stoßen die Keller vieler großer Häuser aneinander. „Entstanden sind sie aus römischen Kreidebrüchen. Die Römer haben den Stein gebraucht, um Straßen und Triumphbögen zu bauen“, erklärt Josephi. „Diese pyramidenförmigen unterirdischen Kreidebrüche sind bis heute erhalten, über 2000 Jahre alt. Dadurch, dass die Kreide so porös ist, wird jeder Schall geschluckt. Das ist einer der wenigen Orte der Welt, an dem man gar nichts hört, wenn alle ruhig sind.“
Schon immer haben Frauen die Champagne geprägt. Das schreibt im klugen Buch „Girly Drinks“ – eine „Weltgeschichte von Frauen und Alkohol“ US-Historikerin und Bestseller-Autorin Mallory O’Meara. Erst die Witwe („Veuve“) Clicquot erfand die Rütteltechnik des Schaumweins: man lagert die Flaschen kopfüber, dreht sie, entfernt Hefe, die sich im Flaschenhals sammelt, bis heute wird so auf traditionelle Weise produziert.
Barbe-Nicole Clicquot war die erste Frau ihrer Zeit, die ein globales Schaumwein-Reich kontrollierte: 1777 in Reims geboren, mit 27 Witwe eines Textilerben-Sprosses. Sie heiratete nie wieder. Als Witwe war sie – anders als Frauen ihrer Zeit – finanziell unabhängig, mutig (verschiffte Flaschen nach Russland auf eigenes Risiko), extrem erfolgreich: Zar Alexander schwor, nie einen anderen Champagner zu trinken.
Als man die 89-Jährige 1866 in Reims zu Grabe trug, im schwarzem Witwenkleid, bildete sich eine fast 50 Kilometer lange Menschenschlange. Ausgeschenkt wurde nach der Beisetzung nur ihr Champagner, schreibt Mallory O’Meara. So berühmt war nur noch Louise Pommery (1819–1890), auch sie blieb Witwe und erfand den „Brut“, trockenen Champagner, für Briten, die vom süßen Schaumwein genug hatten. Bis heute trinkt man ihn kaum anders.
Und man kann sogar auf dem Gelände wohnen, das sie für ihre Tochter bauen lässt, Louise Marie Antoinette Pommery, Marquise de Polignac: Domaine Les Crayères, umgeben von einem englischen Landschaftsgarten mit dem schönsten Blick über Reims, heute eines der besten Hotels Frankreichs, ein Schloss für sich. Es gehört Laurent Gardinier, Präsident der Luxushotelgruppe Relais & Châteaux, und ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich, nicht nur das Restaurant (zwei Sterne). Designer Ralph Lauren gestaltete die Bar. Und das teuerste Zimmer („Imperial Room“) in Gelb-Blau mit Himmelbett und Balkon (ab 1391 Euro) ist so prächtig, dass man kaum ein Auge zubekommt.
Gegenüber kann man Kunst bewundern, in Kellern der Louise Pommery, über sie und das Unternehmen entscheidet Nathalie Vranken. Dagegen sind die Keller von Vitalie Taittinger, die das berühmte Haus leitet, schlicht, nun mit einem neuen Restaurant („Polychrome“) und Garten.
Weitsichtig produzieren übrigens beide Unternehmerinnen auch in Großbritannien, „Sparkling Wine“. In der Champagne steigen durch den Klimawandel die Temperaturen, anders als im kühleren Somerset (Pommery) und Kent (Taittinger).
Auch hier gibt es Kreide, aber keine Jahrhunderte alten unterirdischen Kathedralen wie in der Champagne.
Anreise
Im Zug besser nicht über Paris, sondern über Straßburg bis Champagne-Ardenne fahren. Weiter mit dem Regionalzug TER über Reims bis Épernay. Tickets unter www.sncf-connect.com/de .
Unterkunft
Am Ende der Avenue de Champagne liegt das kleine, familiäre Hôtel Kyriad Epernay mit 33 Zimmern, Lounge und Bar, wo natürlich Champagner serviert wird. Doppelzimmer ab 67 Euro, https://epernay.kyriad.com . 300 Meter vom Bahnhof in Reims steht das Boutiquehotel Bristol. Doppelzimmer ab 138 Euro, www.hotel-bristol-reims.fr .
Essen und Trinken
Die Produkte von Fernand Lemaire sind erstklassig und noch dazu günstig. Die Flasche Premier Cru gibt es ab 28 Euro, https://champagne-fernand-lemaire.com . Ein Geheimtipp in Hautvillers ist das von Frauen geführte Haus Marion-Bosser. Hier kostet die Flasche Premier Cru Brut ab 27,50 Euro, www.champagnemarionbosser.fr .Erste Adresse für Gourmets in Reims ist das mir zwei Michelin-Sternen ausgezeichnete Restaurant Le Parc im Domaine Les Crayères. Tipp: Mittags kostet das Menü im Restaurant 120 Euro, https://lescrayeres.com .
Aktivitäten
Die Abtei, in der Dom Pierre Pérignon begraben ist, kann man in Hautvillers besichtigen. https://de.tourisme-en-champagne.com/abbaye-saint-pierre-dhautvillers Sehenswert in Reims: die Villa Demoiselle, ein Art-Déco-Meisterwerk, und die berühmte Kathedrale. Maler Marc Chagall (1887–1985) entwarf ihre blauen Kirchenfenster – Meditation pur.
Allgemeine Informationen
Region Champagne, www.champagne.fr/de