Die katholische Kirche in der Krise Kirche first, Kirchenvolk später

Missbrauchsopfer Johanna Beck will die Kirche nicht verlassen – trotz allem. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

In Frankfurt tagt der Synodale Weg und in Rom schweigen Ex-Papst und Papst. Auch bei den deutschen Bischöfen möchte mancher das Missbrauchsthema lieber verdrängen.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

Stuttgart - Johanna Beck hört viel Tocotronic dieser Tage, das neue Album der Hamburger Indierockband. Es heißt „Nie wieder Krieg“. Beck kennen Stuttgarter Katholikinnen und Katholiken unter anderem vom Kirchengemeinderat St. Eberhard her. Sie ist 38 Jahre alt, hat drei Kinder, war Missbrauchsopfer in der Pfadfinderjugend, ging auf Distanz zur Kirche und fand doch wieder zu ihr hin. Mittlerweile ist sie auf nationaler Ebene die Sprecherin des Betroffenenbeirats der Deutschen Bischofskonferenz. Beck ist also dabei, als es am Donnerstagnachmittag für 230 Delegierte in Frankfurt erneut auf den sogenannten Synodalen Weg ging. Es handelt sich um den fortgesetzten Versuch, die gröbsten Brocken der jüngeren Vergangenheit der katholischen Kirche hierzulande wegzuräumen, damit die Institution vielleicht doch eine Zukunft hat.

 

Lieder, die von der Krise erzählen

Seltsamerweise klingen fast alle Liedtitel auf dem Tocotronic-Album, als handelten sie von der Situation der katholischen Kirche. Sie heißen: „Ich hasse es hier“, „Ich gehe unter“ und „Crash“. Einer heißt „Hoffnung“; immerhin. Und dann gibt es noch „Ich tauche auf“, einen hyperfragilen Song. Da kommt dann auf einmal die sagenhafte Melusine an die Wasseroberfläche, eine von der christlichen Mythologie im Mittelalter gerne vereinnahmte und gleichzeitig ausgeklammerte Frau. „Wo ist deine Nachricht?“ heißt es, und alle auftretenden Bandmitglieder, im dazugehörigen Video kann man das sehen, sind sehr fürsorglich und woke. Schließlich weinen sie miteinander. „Wir setzen uns mit Tränen nieder“, wie es in der „Matthäuspassion“ heißt.

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Heftiger Widerspruch von der Jugend

Johanna Beck hat solche Momente persönlich schon häufiger hinter sich bringen müssen – und trotzdem immer wieder auf ihre Kirche gesetzt, die ihr viel Hoffnung genommen hatte, dann aber erneut Halt gegeben hat – das kennen ja viele Menschen genau so. Im Augenblick ist es eine extreme Zwischenphase für sie. Extrem, weil die Deutsche Bischofskonferenz mit Rückwirkung von Dezember 2021 die reaktionäre Katholische Pfadfinderschaft Europas (KPE) als „privat kanonischen Verein“ anerkannt hat. Kommuniziert wurde das von der Kirche nur minimal. Heftiger Widerspruch („nur schwer nachvollziehbar“) kommt vom BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend), Entgeisterung herrscht bei Johanna Beck vor. Im Rahmen von Veranstaltungen des KPE ist sie damals missbraucht worden.

Ein Youngster in der Altmännerriege

Und nun steht Beck, mit „sehr gemischten Gefühlen“, wie sie sagt, wieder in Frankfurt, um hier mutmaßlich auf Würdenträger zu treffen, die, wie der Passauer Bischof Stefan Oster, nach wie vor der Wirklichkeit am liebsten ausweichen würden. Während Kardinal Reinhard Marx bei der Stellungnahme zur jüngsten Münchner Missbrauchsstudie die Opfer sexuellen Missbrauchs wenigstens mehrmals um Entschuldigung bat, ging Oster zur Tagesordnung über. Die scheint auch für ihn immer noch zu heißen: Kirche zuerst, Kirchenvolk später.

