Memoiren von Theo Sommer Bekannter Journalist schreibt über seine Kindheit auf der Alb
In seinen posthum veröffentlichten Memoiren erzählt der Großjournalist Theo Sommer auch die Geschichte seiner Kindheit in Schwäbisch Gmünd und auf der Alb.
In seinen posthum veröffentlichten Memoiren erzählt der Großjournalist Theo Sommer auch die Geschichte seiner Kindheit in Schwäbisch Gmünd und auf der Alb.
Marion Gräfin Dönhoff, Chefin des Politik-Ressorts hatte ihn an ihre Seite ins Hamburger Pressehaus geholt. Theo Sommer folgte ihr im Lauf der Jahre als Ressortchef, Chefredakteur und Herausgeber. „Die Zeit“ wurde zur Chance seines Lebens, und aus der Chance wurde sein Leben. In seinen Memoiren „Zeit meines Lebens“, an denen er buchstäblich bis zum letzten Atemzug im August 2022 gearbeitet hat, beschreibt er auch seine Kindheit im Schwäbischen. Wir veröffentlichen Eindrücke „einer längst versunkenen Welt“, wie Sommer es sagte, hier in Auszügen.
Wenn ich es recht bedenke, muss ich mit der Burg Hohenzollern anfangen. Dort hat alles begonnen. Es muss um die Jahreswende 1928/29 gewesen sein. Meine Mutter, die ausgebildete Charité-Krankenschwester Else Römhild, pflegte zeitweilig ihre kranke Tante, deren Mann die Burgschenke auf dem Hohenzollern betrieb. In ihren nachgelassenen Erinnerungen beschreibt sie, wie sie beim Aufräumen im Schlafzimmer der Tante einen Tubendeckel auf dem Fußboden liegen sah. Sie hob ihn auf und warf ihn einfach spontan aus dem Fenster. Noch hatte sie den Arm nicht sinken lassen, als sie vom Schlossweg unten ein „Au!“ hörte. Verlegen blickte sie aus dem Fenster und fuhr erschrocken zurück. Der Deckel hatte einen blonden jungen Mann auf den Kopf getroffen. Sie hielt ihn für einen Burgbesucher und betete inständig, dass sie ihm nie wieder begegnen werde.
Am Nachmittag jedoch stand er ihr am Kaffeetisch gegenüber und wurde ihr als Theo Sommer, der Enkel des Kastellans, vorgestellt. Mein Urgroßvater war Verwalter der Burg Hohenzollern. Sein Enkel diente beim Infanterieregiment 14 der Reichswehr in Konstanz und hatte gerade vier Tage Urlaub.
Am nächsten Tag bat der blutjunge Soldat Elses Tante um die Erlaubnis, am Abend mit ihrer Nichte auf der Bastei um die Burg herum eine halbe Stunde spazieren gehen zu dürfen. Doch fing es nachmittags so stark zu stürmen an, dass man keinen Schritt aus dem Haus gehen konnte. Theo wusste Rat: „Fräulein Else, Sie dürfen nichts Schlechtes von mir denken, ich weiß einen Platz, wo wir in Ruhe reden können, und reden muss ich mit Ihnen.“ Er ging in die Kastellanswohnung seines Großvaters und holte sich heimlich den Schlüssel zum Schlosseingang. Durch die Ahnengalerie und den Grafensaal schlich sich das Paar ins Arbeitszimmer Wilhelms II.
Dort setzten sich die beiden in zwei Sessel, getrennt durch einen großen Tisch, und schauten sich scheu an. Sie mahnte bald: „Ich muss gehen, die halbe Stunde ist fast um.“ Da platzte es aus ihm heraus: „Fräulein Else, ich bin zwar noch nichts, ich kann vielleicht mal was werden, würden Sie auf mich warten, bis ich was bin?“ Ihr stockte fast der Atem, schließlich kannten sie sich kaum drei Tage. „Sie können mir ja mal schreiben“, gab sie zur Antwort. „Vielleicht werde ich dann warten.“ Dann liefen die beiden nach draußen. Es reichte gerade noch zum verbrüdernden Du und einem ersten Kuss – dem „Siegel unter den Vertrag“, wie sich der junge Mann ausdrückte, ehe er sich auf den Rückweg in seine Kaserne machte.
