Die Jazz-Open beginnen Die Wundertüte öffnet sich

Von Bernd Haasis und  

Carlos Santana, David Gilmour von Pink Floyd, Cro: zahlreiche Künstler geben sich beim Festival Jazz-Open in Stuttgart die Klinke in die Hand.

Carlos Santana kommt Foto: imago stock&people
Carlos Santana kommt Foto: imago stock&people

Stuttgart - Eins steht schon mal fest. Es wird ein Rekordjahr für die diesjährige, 23. Auflage der Jazz-Open werden. 34 000 Karten sind bereits abgesetzt worden, ausverkauft die Abende mit David Gilmour, Santana, Cro, Keb‘ Mo‘, Christian Scott und Stanley Clarke.

Bei den drei Erstgenannten, die allesamt auf der großen Bühne auf dem Schlossplatz spielen, war dies selbstverständlich zu erwarten. Die Tickets für den Ausnahmemusiker David Gilmour, einen der zwei Köpfe der Band Pink Floyd, waren nach Angaben von Jürgen Schlensog vom Veranstalter Opus sechs Minuten nach Beginn des Vorverkaufs vergriffen. Kein Wunder bei einem Mann, der auf eine großartige Karriere und Plattenverkäufe zurück­blicken kann, deren Zahl längst niemand mehr kennt.

Ebenfalls erwartbar war, dass der Auftritt von Cro ausverkauft ist. Der Lokal­matador lässt sich unter dem Motto „Cro meets Jazz MTV unplugged“ auf ein ungewöhnliches Experiment ein: Neben ihm stehen die beiden Avantgardejazzer Christian Scott und Dana Leong auf der Bühne, begleitet werden die drei dabei von einem großen Orchester. Natürlich darf auch Carlos Santana auf einem randvollen Schlossplatz spielen, bei dem die Zuschauerkapazität nochmals auf 6500 Plätze erweitert wurde. Der mexikanische Meistergitarrist mit US-Pass war seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr in der Region Stuttgart zu Gast, 2004 gastierte er zuletzt in Schwäbisch Gmünd, vor zwanzig Jahren trat er erstmals bei den Jazz-Open auf.

Ebenfalls auf dem Schlossplatz zu erleben ist Wright. Als Pfarrerstochter wurde sie in der reichen afroamerikanischen Gospel-Tradition geschult. Gesegnet mit einer weiten, weichen Stimme, versteht sie es, Jazz, Blues und Soul in sanften Pop zu kleiden. Auf dem Schlossplatz eröffnet sie für einen, der in Stuttgart noch etwas gutzumachen hat: Van Morrison.

Auftakt in der Spardawelt

Der Auftakt des Festivals geht jedoch in der Spardawelt am Hauptbahnhof über die Bühne; die Sparda-Bank ist der Hauptsponsor. Dort eröffnet an diesem Freitag die Verleihung der German Jazz Trophy an den Saxofonisten Klaus Doldinger das Festival. Dort spielen außerdem noch Antonio Sanchez (statt der Formation Eleventh House, deren Konzert krankheitsbedingt entfallen muss), das Avishai Cohen Trio sowie das Turtle Island Quartet.

Nur ein einziges Konzert gibt es in der Liederhalle – dafür aber einen besonderen Leckerbissen. Dort spielen das Chick Corea Quintet in seinem einzigen Deutschland-Konzert und das Branford Marsalis Quartet. Nicht mehr dabei sein wird dagegen in diesem Jahr die Open-Air-Bühne am Mercedes-Museum, sehr zum Bedauern der Veranstalter. Die Kooperation mit dem Festival wurde ausgerechnet zum zehnjährigen Bestehen des bestbesuchten Stuttgarter Museums aufgekündigt. Neu dabei ist dafür das Scala in Ludwigsburg, wo der Jazzbassist Stanley Clarke sowie Keb Mo zu Gast sein werden.

Preziosen im Bix

Am meisten zu entdecken gibt es bei diesem Festival jedoch im Stuttgarter Jazzclub Bix, wo man Künstlern ganz nahe kommt, die sonst kleine bis mittlere Hallen füllen.
Da wäre etwa Cécile McLorin Salvant.
Gerade hat sie lieblich gesäuselt, da ertönt plötzlich ein mächtiger Alt: Cécile McLorin Salvant spielt gern mit ihren Stimmbändern, sie formt Klänge und Worte auf ganz eigene, unerhörte Art. Ester Radas Leidenschaft hingegen ist
Neo-Soul zum Mitschnippen. Die israelische Sängerin mit äthiopischen Wurzeln mischt behutsam Jazz-Elemente und orientalische Einflüsse. Der britische Musiker Jon Cleary
wiederum folgte, kaum dass er die Schule beendet hatte, der magischen Anziehungskraft einer großen Jazzmetropole. In New Orleans, der Geburtsstadt dieser Musik, hat der englische Klavierspieler seine ihn fortan prägende Liebe zum Bluespiano entdeckt.

Mit weichem Ton lässt der norwegische Trompeter Nils Petter Molvaer Melodien erblühen, die weniger von nordischer Kühle künden als von tropischer Schwüle – passend zum Juli-Klima im kleinen Jazzclub.
Die in Brooklyn lebende Französin Cyrille Aimee hat eine ausgesprochen geschmeidige Stimme, mit der sie scattet, auf Englisch trällert und schmettert, aber auch französische Chansons intoniert wie Edith Piafs „T’es beau tu sais“.

Der hochbegabte US-Trompeter Christian Scott schließlich gehört zu den Gaststars beim Auftritt von Cro und gestaltet darüber hinaus noch einen ganzen Abend mit purem Jazz im Bix – wild, ­stimmungsgeladen, sehr zeitgemäß und aus gutem Grund vor ausverkauftem Haus.Im Programm tauchen jede Menge Namen auf, die bereits in den vergangenen Jahren bei den Jazz-Open aufgetreten sind, Jamie Cullum etwa, der auch in diesem Jahr – fast schon traditionell – wieder das Abschlusskonzert auf dem Schlossplatz bestreiten wird. Und sicherlich wird bei den Jazz-Open auch in diesem Jahr der zweite Namensbestandteil, das „Open“, groß geschrieben, um zu signalisieren, dass sich das Festival vielen anderen Genres jenseits des Jazz öffnet. Die Qualität der Konzerte wird sich zeigen, doch die Abstimmung mit den Füßen hat das Festival anlässlich der Gesamtzuschauerzahl schon vor seinem Beginn gewonnen.

Alle Informationen zum Festival unter www.jazzopen.com



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