Die jüngste Abgeordnete Ronja Schmitt Die Reifeprüfung

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Ronja Schmitt ist mit ihren 25 Jahren die jüngste Abgeordnete des Bundestags. Zu dem Sitz in den Reihen der CDU kam die Studentin wie die Jungfrau zum Kinde. Auf Tour mit einer Politikerin, die beweisen muss, dass sie kein ahnungsloses Küken ist.

Auf dem Foto mit den weiblichen Abgeordneten der Union  steht Ronja Schmitt ganz vorne  neben der Kanzlerin. Foto: Bundespresseamt 10 Bilder
Auf dem Foto mit den weiblichen Abgeordneten der Union steht Ronja Schmitt ganz vorne neben der Kanzlerin. Foto: Bundespresseamt

Ulm - Ronja Schmitts Arbeitstag beginnt in der jüdischen Gemeinde. Sie streckt dem Ulmer Rabbi freundlich die Hand entgegen, doch er ergreift sie nicht. Der Rabbi erklärt, dass orthodoxe Juden keine Frau außer der eigenen berühren dürften. Ronja Schmitt nickt und lächelt. Der Rabbi führt den Gast durch die Synagoge und berichtet, mit wie wenig Geld und in welch kurzer Zeit das Haus errichtet worden sei. Ronja Schmitt nickt und lächelt. Der Rabbi erzählt von einer geplanten Reise für Jugendliche nach Budapest und einem gefragten Sprachkurs für Senioren. Ronja Schmitt nickt und lächelt.

Zum Abschied sagt Ronja Schmitt: „Ich würde mich freuen, wenn wir im Austausch bleiben.“ Ihre Hand reicht sie dem Rabbi nicht mehr. Er nickt und lächelt.

Der Einzug ins Parlament kam sehr überraschend

Ronja Schmitt ist 25. Und sie ist die CDU-Abgeordnete des Wahlkreises 291 im Bundestag. Hinter der Nummer verbergen sich der Stadtkreis Ulm und der Alb-Donau-Kreis. In der Gegend kennt sich Ronja Schmitt noch nicht besonders gut aus. Sie kommt aus dem 120 Kilometer entfernten Althengstett im Kreis Calw. Der Wahlkreis 291 ist ihr zugewachsen wie der Jungfrau das Kind. Als im vorigen Dezember überraschend Andreas Schockenhoff gestorben ist, rückte die Studentin Ronja Schmitt über die Landesliste nach. Sie wurde jüngste Abgeordnete im Bundestag. Und sie muss beweisen, dass sie nicht das ahnungslose Küken ist, für das sie viele halten.

Als Andreas Schockenhoff starb, wurde Ronja Schmitt schlagartig bekannt. Zum einen, weil sie einen schicken Superlativ verkörpert: die Jüngste im Plenum! Mehr aber noch, weil auch Schockenhoff eine Art Superlativ war: Er galt als einer der profiliertesten Abgeordneten der CDU. Wobei Ronja Schmitt nicht seinen Wahlkreis Ravensburg übernahm, sondern den von der nicht minder bekannten Annette Schavan, der ein paar Monate zuvor frei geworden war. Doch das änderte für die Nachrückerin nichts. Schockenhoff! Schavan! Schmitt?

Ein Mädchen vom Rande des Schwarzwalds, das Kreisvorsitzende der Jungen Union Calw war, seit vier Jahren Mitglied der CDU ist, dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten im Land vorstand, an Berufserfahrung ein freiwilliges soziales Jahr und einen Hiwi-Job im Landtag vorweisen kann und das ihr Studium der Volkswirtschaft noch nicht beendet hat.

Die Nachrückerin löst viel Skepsis aus

Eine Abgeordnete, die niemand kenne und von niemandem gekannt werde, sei keine Hilfe, lästerte die Parteibasis. Nachdem Ronja Schmitt den VfB-Bundestagsfanclub mitgegründet hatte, spottete das Hauptstadtblatt „Die Welt“, besser als bei den Spielen des Stuttgarter Erstligavereins könne man sich auf den Kampf gegen einen drohenden Untergang kaum einstimmen. Junge Menschen mit sehr wenig Berufs- und Lebenserfahrung hätten im Bundestag nichts zu suchen, schrieben allerhand Leserbriefschreiber.

Womöglich haben diese Reaktionen Ronja Schmitt verletzt. Das sagt sie aber nicht, sondern: „Es ist, wie es ist. Es gibt immer Dinge, die jemandem nicht passen. Selbst wenn ich zehn Jahre Berufserfahrung hätte, wüsste ich nicht alles, was die Leute bewegt und drückt.“ Außerdem sei ihre Lernkurve extrem steil. Mit jedem Termin komme neues Wissen hinzu.

Von der Synagoge düst Ronja Schmitt in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Deren Ärztlicher Direktor Jörg Fegert macht sich Sorgen um das Kompetenzzentrum Kinderschutz, das er auch leitet. Wenn sich keine neue Geldquelle auftue, könnten die Mitarbeiter misshandelten und missbrauchten Kindern nicht mehr so gut helfen wie jetzt. „Wenn wir Sie positiv begleiten und unterstützen können, wollen wir das gerne tun“, sagt die Abgeordnete, die mit übereinandergeschlagenen Beinen auf der Couch sitzt und sehr ernst schaut.

Der Terminkalender ist proppenvoll

Weiter zu Max Semler. Er ist Seniorchef einer Vorzeigeschreinerei und Kreishandwerkermeister. Max Semler zeigt der Besucherin moderne Fenster, sichere Türen und bestellt Grüße von der Schwiegertochter, die auch mal in Calw gelebt hat. Dann sagt der Kreishandwerkermeister: „Die Rente mit 63 bereitet mir ganz viel Sorge, Frau Schmitt!“ Wie viele gute Arbeitskräfte würden den Betrieben dadurch wohl verloren gehen? Die Politikerin antwortet: „Es ist ja bekannt, dass die Rente mit 63 kein Herzensprojekt der CDU war, sondern ein Kompromiss.“ Dem Seniorchef bereitet auch die Reform der Erbschaftsteuer Kummer. Was komme da bloß auf Familienunternehmen zu? „Die Diskussion darüber ist noch nicht abgeschlossen“, versichert die Juniorabgeordnete.

Noch einen Espresso, und weiter geht’s zur den Batterieforschern des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung. Dessen Chef Werner Tillmetz erklärt Ronja Schmitt nun, wie Lithium-Ionen-Batterien funktionieren. Er berichtet von Grafit und positiven und negativen Elektroden. Führt durch Test-, Misch- und Trockenräume. Spricht von Zellassemblierung und Elektrolytbefüllung. Und sagt am Schluss der Turboführung: „Die Politik hat fundamentale Fehler gemacht. Deutschland weigert sich bis heute, die neuen Autos zu subventionieren. Ich hoffe, dass nun mal Bewegung reinkommt.“ Ronja Schmitt lächelt nicht, als sie sagt: „Die Politik allein kann es nicht richten, es ist immer ein Zusammenspiel von vielen Kräften.“