Die Kunst des Zuhörens Mal die Gewissheiten wegwerfen
Das Zuhören wird oft missverstanden – getrieben von Rezeptgier, wolkigem Idealismus und Alarmismus. Zeit für eine Neubestimmung.
Das Zuhören wird oft missverstanden – getrieben von Rezeptgier, wolkigem Idealismus und Alarmismus. Zeit für eine Neubestimmung.
Manchmal ist es überlebenswichtig, den Clowns zuzuhören, den Spaßmachern und den schrägen Vögeln, über die man vermeintlich schon alles weiß. Gezeigt hat das der dänische Philosoph Søren Kierkegaard in einer kleinen, tiefsinnigen Parabel, einer Geschichte, die von der Macht der Klischees und der vorschnellen Urteile handelt, den Gefahren des Sofort-Bescheidwissertums.
Folgende Situation: Da steht ein Zirkuszelt, umgeben von staubtrockenen Feldern, nicht weit vom Dorf entfernt. Plötzlich Flammen und Rauch, ein Feuer, das sich nicht unter Kontrolle bringen lässt. Nun wird der Clown, schon grell geschminkt und mit lustigen Latschen, auf den Marktplatz ins Dorf geschickt, um Hilfe zu holen. Er zetert und schreit, er bettelt und bittet, dass so viele Menschen wie möglich zum Zirkuszelt eilen mögen, um bei den Löscharbeiten zu helfen. Was für einen lustiger Werbetrick, sagen sich die Dorfbewohner und freuen sich an seinem immer verzweifelter wirkenden Geschrei. Applaus für den Clown! Und dann kommt es, das Feuer, das alles niederbrennt.
Vorurteile, vermeintliche Gewissheiten und große und kleine Ideologien bestimmen, was Menschen hören können und für real halten. Und Fakt ist: Menschen brauchen Denkschubladen und Klischees, um sich in dieser großen, vielgestaltigen, brummenden und klingenden Welt mit der nötigen Geschwindigkeit zu orientieren. Aber manchmal muss man sich – im Ringen um geistige Offenheit – von den Fertig-Wahrheiten lösen, die eigenen Gewissheiten infrage stellen. Weil die eigene Ignoranz gefährlich werden könnte. Weil man Warnsignale überhört. Weil die heranrollenden Krisen und Katastrophen sonst übermächtig werden, ganz gleich, ob es um die Erderhitzung, die Zerstörung des Planeten, die Erosion von Demokratien oder den Aufstieg des Populismus geht. Nur: Wie kann man versuchen zu hören, was man doch zumeist nicht hören will – dies in dem Wissen, dass Menschen wahre Profis der Ignoranz sind, Großmeister der Verdrängung? Und was heißt es überhaupt, wirklich zuzuhören?
Meine These ist simpel. Es gibt ein Ich-Ohr egozentrischer Aufmerksamkeit und ein Du-Ohr der nicht-egozentrischen Aufmerksamkeit. Im Falle des Ich-Ohrs geht es um die Frage, ob man mit dem Gesagten übereinstimmt. Hier sind die eigenen Vorlieben, Perspektiven und Ideen der zentrale Filter. Das Du-Ohr nicht-egozentrischer Aufmerksamkeit orientiert sich hingegen an der Frage, in welcher Welt und Wirklichkeit das, was der andere sagt, wahr und plausibel erscheint. „Erkenne das andere als anderes – in seiner Schönheit, seiner Fremdheit, seinem Schrecken“, so lautet die zentrale Maxime des Du-Ohr-Zuhörens. Aber: Wie vom Ich-Ohr zum Du-Ohr umschalten? Wie im Angesicht des Unbekannten und vielleicht auch Unangenehmen tatsächlich durchlässig werden, erreichbar werden?