Anderthalb Jahre später bin ich in Konstanz zur Welt gekommen. Es war eine heillose Welt. Der Sommer 1930 zeigte sich durchwachsen. Wohl gab es im Juni mehr Wärme und Sonne als sonst, Hitze und Dürre plagten die Menschen, doch der Juli und August wurden nass und kühl.
Es war ein Jahr voll verschatteter Ausgelassenheit. In „Der blaue Engel“ feierte Marlene Dietrich Triumphe, Gustaf Gründgens spielte den Orest in Goethes „Iphigenie auf Tauris“, die Comedian Harmonists sangen „Wochenend und Sonnenschein“. Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ stellte Verkaufsrekorde auf. Vor lauter Jux und Tollerei wollte niemand so richtig wahrhaben, dass dennoch alsbald wieder heldenhafter Glanz und kriegerisches Gloria zur Losung werden sollten. Die erste deutsche Spaßgesellschaft taumelte selbstvergessen ihrem Ende entgegen. Was sich damals als fulminantes Feuerwerk ausnahm – in der Rückschau wird erkennbar, dass es nur der täuschende Vorspann war zu den Feuerwalzen, Feuerstürmen und Feueröfen des kommenden Weltenbrandes.
Am 10. Juni 1930 trainierte ein junger, deutscher Schwergewichtler namens Max Schmeling in Endicott bei New York für die Box-Weltmeisterschaft. US-Zeitungen waren voller Berichte, dass Tiefkühlkost reißenden Absatz fand – die Erfindung des früheren Pelzhändlers Birdseye. In Oberstdorf eröffnete der bayerische Ministerpräsident Heinrich Held die 4900 Meter lange Seilbahn auf das Nebelhorn.
An diesem Junitag wurde ich um 6.15 Uhr in Konstanz geboren, im Wöchnerinnenheim in der Friedrichstraße. Meine Mutter war, wie der Eintrag ins Geburtenbuch festhielt, die ledige Krankenpflegerin Else Nanny Rosa Römhild, Tochter des Glasers Oswald Römhild in Rudolstadt/Thüringen, wohnhaft in Konstanz, Belfortstraße 8. Meinen Vater erwähnte der Eintrag nicht. Ich war fast 60, als ich darauf kam, dass ich die ersten drei Jahre meines Lebens Theo Römhild geheißen hatte.
Schuld daran war die Reichswehr. Im Hunderttausend-Mann-Heer der Weimarer Zeit galt der „Heiratskonsens“, wonach kein Reichswehrangehöriger heiraten durfte, der nicht 27 Jahre alt war und außerdem sieben Dienstjahre hinter sich hatte. Dreimal suchte mein Vater Anfang der 30er um Sondergenehmigung nach, dreimal wurde sein Gesuch abgelehnt. Der vierte Antrag hatte Erfolg. So traten meine Eltern im August 1934 in der Rudolstädter Stadtkirche vor den Altar. In ihrem Erinnerungsbuch schilderte meine Mutter: „Bei der kirchlichen Trauung war unser Junge sehr stolz, Blumen streuen zu dürfen. Aber mitten in der Zeremonie sprang er weinend in den Altarraum hinein, wo wir knieten, und rief: ,Was macht der Mann mit meinem Papa und meiner Mutti?‘“
Wir zogen nach Münsingen, wohin mein Vater mittlerweile versetzt worden war. Jungen trugen im Schwabenland jahrein, jahraus Lederhosen. Verstohlen rieben wir die Krachledernen mit Butterpapier oder Schmalzresten ein, um ihnen den begehrten Fettglanz und jene Standfestigkeit zu verleihen, die sie, wenn man sie abends auf den Fußboden stellte, vor dem Umfallen bewahrte. Im Sommer trugen wir dazu Kneipp-Sandalen oder gingen barfuß. Im Winter kratzten uns lange, raue Strickstrümpfe, die mit Strapsen an einem Leibchen befestigt waren, das mir bis heute als schmachvolle Entehrung meiner Männlichkeit in der Erinnerung haftet.
