Das Herrenberger Krankenhaus soll, wenn es nach dem neuen Medizinkonzept für den Klinikverbund Südwest (KVSW) geht, vom Grundversorger zum „intersektoralen Gesundheitszentrum“ herabgestuft werden. Damit einhergehen würde nicht nur der Verlust des 24-Stunden-Betriebs, sondern auch die Verlagerung der am Standort Herrenberg etablierten und bei der Bevölkerung geschätzten Gynäkologie samt Geburtshilfe sowie der Palliativstation. Nur rund 40 Betten im Tagesbetrieb blieben erhalten.
Diese Pläne schlagen bei der Bevölkerung in der Gäustadt und den umliegenden Gemeinden ebenso hohe Wellen wie in der Belegschaft des Herrenberger Krankenhauses. So machten am Montagabend vor der Stadthalle im Vorfeld der gemeinsamen Informationsveranstaltung von Landkreis und Klinikverbund rund 50 Personen, darunter Gynäkologinnen, Hebammen, aber auch Ehrenamtliche, die sich in der Palliativstation engagieren, ihrem Unmut mit Protestplakaten Luft. Die Halle selbst war mit mehreren hundert Informationsdurstigen voll besetzt. Zweieinhalb Stunden dauerte die Veranstaltung mit Landrat Roland Bernhard, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender im KVSW ist, mit KVSW-Geschäftsführer Alexander Schmidtke und mit dem aus Heidelberg zugeschalteten Philipp Letzgus von der Hamburger Beratungsgesellschaft Lohfert & Lohfert, aus deren Feder das Konzept stammt. Bei der Fragerunde gesellte sich Michael Jugenheimer, Ärztlicher Direktor des Herrenberger Krankenhauses, dazu.
Die große Resonanz zeige, wie notwendig dieser Termin sei, befand Herrenbergs Oberbürgermeister Thomas Sprißler, der als Hausherr die Begrüßung übernahm. Angesichts der Emotionalität der öffentlichen Debatte, die aus seiner Sicht nachvollziehbar sei, mahnte der Rathauschef auf der Suche nach den besten Lösungen einen konstruktiven, transparenten Meinungsbildungsprozess an – getreu dem Motto „erst hören, dann argumentieren“. Dank der souveränen, und gleichzeitig lockeren Moderation von Antje Grobe, Geschäftsleiterin von „Dialog Basis“ aus Dettenhausen, blieb der Emotionspegel dann auch weitgehend niedrig – unter anderem, weil sie es verstand, die Stimmung im Publikum, gegebenenfalls als dessen Anwältin, aufzugreifen.
Unterm Strich nahmen die Zuhörerinnen und Zuhörer etliches Hintergrundwissen und ein paar Botschaften mit nach Hause: „Das beste medizinische Konzept für den Verbund“ sei das Ziel, so Landrat Bernhard. Dieses müsse aber auch in den Gremien der beiden Träger-Landkreise mehrheitsfähig sein. Er und Schmidtke erläuterten die verschiedenen Einflussfaktoren, mit denen der KVSW zu kämpfen hat: Vorgaben an die Versorgungsstruktur und -qualität, die anstehende Krankenhausreform, Digitalisierung, zunehmende Bedeutung ambulanter Versorgung sowie die angespannte Finanzlage mit einem Defizit im Verbund von 50 Millionen Euro 2022 und einem prognostizierten Minus von 70 Millionen Euro in diesem Jahr.
Doppelstrukturen abbauen – teures Leasingpersonal wegen Fachkräftemangel vermeiden
Ganz besonders zu schaffen mache laut Schmidtke aber der Fachkräftemangel, der bereits jetzt zu stillgelegten Stationen und zum Einkauf von teurem Leasingpersonal führt. Mit einer gestaffelten, aufeinander abgestimmten Versorgung sollen daher bisher vorhandene, eng beisammen liegende Doppelstrukturen abgebaut werden. Geburtshilfe nicht mehr in Calw, Herrenberg und Leonberg, sondern nur noch in Nagold und Böblingen wäre eine Konsequenz.
Viel Redebedarf bei der Palliativ- und Altersmedizin
Noch sei „nichts in Stein gemeißelt“, machte Schmidtke deutlich. Insbesondere bei der Palliativ- und Altersmedizin wird es in den nächsten Wochen noch ins Detail gehen. Aber auch bei der wohnortnahen Versorgung, unter anderem hinsichtlich der Frage, ob eine postoperative Rückverlegung nach Herrenberg doch möglich sein wird, besteht noch Redebedarf. Ein weiterer, angesprochener offener Punkt: Reicht die Kapazität der Rettungsdienste bei einer steigenden Anzahl von Verlegungen aus?
Fragen über Fragen: Gibt es genügend Rettungsdienste? Wurden längere Anfahrtswege bedacht?
Die Entscheidung pro Nagold und gegen Herrenberg bei der Geburtshilfe warf im Publikum Fragen auf: Unter anderem ob die unterschiedlichen Anfahrtswege an die Kliniken und deren Anbindung an den ÖPNV berücksichtigt wurden. Auswirkungen hat die größere Distanz zwischen Nagold und Böblingen in jedem Fall: Nach Herrenberg fährt der Babynotarzt, nach Nagold würde er laut Schmidtke fliegen. Die Kapazität der beiden zukünftigen Geburtshilfen wurde außerdem grundsätzlich hinterfragt. Eine weitere Forderung: Aus Gründen der Transparenz solle das Gesamtgutachten veröffentlicht werden. Sofern Lohfert & Lohfert kein Veto dagegen einlegt, werde dies geschehen, so Schmidtke.
Die Vielzahl der Fragen – alle konnten an diesem Abend gar nicht vorgebracht werden – machte den großen Redebedarf deutlich. Für Herrenberg hat der Landrat eine zweite Information „in gleicher Runde“ im Herbst mit dann konkretisierten Plänen angeboten.
Unter www.lrabb.de/medizinkonzept+2030 gibt es weitere Informationen.
Informationsabend zum Krankenhausstandort Leonberg an diesem Mittwoch
Prozess
Der Klinikverbund Südwest (KVSW) und die Kreiskrankenhäuser des Landkreises Böblingen stehen vor einem Umbauprozess, um sich für medizinisch-pflegerische Aufgaben sowie gesundheitspolitische Herausforderungen der Zukunft zu wappnen.
Medizinkonzeption
Dazu wird an einer Medizinkonzeption 2030 gearbeitet. Die Flugfeldklinik würde dem Gutachten zufolge zu einem Großklinikum nach Art einer Uniklinik hochgestuft, Herrenberg indes zur Tagesklinik degradiert.
Leonberg
Die möglichen Weichenstellungen speziell für den Krankenhausstandort Leonberg werden in einer öffentlichen Informationsveranstaltung an diesem Mittwoch um 18 Uhr in der Steinturnhalle (Steinstraße 5) erörtert. Oberbürgermeister Martin Cohn wird begrüßen. Landrat Roland Bernhard, gleichzeitig als Aufsichtsratsvorsitzender des KVSW und KVSW-Geschäftsführer Alexander Schmidtke werden die Eckpunkte der Medizinkonzeption vorstellen.