Oster, Jahrgang 1965 und somit vergleichsweise ein Youngster in der kirchlichen Altmännerriege, hat den bischöflichen Wahlspruch „Victoria veritatis caritas“ gewählt, „der Sieg der Wahrheit ist die Liebe“. Die Formel erinnert an das Motto von Papst Benedikt emeritus, der sich zum Amtsantritt in der Erzdiözese München-Freising 1977 zu den „Cooperatores veritatis“ rechnete, den „Mitarbeitern der Wahrheit“. Vielleicht aber muss die katholische Kirche den alten und störrischen Joseph Ratzinger jetzt einfach mal hinter sich lassen. Im Hintergrund freilich rumort er noch. Zufall oder nicht: in den letzten beiden Ansprachen bei der römischen Generalaudienz hat Papst Franziskus ausgerechnet über den nicht wenig geprüften biblischen Joseph gepredigt. Der blieb immer, und sei es im Traum, im Gebet mit Gott, um aus seinen jeweiligen Zwangslagen herauszufinden.

Der Stuttgarter Stadtdekan erwartet die „Kernschmelze“

Am Mittwoch dieser Woche ging Franziskus darüber hinaus verklausuliert auf die Gemeinschaft der katholischen Christen ein, die, in Deutschland zumal, gerade enormen mentalen Belastungsproben ausgesetzt ist. Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes zum Beispiel, verantwortlich für eine hochengagierte, kritische Gemeinde in St. Eberhard, sieht trotz aller Anstrengungen an der Basis und auch im Überbau der Kirche so etwas wie „eine Kernschmelze“ voraus. Er mag auch ernsthaft nicht mehr auf den Synodalen Weg setzen, dem er Seriosität in der Sache indes keineswegs abspricht. Vonnöten für ein Votum an Rom, was nicht mehr sein kann als eine „Bitte“ (ums Gehörtwerden), wäre allerdings stets eine Zweidrittelmehrheit der 69 deutschen Bischöfe. Der Synodale Weg ist von ihnen abhängig. Dekan Hermes sieht – da erspart er den Seinen in der Sache nichts – ein „brutales Scheitern“ dieser Initiative voraus.

Auf welches Geld kann die Kirche verzichten?

Nur wenig hoffnungsvoller sieht es der absolut reformwillige derzeitige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, der im Vorfeld von Frankfurt eine Entschuldigung vom emeritierten Papst Benedikt gefordert hat. Vier Worte: „Ich bitte um Verzeihung.“ Anders gehe es nicht, meint Bätzing, der zuletzt noch einmal deutlich gemacht hat, dass zumindest die katholische Kirche in Deutschland bereit ist, auf handfeste und historisch verankerte Privilegien zu verzichten: Es handelt sich um die sogenannten Staatsleistungen, die seit 1803 und, rechtlich genauer gefasst, seit Inkrafttreten der Weimarer Verfassung gelten: Fast 600 Millionen Euro zahlen derzeit die Bundesländer an die evangelische Landeskirchen und die katholischen Bistümer: „Weg damit. Sie sind für niemanden verständlich“, sagt Bätzing.

Aber einstweilen ist das nicht mehr als eine Einzelmeinung. Nikolai Eterovic, der Apostolische Nuntius, der in Frankfurt beim Synodalen Weg das Geschehen genauestens protokolliert, wird das gleichwohl längst nach Rom gemeldet haben, wo die Deutschen eh schon lange als potenzielle Ausscherer und unsichere Kantonisten auf dem Weg der Weltkirche gelten.

Und: Wird sich etwas ändern?

Frankfurt könnte trotz alledem so etwas wie eine Art Wendepunkt zumindest in der deutschen katholischen Kirchengeschichte sein, denn schon beim letzten Mal im Herbst wurde hier vorbildlich engagiert diskutiert und gestritten. Neben den zahlreichen jungen Leuten, die mit ihrer Kirche nicht brechen wollen und neben den Altlasten auch Zukunftsperspektiven sehen, hat die Veranstaltung zudem einen Anker in der neuen Präsidentin der Laien im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp. Ein zentraler Punkt werden Anträge sein, die auf mehr Mitbestimmung von Frauen überhaupt in Machtpositionen bauen oder eben konkret auch Frauen im Diakonat vorsehen, eine Position, die auch die Stuttgarterin Johanna Beck irgendwann einmal hofft, mit Leben füllen zu können. Mit wirklichem Leben.

Frankfurt könnte also auch der Ort für den Akt des Auftauchens sein, wo die einen die anderen, wie im Lied von Tocotronic, nach der Nachricht fragen. Und über ein Reservoir an prinzipiell guten Nachrichten verfügt die katholische Kirche ja schon auch noch. Was sie braucht, ist eine neue Glaubwürdigkeit. „Wenn wir nicht mehr glaubwürdig sind“, sagt Christian Hermes in aller Klarheit, „muss es uns als katholische Kirche nicht mehr geben.“

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