Oma Römhild konnte nicht nur kochen. Sie stampfte Sauerkraut ein. Sie grub im Wald Wurzeln aus und setzte mit Alkohol aus der Apotheke ihren eigenen Magenbitter an. Sie dörrte Apfelringe, Pilze und Pflaumen. Schwarze Johannisbeeren aus dem Garten am Berg verwandelte sie in köstlichen Wein. Im Übrigen strickte und häkelte sie unentwegt für die Familie: Wollstrümpfe und Pullover für den Winter und Stirnbänder gegen kalte Ohren und Pulswärmer für warme Handgelenke. Sie rackerte sich ab wie die meisten Frauen ihres Standes, ihrer Zeit.
In ihren Arbeitsbüchern wurde sie im Auf und Ab der Jahre als Aufwärterin, Scheuerfrau, Kochfrau, Kalte Mamsell, Kochmamsell, Küchenleiterin geführt. Zu ihren rissigen, schwieligen Händen gehörten in ihrem Gesicht die gütigsten Augen, die mich je angeblickt haben, und die faltenzerfurchte Stirn. Sie achtete peinlich auf Sauberkeit, flickte und putzte ohne Unterlass. Sich selbst putzte Oma Hedwig dagegen nicht heraus, Lippenstift und Puder benützte sie nie. Ein schlichter Ring, ein Granathalsband war feiertags der größte Schmuck.
Oma Römhild war nach Münsingen gekommen, als meine Mutter krank war, um Vater und mich zu versorgen, das muss Ende 1934 oder Anfang 1935 gewesen sein. Opa Römhild kam etwas später nach. Wir holten ihn am Bahnhof ab. Die Szene steht mir noch lebhaft vor Augen: strahlend blau der Himmel über der Alb, die Eisenbahngleise funkelten im Sonnenschein. Opa, inzwischen 50 Jahre alt, kam uns federnd entgegen. Er trug SA‑Uniform: hohe, runde Schildmütze, Braunhemd, Koppel und Schulterriemen. Bauschige Hosen über kniehohen Stiefeln. Alles wirkte nagelneu. Der alte Sozialdemokrat, ehedem sogar Reichsbanner-Mann, musste jüngst der SA beigetreten sein, geflüchtet in die kollektive Wärme der neuen Zeit.
Im Spätsommer 1935 ging es weiter nach Heilbronn, in die neue Kaserne auf der Fleiner Höhe. Dort wurde im Herbst mein Bruder Klaus geboren, und dort kam ich Ostern 1936 zur Schule. In Lederhosen und Sandalen stapfte ich morgens bei gutem und bei schlechtem Wetter über den Kasernenhof, an der Wache vorbei den langen Berg hinunter zum Schulgebäude. Mittags dann den gleichen beschwerlichen Weg bergauf zurück. Noch war ein Kinderfahrrad reiner Luxus, Schulbusse gab es nicht. Ein knappes Jahr später wurde Vater nach Schwäbisch Gmünd abkommandiert.
Wenn ich das Wort Heimat höre, sehe ich Gmünd vor mir, seine grauen Mauern und Türme, den gepflasterten Marktplatz, die drei Kaiserberge. Dann denke ich an das Münster, die Johanniskirche und den Prediger, an Schießtal und Galgenberg, das schwitzfeuchte alte Hallenbad und das pfifferlingsträchtige Haselbachtal. Und dann wird mir ganz warm ums Herz. Ich bin längst ein gelernter Hamburger, aber das Schwabenland ist mir noch sehr nahe, und das Schwäbische geht mir, wenn ich dort bin, nach wie vor flüssig von den Lippen.
Manchmal verdichtet sich die Erinnerung an meine Jahre im Ländle zur Sehnsucht, mal wieder auf der Alb zu wandern. Mal wieder einen richtigen schwäbischen Rehbraten mit Spätzle und dunkel-sämiger Soße zu genießen oder einen „schlonzigen“ Kartoffelsalat. Heimat. Das ist, wo ein Mensch seine Schulzeit verbracht hat. Wo man die ersten Rutschversuche auf Skiern anstellt, die ersten Küsse tauscht, den ersten Liebeskummer erlebt. Wo man Tanzstunde macht, im dunklen Anzug stolz sein Abiturzeugnis entgegennimmt. In all dieser Hinsicht ist mir Schwäbisch Gmünd Heimat gewesen.
