Die katholische Kirche kommt nicht zur Ruhe Was fehlt? Nicht nur der Glaube

Papst Franziskus Foto: dpa/Ameer Al Mohammedaw

Trotz vieler engagierter Mitarbeiter ist der Katholizismus fast überall in der Dauerkrise, meint unser Autor Mirko Weber.

Stuttgart - Papst Franziskus hält wieder routiniert die geraume Zeit ausgesetzten Generalaudienzen ab. Dabei kennt er keinen Urlaub. Aus Castel Gandolfo, der angestammten Sommerresidenz, hat er ein Museum machen lassen. Nein, Franziskus, sichtbar gut erholt, ist wegen eines größeren Eingriffs im Krankenhaus gewesen, was vielleicht zum ersten Mal bei diesem knorrig-vitalen Mann auch an seine Endlichkeit denken lässt. Tatsächlich wird er im Dezember 85 Jahre alt, ein Zeitpunkt, zu dem Benedikt XVI. seine Emeritierung beschloss.

 

Dessen jesuitischer Nachfolger könnte im Gestus nicht unterschiedlicher als der deutsche Papst auftreten. Bis heute propagiert er die „arme Kirche für die Armen“ und versteht sich als „Soldat Gottes“. Das Zustandekommen des unlängst vor dem Vatikangerichtshof begonnenen Strafprozesses gegen Kardinal Becciu, der mit Einnahmen des sogenannten Peterspfennigs (Riesenbeträge aus der globalen Kollekte für die Weltkirche) in London für eine Immobilie 250 Millionen Euro ausgab, hat viel mit Franziskus’ Initiative zu tun. Auch das Mitte Juli quasi vom Hospitalbett aus verschickte Schreiben „Traditiones Custodes“ (Wächter der Tradition) hat es als Kampfansage in sich. Verkürzt gesagt verbietet der Papst die alte lateinische Messe fast flächendeckend. Benedikt indes hatte sie noch einmal zu nobilitieren versucht. Traditionalisten, die dem aktuellen Papst ohnehin theologisches Irrlichtern unterstellen, werden sich widersetzen. Aber, im Ernst: Ein mit dem Rücken zu den Gläubigen praktizierender und in einer schönen, aber toten Sprache sprechender Priester? Soll das die Zukunft der katholischen Kirche sein?

Mitunter ist die Kirche administrativ wie gelähmt

Sie hat andere Probleme, und Franziskus kennt sie. Während die Pfingstkirchen und evangelikalen Gemeinden mit ihren Protagonisten in den USA, Asien und Südamerika zunehmend als politische Akteure auftreten, scheint die katholische Kirche mitunter administrativ wie gelähmt. Es mögen sich vor Ort die Gemeinden noch so viel Mühe bei der Veränderung geben: Wem wollte man erklären, dass beim Stuttgarter Katholikentag im nächsten Jahr der gastgebende Bischof Gebhard Fürst und der protestantische Landesbischof Frank Otfried July keinen gemeinsamen ökumenischen Gottesdienst feiern dürfen? Statt einer falschen Ästhetisierung von Religion bräuchte es – keine neue Idee, sondern nur Neues Testament – ein „tätiges Christentum“, wie es Tomas Halik, der tschechische Priester, Soziologe und ehemalige Berater von Vaclav Havel, empfiehlt: Kirche muss Leben retten oder zumindest kollektiv Lebenshilfe anbieten, anstatt, wie der Kölner Kardinal Woelki, inmitten der Flutkatastrophe in seinem Bistum fromm-wohlfeile Grußworte per Video aufzunehmen.

Kirche muss sich um gesellschaftliche Fragen kümmern

Über der Causa Woelki brütet der Vatikan seit Monaten. Am Ende wird der Kölner Kardinal noch die in der Vorbereitungskommission immerhin erstmals paritätisch mit Frauen besetzte Weltsynode bis 2023 und die nächste Papstwahl beeinflussen. Er wäre dann, mit Mitte Sechzig, einer der jüngsten unter seinesgleichen; bei den Bischöfen gibt es gerade zwei(!) Männer unter Vierzig. Welche Gesellschaft bilden sie ab? Mangelnde Glaubhaftigkeit verursacht gestörte Glaubensvermittlung. Der unlängst früh verstorbene Jesuitenpater und ehemalige Radio-Vatikan-Korrespondent Bernd Hagenkord, hat das wie in einem Testament formuliert: „Eine Kirche, die sich nicht um gesellschaftliche Fragen kümmert, braucht keiner, um das klar zu sagen. Aber umgekehrt gilt auch: Wenn wir es nicht schaffen, den Glauben der nachwachsenden Generation zu vermitteln, ist alles andere irrelevant. Denn dann wird es uns Kirchen bald nicht mehr geben.“

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