Weinheim - Am 6. Juni 1990 schreibt Ingrid Noll einen Brief, der ihr Leben verändert – adressiert an den Diogenes-Verlag, Lektorat für Kriminalromane. Er enthält das Manuskript zu ihrem ersten Roman, Arbeitstitel: „Rosis Wundertage“.
Dreißig Jahre später sitzt Noll im Wohnzimmer ihres Hauses. Die Beine hat sie übereinandergeschlagen, an den Füßen funkeln Steinchen an den Ballerinas. Ingrid Noll ist Bestsellerautorin, gilt als Grande Dame des deutschen Krimis, oft betitelt als deutsche Agatha Christie. Holzvertäfelte Schränke, in den Regalen ein Meer aus Büchern, über dem Sofa hängt eine Zeichnung des Schriftstellers und Grafikers Tomi Ungerer. Hier, in Weinheim an der Badischen Bergstraße, schreibt sie ihre mörderischen Romane.
Seit 53 Jahren wohnt Noll in Weinheim. Viele Romane spielen in der Region rund um Mannheim und Heidelberg. Die Bücher entstehen im Arbeitszimmer der Schriftstellerin an einem stylishen Apple-Computer. Nachdem ihre drei Kinder erwachsen und aus dem Haus waren, wurde eines der Kinderzimmer zum Arbeitszimmer. Endlich hatte sie einen Raum für sich alleine – und Zeit.
Mit 55 Jahren begann Nolls späte Karriere. Bei ihrem Buchhändler schrieb sie sich zehn Verlagsadressen heraus. Um sich das Porto und die Arbeit zu sparen, schickte sie das Manuskript und den Brief an einen einzigen Verlag: Diogenes, ihren Lieblingsverlag. Die Antwort folgte prompt. Eine Mitarbeiterin, die Manuskripte unbekannter Autoren sichtete und sich selbst als Trüffelschwein bezeichnete, rief an. Ingrid Noll solle warten, den Roman an keinen anderen Verlag senden. Nachdem der Diogenes-Gründer und Verlagschef Daniel Keel ihr Manuskript gelesen hatte, rief er sie an. Ingrid Noll kannte ihn nicht: „Ich war ein Greenhorn“, sagt sie.
Bei Keel in Zürich
Kurze Zeit später lernte sie Keel in seinem Büro in Zürich kennen. Er bat sie, Platz zu nehmen, weil er noch Dokumente unterschreiben musste. Noll sah sich derweil die Bilder in Keels Büro an, Grafiken von berühmten Künstlern wie Friedrich Dürrenmatt. Viel später, als sie längst beim Du waren, erzählte Daniel Keel, dass er oft Besucher habe, die seine Sammlung nicht würdigten. „Da habe ich sein Herz gewonnen“, erinnert sich Ingrid Noll.
Sie liebt das Schöne: Rosen, Musik, Kunst, Stillleben der italienischen Renaissance, Picasso, Gerhard Richter. Am liebsten mag sie es, wenn ein Bild eine Geschichte erzählt. In Bonn studierte sie einst Kunstgeschichte und Germanistik. Im Studium schrieb sie sich für den Kurs eines Therapeuten für Studenten mit Sprachfehler ein. Ingrid Noll lispelt von Kindheit an. Fortan übte sie den Satz: „Ich gehe jetzt zum Zahnarzt und lasse mir zweiundzwanzig Zähne ziehen.“ Das Lispeln begleitet sie bis heute. Das Studium brach sie nach zwei Jahren ab.
Mit 24 Jahren heiratete sie den Arzt Peter Gullatz. Sie bekam drei Kinder in dreieinhalb Jahren. Sie kochte, putzte, wusch jeden Tag Windeln: „Ich hatte nicht sofort eine Waschmaschine, es gab keine Pampers.“ Wenn Zeit war, half sie in der Praxis ihres Mannes. Zum Schreiben kam sie nicht, kaum zum Lesen.
Geboren in Shanghai
Aus dem Wohnzimmerfenster des gemeinsamen Hauses blickt sie auf einen Ginkgo. Für Goethe war der Baum ein Zeichen der Freundschaft, für Noll sind die gefächerten Blätter eine Erinnerung an ihre Kindheit. Die Schriftstellerin wurde in Shanghai geboren. Ihr Vater war Arzt. Noll wuchs in der chinesischen Stadt Nanjing auf, zum Haus gehörte ein prächtiger Garten mit einem Ginkgo.
Ingrid Noll war 13 Jahre alt, als die Eltern nach Deutschland zurückkehrten. Vor der Abreise vergrub sie im Garten Geschichten, die sie geschrieben hatte: „Weil ich kein Feuer machen durfte.“ Furchtbar peinlich wäre es ihr gewesen, wenn jemand ihre Texte gelesen hätte.
Heute werden Nolls Bücher rund um den Globus gelesen. Ihre Romane wurden in 27 Sprachen übersetzt. Mit Wucht kam Nolls später Erfolg als Schriftstellerin. Ihr erster Roman „Der Hahn ist tot“ wurde sofort ein Bestseller. Die Handlung: Rosemarie Hirte ist eine Jungfer, die sich mit 52 Jahren verliebt. Um den Mann ihrer Träume zu erobern, geht sie über Leichen. „Mich interessieren die grauen Mäuse“, sagt Noll. „Bei einer grauen Maus, die viele Probleme verdrängt, kann plötzlich etwas explodieren.“ In „Die Apothekerin“ vergiftet die Heidelberger Apothekerin Hella Moormann gemeinsam mit ihrem Liebhaber dessen Großvater, um an das Erbe zu gelangen. Das Gift haften sie heimlich an sein Gebiss, Speichel löst es, bald darauf ist der alte Mann tot.
