K-Frage der Union beantwortet Das Comeback von Armin Laschet
Armin Laschet hat sich auf seinem Weg nach oben von Rückschlägen nie entmutigen lassen. Als Kanzlerkandidat der Union wartet nun seine größte Herausforderung auf ihn.
Armin Laschet hat sich auf seinem Weg nach oben von Rückschlägen nie entmutigen lassen. Als Kanzlerkandidat der Union wartet nun seine größte Herausforderung auf ihn.
Berlin - Die kleine Szene sagt viel aus über Armin Laschet. Es ist Dienstag in der vergangenen Woche, und der CDU-Vorsitzende hat sich in der Unionsfraktion im Bundestag gerade vier Stunden lang anhören müssen, warum viele seiner Leute lieber CSU-Chef Markus Söder und nicht ihn als Kanzlerkandidaten wollen. Der 60-Jährige ist sichtlich angefasst, als er aus dem Plenarsaal kommt und die Treppen im Reichstagsgebäude hinunter zum Ausgang schreitet. Er raunzt einen Mitarbeiter an, weil nicht sofort klar ist, wo er zum Pressestatement auftauchen soll. Sekunden später aber erleben ihn die Journalisten wieder gelassen und jovial wie immer. Sogar ein kleines Schmunzeln ist zu sehen.
Angezählt ist der 60-Jährige schon häufig gewesen. 1998 zum Beispiel, als er sein Aachener Bundestagsmandat verlor. Er ging ein Jahr später als Europaparlamentarier nach Brüssel, NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers holte ihn, auch damals überraschend, als Integrationsminister zurück. 2017 lag Laschet in nordrhein-westfälischen Landtagswahlumfragen fast aussichtslos zurück und eroberte doch die einstige Herzkammer der Sozialdemokratie. Im Kampf um den CDU-Vorsitz schien er ins Hintertreffen geraten zu sein – und hielt auf dem Parteitag seine beste Rede, als es zählte. Und jetzt die Kanzlerkandidatur, wo doch der Söder-Express immer mehr Fahrt aufzunehmen schien. „Armin Laschet ist ein klassisches Comeback-Kid“, sagt der Grüne Cem Özdemir, „er war schon oft abgeschrieben und ist immer wieder aufgestanden.“
Die beiden sind eng befreundet, kennen sich aus politischen Kindertagen. Im Bonner Lieblingsitaliener von Kanzler Helmut Kohl fanden damals die ersten schwarz-grünen Annäherungsversuche statt, kritisch als „Pizza Connection“ beäugt. Armin Laschet sitzt ebenfalls mit am Tisch, will seine Christdemokraten öffnen, gesellschaftspolitisch moderner und umweltpolitisch sichtbar machen. Weil er damals zur Avantgarde der CDU gehört, trifft es ihn heute besonders, wenn ihm auch vom grünen Freund Özdemir mangelndes Interesse an Klimapolitik vorgehalten wird: „Als Ministerpräsident des Industrielandes NRW, wo er die CDU zur neuen Kohle-SPD machen will, passt ihm das nicht mehr ins Konzept.“
Armin Laschet ist niemand, der solchen schwierigen Debatten aus dem Weg geht. Das haben nicht zuletzt die vergangenen Tage im Unionsmachtkampf gezeigt. Die fast schon prototypische rheinische Frohnatur sucht den Kontakt mit Menschen, sucht auch die schwierigen Begegnungen. Als neuer NRW-Integrationsminister fragt er den Freund, welches Signal er an die türkischstämmige Community senden könnte. Der rät zu einem Besuch bei Familie Genç, die beim Mordanschlag von Solingen 1993 Angehörige verloren hat und sich seither für Versöhnung einsetzt. Der Minister fährt hin, später gibt er Parteifreunden Widerworte, die einen „Muslim-Test“ für Einwanderer fordern. Noch später verteidigt er leidenschaftlich die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel. „Beratungsresistent“, lobt Cem Özdemir, „ist Armin Laschet nicht.“
Gewählt hat ihn die CDU als großen Vermittler zwischen all den Flügeln, Lagern und Fraktionen, in die nicht nur die Partei, sondern auch das Land zu zerfallen droht. Die Republik soll zum Düsseldorfer Kabinettstisch werden, wo er viele Strömungen versammelt hat. „Menschen zusammenführen“, „das offene Wort“ aushalten, abwägen, dann entscheiden – das bezeichnet er auch an seinem Kanzlerkandidatentag als seine zentrale Aufgabe.
