1925 wird der Behälter um eine weitere, mehr als 10 000 Kubikmeter große Kammer erweitert, die nicht weniger majestätisch unter der Erde versteckt liegt. Wer es ganz genau nimmt, stört sich in dieser jüngeren Halle höchstens an den eckigen Säulen-Enden, wobei das architektonisches Jammern auf hohem Niveau ist. Die Welt unter dem grünen Hügel des Ameisenbergs ist auch für höhere Einsichten dienlich: Oft sind die verborgenen Dinge schöner als die, die man auf den ersten Blick zu Gesicht bekommt.
Über der Unterwelt befindet sich ein Tennisplatz
Im Oktober 2019 ist neben den alten Kammern ein neuer Trinkwasser-Hochbehälter eingeweiht worden. Dieser neue Speicher fasst 7500 Kubikmeter, was dem Inhalt von drei Olympiaschwimmbecken entspricht. Vom Kanonenweg aus werden rund 100 000 Menschen in Teilen der Stadtbezirke Stuttgart-Mitte, Stuttgart-Ost, Wangen, Hedelfingen, Ober- und Untertürkheim sowie Bad Cannstatt und Münster versorgt. Auch die Werke von Daimler in Untertürkheim bekommen ihr Wasser von hier oben. Die sogenannte Versorgungszone Kanonenweg ist damit sowohl verbrauchs- als auch flächenmäßig die größte Zone, die ein Hochbehälter in Stuttgart abzudecken hat.
Seit der moderne Behälter von der Firma Netze BW, einer Tochter der EnBW, in Betrieb genommen ist, warten die alten Wasserspeicher nebenan auf eine neue Bestimmung. Werner Pfahler, Teamleiter Speicher bei der Netze BW, und Theresa Brod, für das technische Anlagenmanagement zuständig, führen durch die faszinierende Unterwelt, über der sich unter anderem der Platz des Tennisclubs Ameisenberg befindet.
Die Trinkwasserkammern könnten künftig kulturell bespielt werden
Tief unten, wo einem früher das Wasser im wörtlichen Sinn bis zum Hals gestanden wäre und man ohne Schutzanzug gar nicht hätte reinschneien dürfen, sitzt oder besser spaziert man heute auf dem Trockenen. Früher stand hier unten die Sicherheit im Vordergrund – Trinkwasser ist ein sensibles Gut. Heute hauen die Sichtachsen des unterirdischen Bauwerks den Betrachter um. Was hier unten alles möglich wäre: Theater, Lesungen, Konzerte, Modenschauen oder einfach mal gepflegt Versteckenspielen.
Einer kulturellen Nachnutzung stehe laut den beiden Experten prinzipiell nichts im Wege, behördlich müssten allerdings noch ein paar Hürden genommen werden. „Da sind viele Ansprechpartner unter einen Hut zu bekommen: Denkmalschutz, Stadtplanungsamt, Sportamt, Landschaftsplanung, Grünordnungsplanung, Anwohner, Bezirksbeirat“, zählt Werner Pfahler auf – und pfeift eine kurze Melodie, um zu zeigen, wie der Schall sich hier unten zunächst an die Säulen schmiegt und dann noch ein kleines Echo im Abgang bereithält.
Die Wasserkammern demonstrieren 140 Jahre Stadtentwicklung
Das Licht des Baustellenstrahlers, den Pfahler mitgebracht hat, scheint den Tönen in Sachen Schönheit nacheifern zu wollen und beginnt ein faszinierendes Schattenspiel, das man am besten ganz still betrachtet.
Das Ensemble aus modernem Wasserspeicher und historischer Wasserkammer verdichtet rund 140 Jahre Stadtentwicklung wie unter einem Brennglas. Wie sich die Landeshauptstadt Stuttgart, ja die ganze Region innerhalb von zwei Menschenleben weiterentwickelt hat, wird einem hier eindrucksvoll vor Augen geführt. „Zwischen 1891 und 1913 stieg die Bevölkerungszahl des Königreichs Württemberg von 2 013 000 auf 2 503 000 Menschen“, schreibt der inzwischen verstorbene Historiker und ehemalige Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs, Paul Sauer. In ländlichen Gegenden sind Familien mit zwölf Kindern damals keine Seltenheit.
Stuttgart wächst vor über 100 Jahren rasant
Während Württemberg Anfang des 19. Jahrhunderts ein armes, von Missernten heimgesuchtes Auswandererland ist, ändert sich das mit der fortschreitenden Industrialisierung. Sie zieht die Menschen förmlich vom Land in die Städte. „Spektakulär war das Anwachsen der Einwohnerzahl von Stuttgart: 1890 zählte die Stadt 139 817 Einwohner, 1916 waren es 317 000“, schreibt Paul Sauer.