In fast allen Noll-Romanen werden Frauen zu Mörderinnen, die ihre Ehemänner, Geliebten oder Nebenbuhlerinnen umbringen. Dabei ist Ingrid Noll ein zutiefst friedlicher Mensch. Die Mordopfer ihrer Romane leiden nie lange. Ihre Protagonistinnen werden nie von der Polizei abgeführt. Wenn sie selbst einen Mensch ermorden müsste, um dadurch eine geliebte Person zu retten, könnte sie das nur aus der Ferne machen: „Mit Zielfernrohr oder Gift-Schicken“, sagt sie. Kinder sterben nie in ihren Romanen. Denen solle es gut gehen.
„Oma, wir wollen Retter spielen“
Von ihr selbst, der Schriftstellerin, steckt wenig in ihren Protagonistinnen. Nur Kleinigkeiten wie Essen oder Blumen, die im Hause Noll auf dem Tisch stehen, tauchen manchmal in ihren Fiktionen auf. Manchmal verewigt die vierfache Großmutter ihre Enkel in ihren Romanen. In „Mittagstisch“ floss eine Szene ein, die sich tatsächlich abgespielt hatte – allerdings ohne böse Folgen: Zwei ihrer Enkel hatten, als sie noch klein waren, ein Springseil an der Treppe gespannt – „damit der Opa runterfällt“. Ob sie wahnsinnig geworden seien, fragte Ingrid Noll damals. „Aber Oma, wir wollen doch Retter spielen“, erklärten die Enkel. „Wir spielen dann Rotes Kreuz und retten ihn.“
Am Anfang ihrer Karriere nutzte Noll Fantasie als Waffe gegen die Unsicherheit bei öffentlichen Auftritten. Bei ihren ersten Lesungen stellt sie sich vor, sie sei eine Schauspielerin, die eine schwarz gekleidete Schriftstellerin spielt: „Ich bin nicht ich. Bin nicht die, die zu Hause den Mülleimer rausbringt“, sagte sie sich. Vor ihrem ersten Talkshowauftritt bei Literaturkritikerin Elke Heidenreich malte sich Noll Szenarien aus, wie sie vor laufender Kamera zusammenbricht. Heidenreich gab ihr den entscheidenden Rat: Wenn es laufe, dann laufe es – wie bei einer Prüfung. Noll solle bei der ersten Frage in der Runde antworten. Und sie merkte: „Ich kann das.“ Heute ist sie ein Medienprofi. Auf der Buchmesse gibt sie Interviews im Akkord, mit prominenten Kollegen wie Martin Suter ist sie per Du.
Die Vagabundin Noll
„In Liebe Dein Karl“ heißt Nolls im Januar erschienenes Buch, eine Sammlung aus Kurzgeschichten und Erinnerungen. Darin schreibt sie auch über unerfüllte Wünsche. Ingrid Nolls grüne Augen blitzen, wenn sie vom Traum einer Reise in die Mongolei erzählt. Als junger Mann war ihr Vater Teil einer Expedition durch die ostasiatische Steppe. Als Kind hörte Ingrid Noll oft seine Erzählungen, wollte seither auch mit einem Pferd durch die schier unendliche mongolische Weite reiten. „Auf Reisen fühle ich mich immer sehr lebendig“, sagt sie.
In Ingrid Noll steckt eine Vagabundin, ihr Mann Peter Gullatz ist der Sesshafte. Er hätte am liebsten wie Helmut Kohl jedes Jahr am selben Ort Urlaub gemacht, sie aber träumte von Abenteuern. Der partnerschaftliche Kompromiss waren Reisen innerhalb Europas. Auf Kreuzfahrtschiffen haben sie den ganzen Kontinent abgegrast. Einmal nahm Ingrid Noll ihren Mann mit, um ihm das China ihrer Kindheit zu zeigen. „Mir zuliebe hat er das gemacht, und ihm zuliebe habe ich auf die großen Abenteuer verzichtet“, sagt sie.
„Trinkt o Augen, was die Wimper hält“
Früher spielte Ingrid Noll im Wohnzimmer oft Scrabble mit ihrem Peter, heute spielen sie nicht mehr. Sie pflegt ihn, wie sie auch ihre Mutter Gudrun bis zu deren Tod im Alter von 105 Jahren pflegte.
Gottfried Kellers „Abendlied“ ist Nolls Lieblingsgedicht: „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt!“ Ingrid Noll ist ein Augenmensch, Sehen sei ein Genuss, erzählt sie und identifiziert sich mit Kellers Metapher des Abendfelds: „Das Abendfeld, wo die Sonne untergeht – das trifft auf uns Alte zu.“ Die Augen ermüden schneller, das Gehen fällt schwerer. Materialermüdung nennt Ingrid Noll das.
Auch jetzt, mit 84, ist der Schaffensdrang der Autorin ungebrochen, der nächste Roman bereits zur Hälfte fertig. Ein Protagonist heiße Ruben Kraut. Ruben wie ihr Enkel, den Nachnamen haben sie sich gemeinsam ausgedacht. Kraut wie Kraut und Rüben. „Du darfst ihn so schrill machen, wie du willst“, habe ihr 14-jähriger Enkel gesagt.
Noll blickt auf 28 Jahre als Schriftstellerin im Diogenes-Verlag. Ihre Karriere geht auch im Alter weiter. Gemeinsam mit ihrem Mann könne sie nicht mehr verreisen. „Aber die Flucht am Schreibtisch in eine andere Welt, das ist die Rettung.“