Die Klarissen im Kloster Pfullingen Zwei Mundvoll Schweigen

Von Irene Ferchl 

Sie waren „für die Welt begraben“, wie es die Ordensgründerin Klara von Assisi beschrieb. Klarissen durften nicht sprechen und das Pfullinger Kloster niemals verlassen. 700 Jahre später wurde der Ort zur Keimzelle des renommierten Neske-Verlags.

Das letzte erhaltene mittelalterliche Sprechgitter: Nur in Ausnahmefällen und unter Aufsicht  war es Schwestern gestattet, Kontakt nach Außen  aufzunehmen. Das Gitter war zusätzlich mit Tüchern verhängt. Foto: Gottfried Stoppel
Das letzte erhaltene mittelalterliche Sprechgitter: Nur in Ausnahmefällen und unter Aufsicht war es Schwestern gestattet, Kontakt nach Außen aufzunehmen. Das Gitter war zusätzlich mit Tüchern verhängt. Foto: Gottfried Stoppel

Pfullingen - Das beständige Schweigen ist von allen so konsequent einzuhalten, dass ihnen weder untereinander noch mit anderen zu reden erlaubt sei, ausgenommen jenen, welchen eine Lehrtätigkeit oder eine Aufgabe auferlegt ist, über das zu reden, was zu ihrem Amt oder ihrer Aufgabe gehört, wo, wann und wie es der Äbtissin notwendig scheint.“ Die Regeln, die Papst Innozenz IV. in seiner Bulle vom Herbst 1252 den Klarissen des Klosters der heiligen Cäcilie in Pfullingen auferlegte, bedeuteten durch das strenge Schweigegebot und die lebenslängliche Klausur eine radikale Weltabgeschiedenheit. Bis heute zeugen davon der Nonnenfriedhof innerhalb des Klosterareals sowie das Sprechgitter – das einzige in Europa erhaltene mittelalterliche Redfenster und ein fast unbekanntes historisches Kleinod.

Die Gründerin des Ordens und Nachfolgerin des heiligen Franziskus, Klara von Assisi (1193-1253), hatte ursprünglich andere Ideale: Sie wollte mit ihren Begleiterinnen wie die Franziskanerbrüder nach einem strengen Armutsgelübde nur von Almosen leben. Doch die Politik der Kirche zielte darauf ab, diese Frauen hinter Klostermauern einzuschließen, ein freies Wanderpredigerleben in Armut nach dem Vorbild männlicher Bettelorden war ihnen verboten. Die Klarissen waren, nach Klaras eigenen Worten „für die Welt begraben“. Auch die zuvor im losen Verbund organisierten, oft sozial tätigen religiösen Frauengemeinschaften der Beginenhäuser wurden nun in Klausur gezwungen. Zum Verständnis muss man sich immer auch vor Augen halten, dass Frauen seinerzeit als geistig, ethisch und physisch minderwertige Wesen galten.

Die Schwestern Mechthild und Irmhild

1250 traten die Schwestern Mechtild und Irminhild aus dem Pfullinger Ortsadel mit ihren Gefährtinnen, adligen Damen aus der Umgebung, in das von ihnen gestiftete Kloster ein. Es war eines der wenigen Klarissenklöster außerhalb Italiens und die zweite Gründung in Deutschland nach Ulm.

In den 1270er Jahren wurde der heute nur in Plänen überlieferte Konvent erbaut und bezogen, um 1300 entstand die frühgotische Klosterkirche, deren Westteil noch steht. Zum Klosterareal innerhalb einer mehrere Meter hohen Mauer gehörten die Konventsgebäude mit einem Kreuzgang, außerhalb lagen Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude.

Zwischen dem Zeughaus und dem sogenannten Windenhaus befand sich als Teil der Mauer das Sprechgitter aus perforiertem Eisenblech, das sogar mit Tüchern zu verhängen war, um jeden Blickkontakt zu vermeiden und die Stimmen zu dämpfen. Die Gesprächspartner standen im Freien und mussten sich nach oben recken, um dieses Redfenster zu erreichen, die Nonnen innen knieten davor, für sie war ein Sprechzimmer (Parlatorium) angebaut, wo bei jeder der selten erlaubten Unterredung zudem zwei Nonnen als Aufsicht saßen. Die Durchreiche mit den Stäben wurde wohl später in das Lochgitter gebrochen, zuvor geschah die Versorgung durch eine „Winde“, eine Drehlade für Waren, die auf beiden Seiten zu verschließen war. Für den seltenen Fall, dass Personen ein- oder ausgehen mussten, gab es ein Tor, das bei jedem Besuch durchbrochen und danach wieder zugemauert wurde, sowie einen nur über eine Leiter zu erreichenden Mauerdurchlass.