Die Juden und der Fußball Die starken jüdischen Wurzeln der Kickers

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Gesichert ist, dass die Kickers starke jüdische Wurzeln haben. Von den 21 Gründungsmitgliedern der Stuttgarter Kickers im Jahr 1899 waren mindestens zwei jüdischen Glaubens: die Brüder Karl und Eduard Levy, deren weiteres Schicksal aber unbekannt ist. Die Stuttgarter Kickers pflegten bis 1933 gute Beziehungen zu großen jüdischen Clubs wie Hakoah Wien oder Hakoah Stuttgart. Anderes ist unklar. So spielen die Vereinsfarben Blau und Weiß in der jüdischen Geschichte als Farben des Gebetsmantels Tallit eine wichtige Rolle, auf den auch die israelische Flagge zurückgeht. Die drei markanten Sterne um das Kickers-K im Wappen, das der Professor Max Körner 1922 entwarf, könnten wiederum als ausgefüllte Davidsterne interpretiert werden. Belegt ist das nicht. Nach anderer Überlieferung sollen die drei Sterne um das „K“ für „Könner, Kämpfer, Kameraden“ stehen. Auch die Farbwahl könnte einen anderen Hintergrund haben.

Die Spielstätte hieß diffamierend „Judenwiese“

Von den Anhängern der Konkurrenten – etwa jenen des aus dem Arbeitermilieu entstammenden VfB Stuttgart – wurden die Kickers damals aber als jüdischer Verein wahrgenommen. Die Spielstätte wurde diffamierend als „Judenwiese“ oder „Hebräerwiese“ bezeichnet, selbst nach dem Krieg noch. Bis heute nennen manche die Kickers-Heimat Degerloch, wo der Club seit 1905 beheimatet ist, „Golanhöhen“. „Die Kickers waren kein explizit jüdischer Verein, aber Juden haben ohne Zweifel eine ganz wichtige Rolle im Verein gespielt “, sagt Timo Hellinger.

Das gilt für viele große Vereine, etwa den 1. FC Nürnberg, Eintracht Frankfurt oder Bayern München. Dort war Kurt Landauer lange Präsident (1913/1914 und von 1919 bis 1933) und hat den Club wie auch den deutschen Fußball jener Zeit maßgeblich geprägt. „Einer der großen Visionäre“ sei Landauer gewesen, heißt es in der Chronik des FC Bayern. Mit der „Stuttgarter Erklärung“ endet seine Ära: Am 30. April 1933 wird Landauer aus dem Verein geworfen, 1938 kommt er ins Konzentrationslager Dachau, aus dem er 33 Tage später aber wieder entlassen wird und in die Schweiz flieht. Nach dem Krieg kehrt er 1947 zurück nach München und wird erneut zum Bayern-Präsidenten gewählt (bis 1951).

Fußball war anfangs der Sport der Wohlhabenden

Jüdische Deutsche waren prägend für die Entwicklung des Fußballs, ja, ohne sie hätte es den Sport so in Deutschland vielleicht nie gegeben. Fußball galt damals als die feinere Variante des Rugbys und war der Sport der wohlhabenden Menschen. Entsprechend bürgerlich geprägt ist er gewesen, auch und vor allem durch jüdische Kaufleute. Sie haben als Gründungsmitglieder und als Finanziers wie auch als aktive Spieler deshalb in zahlreichen deutschen Vereinen ihre Spuren hinterlassen.

Allen voran Walther Bensemann, der 1889 den Fußball nach Deutschland brachte und zwei Jahre später den Karlsruher FV gründete. 1901 wurde der KFV Deutscher Meister – mit den jüdischen Nationalspielern Julius Hirsch und Gottfried Fuchs, der bei den Olympischen Spielen 1912 beim 16:0 gegen Russland zehn Tore erzielte. Ein Rekord für die Ewigkeit. Doch die Nazis wollten die Erinnerung an den jüdischen Anteil am deutschen Fußball tilgen. Als das Fachmagazin „Kicker“ 1939 ein Album mit den Nationalspielern seit 1900 herausbrachte, fehlten nur zwei Namen: die von Julius Hirsch und Gottfried Fuchs.

Bensemann, der Vater des deutschen Sportjournalismus

Aber zurück zu Walther Bensemann. Er ist nicht nur einer der Gründungsväter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sondern auch der Erfinder des „Kicker“. Von der ersten Ausgabe 1920 bis 1933 war er Herausgeber und Schreiber mit gefürchteter spitzer Feder, wie es heißt. Offiziell beendete er seine Tätigkeit dort im März 1933 auf ärztliches Anraten; von den neuen Machthaber in Berlin war zuvor wohl signalisiert worden, dass er unerwünscht sei. Am 30.  März reiste er in die Schweiz aus, wenige Tage später wurde die „Stuttgarter Erklärung“ verabschiedet, unterzeichnet wurde sie auch vom Karlsruher FV – von seinem KFV.

Bensemann starb am 12. November 1934 in Montreux. Nach dem Gang ins Exil in Deutschland noch schwer verunglimpft, gilt Walther Bensemann heute nicht nur als einer der Pioniere des Fußballs im Land, sondern auch als der Vater des deutschen Sportjournalismus.