„Harte Kritik perlt nicht einfach an ihm ab, das hieße ja, dass sie ihm egal wäre“, erzählt Herbert Reul, der nicht erst während Corona eng mit Laschet zusammenarbeitet, „aber sie wirft ihn nicht um.“ Der NRW-Innenminister, der ihn auch als Mitglied des CDU-Vorstands unterstützt hat, schätzt das lange Nachdenken, die Kompromissbereitschaft: „Diese ausgleichende Position ist gerade in diesen aufgeheizten Zeiten schwieriger zu verkaufen, dafür aber umso wichtiger, weil sie zu Stabilität führt.“
Am Glauben daran, dass er auch zum Erfolg führt, fehlt es nicht. In der katholischen Bergarbeiterfamilie, in der er aufwächst, ist Gottvertrauen keine Plattitüde. In der kirchlichen Jugendarbeit ist Laschet aktiv, mit 18 tritt er der C-Partei bei. Nach einer journalistischen Ausbildung leitet er Aachens Kirchenzeitung. Erst danach greift er auf sein Jurastudium zurück – und wird wissenschaftlicher Berater der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. Erst viel später, zu Pandemiebeginn, wird sich Laschet leidenschaftlich dafür einsetzen, dass der Staat nicht einfach Gotteshäuser schließt, sondern die Kirchen bittet, dies aus freien Stücken selbst zu tun.
Von einem gemeinsamen Türkeibesuch erzählt Özdemir. Tief bewegt ist Laschet, als sie eine der letzten griechisch-orthodoxen Gemeinden aufsuchen und Kerzen anzünden. „Er orientiert sich nicht an Umfragen, sondern an seinem christlichen Wertekompass“, lautet das freundschaftliche Urteil: „Während Söder auch schon mal in Richtung AfD geblinkt hat, war das bei Laschet immer undenkbar.“
Weil Söder aber der in Umfragen mit Abstand beliebtere Bewerber gewesen ist, muss Armin Laschet am Tag seiner Kür viel Zeit darauf verwenden, das hervorragende Verhältnis zum Amtskollegen aus München und dessen herausragende Rolle auch im heraufziehenden Bundestagswahlkampf zu betonen. Viel Zeit bleibt da auf der Pressekonferenz im Berliner Konrad-Adenauer-Haus nicht, um dem skeptischen Wahlvolk die eigenen Qualitäten anzupreisen. Söders Gabe, die eigene Message auf ein paar knackig kurze Sätze zu reduzieren, geht Armin Laschet ab. Der Auftritt wird kaum in die Geschichte der politischen Inszenierungskunst eingehen.
Eine Botschaft jenseits von Mittlertum und Modernisierung platziert der Mann, der Kanzler in Europas größter Volkswirtschaft sein will, aber doch: „Unser Land führt in der Welt nicht durch Größe und Einschüchterung, sondern durch Exzellenz, Vorbild und Menschlichkeit.“ Europa sei für Laschet Herzensangelegenheit, so Reul: „Schon aufgrund seiner familiären Herkunft und des Lebens im Dreiländereck Deutschland-Belgien-Niederlande hat er immer das große Ganze im Blick.“
Der Zweifel bleibt aber an diesem Tag, als „ein unwürdiges Schauspiel“ zu Ende gegangen ist, auch beim politischen Konkurrentenfreund Cem Özdemir: „Mir ist ein Rätsel, wie er in dieser Union die Disziplin wieder herstellen will.“