Die Hochwasser-Katastrophe im Ahrtal Im Flutgebiet ist die Normalität noch Lichtjahre entfernt

In Dernau errichtet eine Spezialeinheit des THW aus Baden-Württemberg gerade eine Behelfsbrücke über die Ahr. Foto: / Faltin

Auch einen Monat nach der großen Flut bleibt das Ahrtal ein Ort der Verwüstung, die Menschen sind noch immer mit Aufräumen beschäftigt. Der Südwesten hilft weiter: In Dernau baut das THW Pfedelbach eine Brücke, in Bad Neuenahr reinigt das THW Tübingen das Trinkwasser.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Bad Neuenahr-Ahrweiler - Es ist ein berührender Moment: Franz-Josef, der mittlerweile im Flutgebiet als „D’r Trompeter vom Ahrtal“ einige Berühmtheit erlangt hat, steht in Bad Neuenahr in einem Wohnviertel und spielt „Glory, glory Halleluja“ – nach und nach kommen immer mehr verdreckte Menschen mit Schaufeln und Hämmern aus ihren verwüsteten Häusern, um zu sehen, wer mit diesem Lied in ihren tristen Alltag getreten ist. Fast irreal wirkt der klare Klang inmitten der zerstörten Stadt. Am Ende umarmen manche Franz-Josef, sie haben Tränen in den Augen. Der Trompeter, der eigentlich in Freising lebt, spielt oft 50 Mal am Tag an wechselnden Orten: „Es ist eine kleine Seelennahrung“, sagt er, „aber die brauchen wir jetzt alle.“

 

Tatsächlich gleicht die Fahrt ins Ahrtal, das Gebiet, das am schwersten von der Flut Mitte Juli getroffen wurde, noch immer einem Übergang in eine fremde verstörende Welt – ein Paralleluniversum. Viele Straßen in dem vom Weinanbau geprägten Tal sind gesperrt. Selbst die frühere Bundesstraße ist nur auf Abschnitten befahrbar, oft ruckelt man über in aller Schnelle aufgeschotterte Pisten durch das Tal. Die Gleise der nahen Eisenbahnstrecke drehen sich grotesk verformt in den Himmel, als hätten Riesen den Stahl geknickt. Überall stehen demolierte Autos am Straßenrand. Viele sind so zerschunden, als seien sie Hunderte von Metern eine Schlucht hinabgestürzt.

Die Fußgängerzone von Bad Neuenahr ist noch immer voller Schlamm

Und dann der Schlamm – er hat fast alles Grün im Tal aufgefressen, er steht hoch in der Fußgängerzone von Bad Neuenahr, wo bis heute kein einziges Geschäft öffnen konnte, und er liegt als beißender Staub überall in der Luft. Benzin gibt es aus Bundeswehr-Lastwagen, Essen aus überall aufgestellten Versorgungsständen. Wasser und Strom sind in viele Haushalte noch nicht zurückgekehrt. Statiker gehen durch die Straßen und prüfen jedes Haus: Wenn es bewohnbar ist, sprühen sie mit grüner Farbe ein großes „OK“ an die Hauswand. Das Tal wird lange im Ausnahmezustand bleiben.

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Von 80 Brücken sind sieben befahrbar

Ares Klöble, Arzt aus Tübingen und THW-Spezialist für die Aufbereitung von Trinkwasser, war 2004 drei Monate lang in den Tsunami-Gebieten in Südostasien tätig gewesen. Gleich am Tag nach der Katastrophe im Ahrtal war er mit seiner Mannschaft alarmiert worden und hat direkt neben dem Krankenhaus Maria-Hilf in Bad Neuenahr zwei mobile Anlagen aufgebaut, die stündlich 30 000 Liter Wasser filtern und chloren.

Die Menschen wussten, dass ihnen vorerst niemand würde helfen können

In vier Stunden haben 18 Mann die Anlagen zum Laufen gebracht. Das THW versorgt nun die Klinik selbst, die aber noch im Notbetrieb läuft, mit einwandfreiem Trinkwasser. Daneben fahren ständig Feuerwehrautos und Tanklaster auf den Parkplatz und nehmen Wasser auf. Sie füllen damit etwa die Container, die überall am Straßenrand stehen. Jeder kann sich dort bedienen. Die Geschichten, die aus der Flutnacht erzählt werden, gehen unter die Haut. Manche berichten von dem großen Donnerschlag, wenn eine Brücke zerbrochen ist. Lange hatten sich dort im tosenden Wasser abgerissene Baumstämme, Autos und Wohnwagen so verkeilt, bis die Bauwerke nachgaben – von rund 80 Brücken im Ahrtal sind derzeit nur sieben befahrbar. Viele Menschen mussten auf ihre Dächer flüchten, oft mit kleinen Kindern, das brüllende Wasser nur einen Meter unter ihnen. Irgendwann fiel der Strom aus und es wurde völlige Nacht. Kontakt zur Außenwelt gab es nicht mehr, und die Menschen wussten, dass ihnen in diesem Inferno vorerst niemand helfen würde.

