Stuttgart - Es gibt Sätze, die wie Kaugummi an den Sohlen ihrer Sprecher kleben. Sie kriegen sie nicht mehr los, aber immer wieder zu hören – und so ein lästiger, nicht aus der Welt zu schaffender, Verwunderung auslösender Spruch entschlüpfte Armin Petras, als er 2013 als Intendant von Berlin nach Stuttgart wechselte. „Stuttgart ist in Deutschland für mich das Fremdeste“, erklärte er damals, aber heute – unser Interview vom vergangenen Freitag – habe sich das geändert. Die Stadt sei ihm nicht mehr fremd, er verstehe jetzt besser, wie die Menschen hier ticken, behauptete Petras, bevor er sich am Samstag mit dem Ensemble vom Publikum verabschiedete: „Hello, goodbye“, die Beatles-Hymne als Motto für die letzte Schauspielhaus-Party.
Fünf Jahre währte seine Intendanz – schade nur, dass auch die Überwindung der Fremdheit, das Verständnis für die Stadt und ihre Menschen, für die Theater gemacht wird, beim Intendanten offensichtlich dieselbe Dauer in Anspruch genommen hat. Böse Zungen behaupten indes, Petras könne sich gar nicht verabschieden, weil er nie angekommen sei, sondern von Anfang an seinem Berliner Kiez nachgetrauert habe und der Stuttgarter Provinz lediglich zeigen wollte, wo der Avantgarde-Hammer hängt. Nun, ganz so schlimm waren seine Leitungsjahre nicht, aber die zunehmende Entfremdung zwischen Theater und Publikum war mit Händen greifbar – im Gegensatz zum Theaterleiter selbst, der kaum greifbar war, weil er die Hälfte der Zeit anderswo arbeitete. Das Schauspiel des Staatstheaters war ein Haus ohne Hüter – und Petras und Stuttgart: ein Missverständnis. Er selbst setzte ihm ein Ende, als er 2016 erklärte, vorzeitig aus seinem bis 2021 laufenden Vertrag auszusteigen.
Dem Anfang wohnte ein Zauber inne
Wie konnte es zu diesem grandiosen Missverständnis kommen? Am wunderbaren Einstand des vom Gorki-Theater kommenden Manns, den man kaum je ohne Mütze auf dem Kopf gesehen hat, kann es nicht gelegen haben. Mit einem Best-of-Programm seiner vergangenen Regie- und Intendantenjahre eroberte er 2013/14 das Publikum – und vollends beglückte er es mit den „Szenen einer Ehe“, die der Regisseur Jan Bosse und seine Ausnahmespieler Joachim Król und Astrid Meyerfeldt mit kluger Ironie am Eröffnungswochenende auf die Bühne lupften. Mit Schwung machte Petras das Schauspielhaus, das während des Drehbühnen-Interims unter Hasko Weber notgedrungen brach lag, wieder urbar. Das Publikum strömte, die Kasse klingelte, die Stadt lag ihm zu Füßen. Was hätte er mit der ihm entgegengebrachten Zuneigung nicht alles anfangen können! Was mit der ihm entgegenflutenden Energie! Petras aber schlug alle Liebesangebote aus. Statt gemeinsam mit dem Publikum durch aufregende Bühnenabenteuer zu gehen, ging er fortan allein, um es besserwisserisch mit dem Avantgarde-Hammer auf den ästhetisch korrekten Weg zu prügeln.
Was folgte, war eine der grausamsten Spielzeiten, die Stuttgart je gesehen hat. Sie wurde symptomatisch für die Misere fast der gesamten fünf Jahre: Robert Borgmanns „Richard III.“, Sebastian Hartmanns „Staub“, Martin Laberenz’ „Idiot“ und Laurent Chétouanes „Antigone“: Inszenierungen, die sich durch eine fatale Mischung aus Ambition und Infantilität auszeichneten und an strapaziösen Abenden ohne Sinn und Verstand keinen Schluss finden wollten. Drei der vier genannten Arbeiten endeten nach Mitternacht – und die Tatsache, dass sie in ihrer ausufernden, alle Inhalte marginalisierenden Formlosigkeit überhaupt auf die Bühne kamen, war ein Armutszeugnis für das Schauspiel, dem eine dramaturgisch lenkende Hand fehlte. Der notorisch abwesende Petras konnte diese Aufgabe aus naheliegenden Gründen nicht erfüllen, im Zweifel dann schon eher sein Stellvertreter Klaus Dörr, der als Mann im Hintergrund in aller Bescheidenheit den Laden schmiss und mittlerweile Chef der Berliner Volksbühne ist.
Über die Jahre hat er das Publikum vergrault
Natürlich war nicht alles schlecht unter Petras, selbst in der katastrophalen zweiten Arroganz-Spielzeit nicht. Es lieferten da auch René Pollesch, Stephan Kimmig und abermals Jan Bosse sehenswerte Arbeiten ab, es stießen im Lauf der Jahre noch Castorf, Baumgarten, Voges und Peymann zur Riege jener Regisseure, die mit ihren Inszenierungen auf die ein oder andere Weise überzeugten. Mal zogen sie das Publikum auf ihre Seite, mal die Kritik und im Glücksfall beide. Dem bestens vernetzten Intendanten allerdings war Fortuna in Stuttgart nicht gewogen. Von ihm, der Dialektsprecher gerne als Deppen auftreten ließ, bleibt keine Inszenierung in Erinnerung, obwohl er als Chef regelmäßig die besten Kräfte des Hauses an sich band. Und just diese eingebaute Vorfahrt ist ein weiteres der kapitalen Missverständnisse seiner Amtszeit: Chefsein hieß für Petras vor allem, unbegrenzten Zugriff auf das reiche Reservoir des Theaters zu haben. Es hieß nicht, sich um dieses Theater auch zu kümmern.
Ein Geschenk hat er Stuttgart aber dennoch gemacht: ein Ensemble mit Spielern und Spielerinnen, denen man gerne zusah. Dazu zählten zuletzt vor allem Wolfgang Michalek, Lea Ruckpaul und Sandra Gerling, die es ans Hamburger Schauspielhaus zieht – und ja, anders als im Herrenclub der Regie- und Chefetage dominierten auf der Bühne eindeutig die starken Frauen. Aber auch sie konnten mit ihrer Spielwut den Besucherschwund nicht stoppen.
In der Abschluss-Saison konnte Petras zwar dank Peymanns „Lear“ ein Plus von 106 000 auf 114 000 Zuschauer verbuchen, aber das nimmt sich als Ergebnis noch immer mager aus, vergleicht man es mit den 145 000 seines Einstands. 31 000 Zuschauer, mehr als zwanzig Prozent, hat Petras vergrault – und wenn der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks mit Blick auf den jüngsten Wiederanstieg diplomatisch aufatmend feststellt, dass es ein „grundsätzliches Zuschauerpotenzial“ fürs Schauspiel gibt, kann man ihm nur zustimmen – und auch darin, dass dieser Befund hoffen lässt für die kommende Intendanz von Burkhard Kosminski: Armin Petras hat seinem Nachfolger in jeglicher Hinsicht Luft nach oben gelassen.