Im Foyer der Bad Cannstatter Jugendherberge geht es am Freitagmorgen ruhig zu. Einige Jugendliche sitzen auf den Bänken und sind mit ihren Smartphones beschäftigt, ein paar Erwachsene telefonieren mit der Heimat. Zu den Geflüchteten, die hier für einige Zeit ein Dach über dem Kopf gefunden haben, gehört auch die Familie der zwölfjährigen Mirijam. Sie spricht ein bisschen Englisch und antwortet für die Eltern.
Aus Odessa stammt die Familie, sieben Tage waren sie unterwegs mit dem Zug vom Schwarzen Meer bis nach Stuttgart. Dabei ist auch der erst sechsjährige Bruder von Mirijam. „Es ist sehr schön hier“, sagt das Mädchen. „Wir haben ein Zimmer mit vier Betten.“ Seit zwei Tagen ist die Familie hier. Bis wann sie bleiben können, wissen sie nicht. Für ein längeres Gespräch haben sie keine Zeit, sie sind auf dem Weg „zur Verwaltung“ in die Jägerstraße, zum Ordnungsamt.
Die Platzbelegung nimmt stündlich zu
140 Plätze hat die Jugendherberge in Bad Cannstatt. „Wir sind so gut wie voll“, sagt der Leiter Michael Rothmund. Mehr will er nicht erzählen, für Auskünfte sei die Stadt zuständig. Dort hat am frühen Freitagnachmittag wieder der Krisenstab getagt und die sogenannte Außergewöhnliche Einsatzlage ausgerufen. Das bedeutet, dass die Kräfte des Rettungsdienstes und des Katastrophenschutzes wie die Branddirektion und das Technische Hilfswerk (THW) verstärkt zum Einsatz kommen. Durch die wachsende Zahl von ankommenden Flüchtlingen aus der Ukraine könnte sich die Lage am Wochenende auch in Stuttgart weiter zuspitzen.
Man habe diese Entscheidung wegen der „Unvorhersehbarkeiten am Wochenende“ getroffen, sagt Stadtsprecher Sven Matis. Man rechne mit weiter „mehreren Hundert Menschen, die hier Zuflucht suchen“. Zwar seien die etwa 1000 Plätze, die man bisher vorhält, noch nicht alle belegt. Am Freitag um die Mittagszeit war von 500 besetzten Betten die Rede. „Aber die Lage ändert sich stündlich“, macht Matis deutlich. Man wisse, dass in der Republik Busse mit Geflüchteten unterwegs seien, entsprechend müsse man sich auf eine große Zahl weiterer Ankünfte vorbereiten. „Die Großstädte sind das erste Ziel der Menschen“, so der Stadtsprecher.
Waldheime werden mit Betten, Stühlen und Tischen ausgestattet
Bis am Samstagabend sollen deshalb auf jeden Fall drei Waldheime in der Stadt für die Aufnahme von Flüchtlingen vorbereitet werden. Feuerwehr, THW und ehrenamtliche Unterstützer werden diese „mit Betten, Stühlen und Tischen ausstatten“, so Matis. Dabei gehe es zunächst darum, die Menschen „die erste Nacht“ aufzufangen. Bevor man aber auf die Waldheime zurückgreifen müsse, ständen noch „etwa 600 Hotelbetten“ zur Verfügung, betont der Sprecher, die der Stadt angeboten wurden. Überdies könnten zuletzt „Hallen bereitgestellt werden“.
Da viele Geflüchtete am Hauptbahnhof ankommen, soll der Empfang der Kriegsflüchtlinge verbessert werden. In den vergangenen Tagen hatte es Kritik gegeben, dass es dort eher ungeordnet zugehe. Vor allem dank der vielen ehrenamtlichen Helfer, darunter viele Ukrainer, die hier leben, fanden die Ankommenden Unterstützung. Am Freitagnachmittag habe die Stadt im Hauptbahnhof Plakate, Banner und Hinweisschilder angebracht, die Orientierung geben. Und man stelle einen „Erstinformationsschalter“ auf, so der Sprecher, „der dauerhaft besetzt sein wird“.
Privatleute nehmen Geflüchtet auf
Viele Geflüchtete aus der Ukraine sind auch in Stuttgart schon bei Verwandten oder Bekannten untergekommen. Rund 2000 Stuttgarter haben einen ukrainischen Pass. Während die Verwaltung noch Wohnangebote von Bürgerinnen und Bürgern sichtet und qualifiziert, haben manche Stuttgarter schon Kriegsflüchtlinge aufgenommen. Zu ihnen gehört Patric Mangold. „Es ist furchtbar, was da passiert“, sagt er über den Ukrainekrieg. Deshalb haben er und seine Frau beschlossen, ganz praktisch zu helfen.
Anfang der vorigen Woche hat das Paar aus dem Stuttgarter Osten ihr Wohnangebot in einem der dafür eingerichteten Internetportale eingestellt. Schon am Freitag danach haben sie zwei Familien am Stuttgarter Hauptbahnhof in Empfang genommen, zwei Mütter, eine mit ihrer 20-jährigen Tochter, die andere mit zehnjährigen Zwillingen. Die Unterbringung in ihrer Wohnung sei zwar „nicht ganz ideal“, erklärt Patric Mangold, aber für kurze Zeit gehe das.
Die Mutter mit der erwachsenen Tochter konnte im Arbeitszimmer schlafen. Die Frau mit den Zwillingen habe man bei einem Nachbarn, der im Urlaub ist, untergebracht. Beide Familien seien aber schon wieder weg, erzählt der IT-Berater. Die eine habe in München, die andere in Stuttgart eine Bleibe für ein paar Monate gefunden. Beide glaubten nicht, „dass sie so schnell in die Ukraine zurückkehren können“, erzählt der 36-Jährige.
Schon eine Übernachtung kann hilfreich sein
Er will auch bald schon wieder ein Aufnahmeangebot ins Netz stellen. „Manchmal ist es für die Menschen schon wichtig, mal in Ruhe ausschlafen zu können oder einfach nur Internet und eine helfende Hand an der Seite zu haben“, sagt er. Für eine siebenköpfige Familie aus der Ukraine, mit der das Paar Kontakt hat, habe man im Bezirk eine Unterkunft bei der Gesellschaft St. Josef vermittelt. „Die kommen im Moment aber wegen fehlender Papiere noch nicht aus der Ukraine raus“, erzählt Patric Mangold.