„Wir sind alle in Notfällen erprobte Helfer“, sagt auch Gunnar Kreidl, der einige Kilometer flussaufwärts in Dernau mit seiner THW-Truppe aus Pfedelbach im Hohenlohekreis eine Behelfsbrücke baut: „Aber dieses Ausmaß hatten wir noch nie. Die Menschen berichten uns von echter Todesangst, die sie in jener Nacht durchgemacht haben.“

Eine stärkere Naturkatastrophe gab es in Deutschland noch nicht

Ein altes Ehepaar etwa, das in Antweiler weiter flussaufwärts lebte, musste von der Feuerwehr aus dem Haus geholt werden und wohnt bis heute in einer Pension. Mühsam nur und rückwärts kommen sie die Treppe herunter. Aber die alte Dame will sich nicht beschweren: „Es hätte viel schlimmer kommen können. Alle aus unserer Familie haben überlebt, das zählt.“ 141 Menschen starben im Ahrtal, 16 werden weiterhin vermisst.

Und allein der Landkreis Ahrweiler schätzt den Schaden ausschließlich an der kommunalen Infrastruktur auf 3,7 Milliarden Euro. Hinzu kommen in dem rund 80 Kilometer, von vielen Flussschleifen geprägten Ahrtal etwa 45 000 Menschen, deren Häuser schwer getroffen wurden. Keine andere Naturkatastrophe in Deutschland dürfte je vergleichbare Kosten hervorgerufen haben. Das Land Rheinland-Pfalz hält einen Fonds in zweistelliger Milliardenhöhe für notwendig.

Freiwilligentrupps ziehen noch immer von Haus zu Haus

Ob der Bund nun einen Sonderbeauftragten benennen soll, oder ob der Landrat von Ahrweiler tatsächlich die Menschen zu spät zur Evakuierung aufgefordert hat, wie die Staatsanwaltschaft Koblenz in einem Anfangsverdacht vermutet, das diskutieren die Menschen in Dernau mit seinen 1700 Einwohnern schon. Aber die große Politik ist gerade nicht so wichtig für sie, sie müssen jetzt auf das Naheliegende schauen. Für mehr reicht die Kraft nicht. Das Wasser war hier bis zur Decke des Erdgeschosses gestiegen, überall stehen jetzt die Fenster und Türen offen, um Durchzug zu schaffen, nackt und schmutzig liegen die Räume da.

Helfer schlafen auf Feldbetten

Fast in jedem Haus wird gearbeitet: Man schlägt den Putz ab, damit die Wände eine Chance haben zu trocknen. Bunt zusammengewürfelte Freiwilligentrupps, mit Vorschlaghämmern und Spitzhacken bewaffnet, gehen von Haus zu Haus und bieten ihre Dienste an. Das allein ist für die Menschen gerade wichtig: Wer hilft mir heute, wohin kann ich den Müll bringen? Und dann, etwas weiter gedacht: kann ich je wieder in mein Haus einziehen, und werde ich entschädigt?

Die Behelfsbrücke kann im Idealfall nach 18 Stunden fertig sein

Gunnar Kreidl hat selten so viel Hilflosigkeit, aber auch so viel Lebensmut und Solidarität gesehen. Seit dem 15. Juli ist er mit seiner THW-Spezialeinheit in Dernau aktiv, er und seine Kolleginnen und Kollegen schlafen auf Feldbetten auf dem Sportplatz. Bisher sorgte eine schmale Bundeswehr-Faltbrücke dafür, dass die Häuser rechts und links der Ahr miteinander verbunden waren.

Aber die Brücke ist für den zivilen Verkehr nicht zugelassen, sodass jetzt das THW eine Behelfsbrücke baut, die einige Jahre stehen bleiben kann. Das Material dazu lag bundesweit verstreut in Lagern bereit. Im Gegensatz zur Corona-Pandemie, bei der Schutzkleidung und Masken lange fehlten, scheint der Bund hier gut vorbereitet zu sein. Im Idealfall kann die Brücke in 18 Stunden fertig sein – in Dernau musste aber zuerst der Bahndamm entfernt und ein Fundament gegossen werden. Am Mittwoch dürfte es nun soweit sein. Gunnar Kreidl hat bereits drei, vier weitere Brückenprojekte im Ahrtal in Planung – er wird noch lange Arbeit haben.

„In Braunsbach waren wir auch tätig, dort brauchte man fünf Jahre für den Wiederaufbau“, resümiert der THW-Experte in Erinnerung an die Flut im Südwesten 2016. „Hier wird es wohl deutlich länger dauern.“

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