Ich behaupte: Um sich den Weg in Richtung neuer Offenheit zu bahnen, muss man sich von drei Illusionen verabschieden. Illusion Nummer eins ist die Suche nach Schnell-schnell-Rezepten und den Maximen des perfekten Zuhörens, die es nicht geben kann, weil man passend zur Person und Situation, verwurzelt im lebendigen Miteinander, immer wieder neu ansetzen muss, auf der Suche nach Lücken der Freiheit, nach Möglichkeiten des wirklichen Austausches.
Illusion Nummer zwei: die Annahme, die Verkündigung von idealistisch-wolkigen Empathie- und Zuhör-Appellen sei irgendwie hilfreich, weil es doch darum geht, im Konkreten Möglichkeiten für die gelingende Verständigung zu entdecken. Es ist an der Zeit (und ich sage dies nach erlittener Lektüre von jeder Menge Kuschel- und Beziehungsliteratur und nach zehn Jahren Arbeit an einem Buch zum Thema), sich von dem großen Gefloskel zu verabschieden, das das öffentliche Nachdenken über das Zuhören regiert. Niemandem ist auch nur im Geringsten geholfen, wenn, gerade im Zuge des allgemeinen Ringens um eine andere, versöhnlichere Tonlage, in stereotyper Monotonie gefordert wird, „endlich zuzuhören“, den „Dialog auf Augenhöhe zu führen“, wirklich „miteinander zu reden“ – als bewirke die Forderung und ihre fortwährende Wiederholung selbst schon eine Veränderung der Kommunikationsrealität.
Illusion Nummer drei nenne ich die alarmistische Illusion. Sie basiert auf der Idee, dass die Öffentlichkeit längst in Trümmern liegt und in einer Kloake aus Hass und Hetze versinkt, also das Zuhören ohnehin nicht mehr möglich sei – ein pauschaler Diskurspessimismus, der einfach nur entmutigt und übersieht, wie anders heute im Bemühen um authentischen Respekt in Schulen, Unternehmen und Organisationen aller Art gesprochen wird. Die alarmistische Illusion macht diese Fortschritte unsichtbar oder tut sie in einer heillosen Fixierung auf das Negative und Misslungene als irrelevant ab.
All dies sind Irrwege des Denkens, Kommunikationsbarrieren eigener Art. Dem Zuhören kommt man damit nicht auf die Spur. Und doch wäre genau dies bedeutsam. Denn ohne das Zuhören, dieser stillen Supermacht der Kommunikation, kann nichts von dem entstehen, was die Fülle und Schönheit menschlicher Begegnungsformen ausmacht. Ohne das Zuhören gibt es keine tragfähige Beziehung, keine Verständigung und keine Versöhnung, keinen Dialog, aber auch keinen klärenden Disput und keinen kon-struktiven Streit, den der Philosoph Karl Jaspers einst als „liebenden Kampf“ beschrieb. Überdies wird das Zuhören wichtiger, gerade in Zeiten der bedrückenden Dauerkrisen, die wenig so sehr erfordern wie die Kunst der Kompromissfindung und der lagerübergreifenden Kooperation.
Wirkliches Zuhören, so meine These, ist gelebte Demokratie im Kleinen und Konkreten, Anerkennung von Andersartigkeit, Auseinandersetzung mit Verschiedenheit, Suche nach dem Verbindenden, Klärung des Trennenden, gemeinsame Erkundung einer Welt, die erst im Miteinander-Reden und Einander-Zuhören entsteht. Das bedeutet nicht, dass jede Position gleichermaßen akzeptabel wäre, klar. Auch die scharfe Wertung und die klärende Konfrontation besitzen ihr Recht. Wir müssen uns schon auch streiten, um im Konflikt und im Kontrast die eigene Position zu schärfen, sie überhaupt erst identifizierbar zu machen. Zu viel Harmonie, Betulichkeit und ein Stuhlkreis-Modell des Diskurses wären da eher hinderlich. Und dennoch: Das Zuhören, elementare Voraussetzung des Verstehens und der gelingenden Verständigung, ist das Fundament für Kommunikationsbrücken, die tatsächlich tragen. Es ist das Fundament für Kompromisse, die halten, für die Suche nach gemeinsamen Lösungen, im Makrokosmos der Gesellschaft wie im Mikrokosmos des privaten und persönlichen Miteinanders.
