„Meine Frau wollte raus aus dem Hamsterrad“, sagt Niklas Thierfelder, 46 Jahre alt. Er sitzt in seinem Büro in einem Mannheimer Wohnhaus. Beide hätten sie in einem juristischen Verlag gearbeitet, aber nach etwas Neuem gestrebt. „Ich war auf dem Absprung, weil mir das Konzernleben nicht mehr gerecht wurde“, sagt Thierfelder. Für den nächsten Karriereschritt wäre ein Umzug von Heidelberg nach München angestanden, das wollte er nicht. Ihr seid verrückt, hätten Freunde sie gewarnt, als sie 2006 mit einem „Garagenversand“ von zu Hause aus begannen. „Das Gästezimmer haben wir den Büchern und Katalogen geopfert“, erzählt der Verleger, „am Esstisch haben wir auf dem Computer die Buchgestaltung gemacht.“
Erst ein Kochbuch, für das sie Illustrationen in Auftrag gaben, ein Band mit Fotos, bald die Bachelorarbeiten von jungen Grafikern und Designern. Es folgten poetische Bildergeschichten, Biografisches oder Märchen, skurrile kurze Texte, optische Feuerwerke. „Wir wollten weg vom Mainstream“, sagt Thierfelder und kann sich inzwischen kaum mehr retten vor Manuskripten. „Es gibt eben viel mehr als nur das lächelnde Schaf.“
Was ist die Seele? Ein Bilderbuch als Antwort
Auf einem Regal stehen die Werke: bunt und quer, schmal und dick, mal elegant im Leineneinband mit Prägung, mal auffällig mit Glitzerlack, zum Anschauen und Lesen für Kinder und für Erwachsene, manchmal lässt sich das nur schwer unterscheiden. Jenes Wortkarge und Bildreiche, für das die Illustratorin in Grundschulen ging und fragte: Was ist die Seele? Ein Buch als Antwort.
Das mit den vielen Pünktchen, die verdichtet zur Zeichnung werden und im „Logbuch“ Geschichten von legendären Schiffen erzählen. Mit einer umfunktionierten Tätowiermaschine tüpfelte der Berliner Künstler Florian Weiß mit einer Engelsgeduld Ozeanisches aufs Papier. Oder „Yaotaos Zeichen“ von der aus Shanghai stammenden Designerin Yi Meng Wu. Sie lässt in ihren Collagen Schriftzeichen tanzen und beschreibt, wie es sich anfühlt, als Auswanderer in einer fremden Kultur anzukommen. Eine chinesisch-französische Familiengeschichte aus den 1930er Jahren, die den Ahnen gewidmet ist.
Möglichst klimaneutral, mit Biofarben und in FSC-zertifizierten Druckereien
Rund ein Dutzend Bücher in überschaubaren Auflagen bringen die Kunstanstifter Jahr für Jahr heraus und legen dabei großen Wert auf Nachhaltigkeit. Gedruckt werde ausschließlich in Deutschland, versichert Thierfelder, möglichst klimaneutral, mit Biofarben und in FSC-zertifizierten Druckereien, ein Garantiesiegel für nachhaltigen Baum- und Forstschutz. In China lägen die Produktionskosten um zwei Drittel niedriger, aber der Verleger setzt auf kurze Lieferwege. Am liebsten fährt er vor dem Andruck selbst in die Druckerei und überprüft an den Maschinen die Farbsteuerung, um keine Überraschungen zu erleben.
Das Einschweißen des Buches mit Folie wurde schon vor Jahren abgeschafft, eine Kooperation mit dem Marktgiganten Amazon lehnt Thierfelder ab. „Wir fördern den lokalen Buchhandel“, sagt er und freut sich über jeden Laden, der die Publikationen der Kunstanstifter mit ins Regal nimmt. Seine Frau ist fürs Programm zuständig, er kümmert sich um das Kaufmännische und den Vertrieb – und die achtjährige Tochter Clementine ist die kritischste Testleserin. „Das Ganze ist mehr als nur eine Liebhaberei“, sagt Thierfelder, „wir werden immer bekannter.“ Allerdings zahlen sich die beiden kein Gehalt aus, nur die Lektorin ist fest angestellt.
Lieblingsbuch über einen Elch
Fast vergisst Thierfelder, der Besucherin das neue Herbstprogramm mitzugeben, alles an ihm ist zurückhaltend, nichts aufdringlich. „Bei uns sollen die Bücher sprechen“, sagt er und macht dann doch noch etwas Werbung für sein Lieblingsbuch „Hoch hinaus“ über einen Elch, der voller Fernweh durch die Welt spaziert. „Es kommt ohne Worte aus“, sagt Thierfelder und schwärmt von den Zeichnungen, die so vieles erzählten.