Der Bevölkerungswachstum macht eine Modernisierung der Wasserversorgung notwendig. Mit dem Bau des städtischen Wasserwerks Berg beginnt zwischen 1879 und 1882 die zentrale Trinkwasserversorgung der Stuttgarter Bevölkerung im heutigen Sinne: Wasser kommt auf einmal aus dem Wasserhahn. Es entsteht ein flächendeckendes Rohrleitungssystem mit Zapfstellen in den Häusern.
Pfaffen- und Bärensee wurden einst für die Wasserversorgung angelegt
Der Behälter Kanonenweg wird im Rahmen dieser kommunalen zentralen Wasserversorgung zusammen mit dem Wasserwerk Berg gebaut. Benannt wird das Industriedenkmal nach der angrenzenden Straße Kanonenweg, wo zur Zeit des württembergischen Königs die „Salut-Kanonen“ stehen. Heute wird in Stuttgart zum Glück nur noch selten geschossen, der Behälter hat seinen Namen jedoch behalten.
Die Anfänge der Wasserversorgung gehen bis ins Jahr 1304 zurück: In dem Jahr wird erstmals ein öffentlicher Brunnen in Stuttgart urkundlich erwähnt. 1490 lässt Graf Eberhard im Bart in Kaltental Quellen fassen und über eine fünf Kilometer lange Holzleitung zu einem Rohrbrunnen im Schlosshof leiten. Im 16. und 17. Jahrhundert werden westlich von Stuttgart der Pfaffen- und der Bärensee angelegt, um die Wasserführung des Nesenbachs zu erhöhen.
Sauberes Wasser ist nicht selbstverständlich
Wie kompliziert die Wasserversorgung noch vor 150 Jahren ist, zeigt ein kleiner Ausflug auf die Schwäbische Alb. Mit dem Ausbau der Albwasserversorgung werden abgelegene Dörfer endlich mit gesundem Frischwasser versorgt. Zuvor bekommen Fremde in dem unwahrscheinlichen Fall, dass sie sich auf der Durchreise in diese wunderschöne Landschaft verirren, ein Glas Wasser serviert, das sich farblich zwischen strohgelb und kaffeebraun changierend dem Durst entgegenstellt. Siedlungen wie die Kleinstadt Laichingen entstehen an sogenannten Hülben oder Hülen – wunderliche Regenwasserteiche, die sich auf undurchlässigem Gestein gebildet haben. Wenn Tiere und Menschen diese Wasservorkommen für alle möglichen Zwecke gemeinsam nutzen, entsteht eine Flüssigkeit, die krank macht. Sauberes Wasser ist dagegen ein Grund zu feiern: Mitte Juli wird auf der Freilichtbühne in Justingen, einem Ortsteil von Schelklingen, etwa 20 Kilometer westlich von Ulm gelegen, 150 Jahre Wasserversorgung mit dem Theaterstück „Der Schultheiß von Justingen“ gefeiert. Wer also die Tatsache, dass jeden Morgen kaltes, klares Wasser aus der Leitung kommt, um zu duschen, zu spülen oder Wasser in Kaffee zu verwandeln, für gottgegeben hält, sollte lieber der Zunft der Ingenieure danken.
Die Wasserversorgung in Stuttgart ist kompliziert
Hätte die Stuttgarter Trinkwasserversorgung einen eigenen Auftritt bei den sozialen Medien, würde sie ihren Beziehungsstatus mit „es ist kompliziert“ umschreiben. Schuld daran ist – wie so oft in dieser Stadt – die Topografie. In der Landeshauptstadt gibt es insgesamt 43 Trinkwasserbehälter, von denen aus die Bewohner mit Wasser versorgt werden. Der Stuttgarter Kessel ist dabei in 68 Versorgungszonen unterteilt. Zum Vergleich: das sonst selten bescheidene München mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern benötigt gerade einmal drei Zonen und drei Trinkwasserbehälter. Flachheit kann also durchaus Vorteile mit sich bringen.
Und was wird künftig aus der Unterwelt des Ameisenbergs? Die Netze BW hat in einer an der Universität Tübingen verfassten Masterarbeit untersuchen lassen, was alles möglich sein kann im stillgelegten Trinkwasserspeicher. Ob Literatur, Schauspiel, große Oper oder ein Stummfilmkonzert: Der unterirdische Abenteuerspielplatz mit der Ausstrahlung einer Kathedrale ist es in jedem Fall wert, künftig angemessen – und nicht allzu trocken – bespielt zu werden.