Allerdings, soviel lässt sich ohne kulturpessimistische Angstschreie sagen, wird das Zuhören schwieriger, gerade unter den aktuellen Medienbedingungen. In vordigitalen Zeiten war Information knapp, heute ist Aufmerksamkeit knapp. Einst war es schwer, zum Sender zu werden. Heute, da alle posten, kommentieren und publizieren, ist es schwer, im großen Rauschen überhaupt noch irgendwie durchzudringen, Gehör zu finden. Im Silicon Valley arbeitet eine kleine Armee im Dienste der großen Plattformen daran, die Programmierung der Ungeduld mit immer neuen Tricks zu perfektionieren. Ziel ist es, die Userinnen und User durch überraschende Unterbrechungen und geschickt eingesetzte Schlüsselreize, die im Gehirn Dopamin-Ausschüttungen auslösen, am Bildschirm zu halten. Auch dies verändert das Zuhören in der Tiefe und ruiniert die konzentrierte, ungeteilte Aufmerksamkeit, die eine Zuwendung ohne den Seitenblick auf die gerade hereinströmenden Push-Nachrichten braucht.
Erneut: Die Kunst des Zuhörens ist keine feste Lehre mit vorab festgelegter Schrittfolge. Sie ist eine Kunst des Herausfindens, eine Schule der Wahrnehmung, abseits von Idealismus und Alarmismus und in bewusster Distanz zu einem kommentierenden Sofortismus, der bloß rhetorischen Simulation von Verstehen. Es gilt in Zeiten der allgemeinen Verfeindungslust und der moralisierenden Ad-hoc-Attacken, das Zögern neu zu lernen, die Nuance zu feiern und den Anfängergeist zu trainieren, wie es in den Lehren des Zen-Buddhismus heißt. Das Ziel ist es, eine fast kindlich-unschuldige, im besten Sinne naive, zunächst einmal urteilsfreie Form der Wahrnehmung einzuüben. Das heißt nicht, dass man am Ende stets bei einer verständnissinnigen Umarmung endet und nicht doch noch zu einer entschiedenen Einschätzung gelangt; darum geht es nicht.
Vielmehr gilt: Die Art und Weise der Urteilsfindung ist entscheidend, sie prägt die Qualität des Urteils, getreu dem Motto: Der Kontext ist die Botschaft. Denn ohne den Kontext, ohne das Studium von Zusammenhängen, ohne die Analyse der je besonderen Situation, ohne die Betrachtung im Konkreten ist es unmöglich, zu einer gerechten Einschätzung zu gelangen.
Bin ich pessimistisch, ob die Zukunftstugend des Zuhörens – trotz der menschlichen Neigung zur Selbstbestätigung, trotz mächtiger Illusionen, trotz radikal erschwerter Bedingungen – neu und anders gelernt werden kann? Mitnichten. Gewiss, es stimmt schon: Das wirkliche Zuhören ist vielleicht nichts für die große Politik, nichts für das Aufeinandereindreschen in sozialen Netzwerken, auch nichts für die Talkshows mit ihren Schaukämpfen und vorab einstudierten Fertigantworten, die so häufig etwas seltsam Unumstößliches besitzen – als sei das Festhalten an einer Auffassung ein Zeichen der Standhaftigkeit und nicht ein Symptom der Erstarrung, des Dogmatismus.
Aber wir Menschen sind, das stimmt eben auch, Gesprächs- und Dialogtiere, Zuhör-Sehnsüchtige, die den Sauerstoff der wirklichen Begegnung existenziell brauchen. Und wir wissen oder ahnen doch, dass die Momente des Glücks, die ein Leben heller und schöner machen, oft davon handeln, dass das Einander-Zuhören und das Miteinander-Reden trotz aller Schwierigkeiten und Konflikte dann doch noch gelingt.