Es machte durchaus einen Unterschied, ob man „Kathole“ oder „Evangele“ war. In der Klösterleschule waren das Vordergebäude und der vordere Schulhof den Katholiken überlassen, der hintere Gebäudeteil samt Hinterhof den Protestanten. „Grenzüberschreitung“ war verboten. Selbst bei den Aborthäuschen herrschte konfessionelle Apartheid. Die Sommers gehörten der kleinen evangelischen Minderheit an. Nach der Schule wurden wir Protestanten oft von katholischen Mitschülern verprügelt. Damals machte ich zum ersten Mal eine Erfahrung, die ich später vielfach bestätigt fand: Der Minderheitenstatus erzieht zur Toleranz.
Im Kindergottesdienst wurde ein Kirchenblättchen verteilt, dessen Fraktur-Ödnis mich langweilte. Lieber lasen wir Groschenhefte, Rolf Torrings Abenteuer vor allem – „Das Gespenst im Urwald“ oder „Der Fluch des Schwarzen Rubins“. Und natürlich Karl May, den ich als Achtjähriger zu verschlingen begann. „Promis“, die uns in ihren Bann schlugen, kannten wir nicht. Aber wir bewunderten den Grafen Zeppelin. Wir fieberten am Volksempfänger mit, wenn Rudolf Caracciola sich am Nürburgring oder auf der Avus Wettrennen lieferte.
An Autos war noch lange nicht zu denken. Im Kreis Gmünd liefen 1925 erst 211 Motorfahrzeuge, und noch im Jahr vor dem Krieg waren in dem Städtchen bloß 1980 „Kraftwagen“ registriert. Meist waren es eckige Opel‑P 4 oder kastenförmige Ford. Nicht einmal die stolzen Fabrikanten der Schmuckbranche fuhren alle ein Automobil. Noch liefen viele Pferdefuhrwerke und Droschken, die Bierbrauerpferde trappelten brav durch die engen Gassen. Ein Fahrrad war schon ein beneideter Besitz. Zum neunten Geburtstag bekam ich mein erstes geschenkt. Ich war stolz wie Bolle.
Wie hätte ich, kaum zehn Jahre alt, das Unheil kommen sehen können? Den Ernst des Lebens verspürte ich zum ersten Mal am 27. August 1939. Zwei Tage zuvor war der Mobilmachungsbefehl ergangen. Jetzt rückte das Gmünder Infanteriebataillon des II. I. R.119 aus der Bismarckkaserne aus. Mit Mann und Ross und Wagen ging es zur Verladung auf den Bahnhof. Der Bataillonskommandeur auf seinem Rappen voran, die Kompaniechefs ebenfalls zu Pferde vor ihren Kompanien, die Leutnants zu Fuß mit gezogenem Säbel an der Spitze ihrer Züge. Als ich die Truppe 1939 ausrücken sah, fühlte ich Stolz im Herzen, wer weiß warum, und es rannen mir zugleich die Tränen über die Wangen. Das klingende Spiel verwehte im Sommerwind. Die gemischten Gefühle blieben. An diesem Tag ging meine Kindheit zu Ende.
Theo Sommer (*10. Juni 1930 in Konstanz; † 22. August 2022 in Hamburg) begann seine journalistische Karriere bei der Rems-Zeitung in Gmünd, wo er von 1952 bis 1955 als Lokalredakteur tätig war. Mit 27 wurde er Redakteur bei der „Zeit“. Fast 30 Jahre lang war er als Chefredakteur und dann Mitherausgeber der „Zeit“ einer der einflussreichsten politischen Kommentatoren in Deutschland. Außerdem arbeitete er für ausländische Medien – etwa als Kolumnist bei „Newsweek International“ (USA) und „Yomiuri Shimbun“ (Japan).Seine Memoiren „Zeit meines Lebens – Erinnerungen eines Journalisten“ (32 Euro, 504 Seiten) sind posthum erschienen im Propyläen-Verlag, Berlin. (szu)