Punkt 13 Uhr ertönt der Gongschlag, kurz darauf ist die Gemeinschaft Sonnenwald im Speisesaal versammelt. Es gibt Kürbissuppe und Salate aus der eigenen Gärtnerei. Kinder rennen zwischen den Tischen und Stühlen herum, es herrscht ordentlich Betrieb. Martin Schmid-Keimburg, 70, und seine Frau Annette, 66, sind etwas spät dran. Das gemeinschaftliche Mittagessen lassen sie selten aus. Eine gute Gelegenheit zum Plaudern: Was gibt’s Neues im Ort?
Das Gemeinschaftsleben im Schwarzwaldorf Schernbach erinnert an Kibbuzim: ländliche Kollektivsiedlungen mit gemeinschaftlichem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen. Annette Keimburg, pensionierte Pfarrerin, hat während ihrer Studienzeit Anfang der 80er Jahre ein paar Wochen in einem Kibbuz im Norden Israels gelebt. Vieles hier sei tatsächlich ganz ähnlich wie im Kibbuz, sagt sie.
Der Gemeinschaft Sonnenwald mit seinen 45 Mitgliedern gehören vier Häuser mitten im Ort. Die Genossen übernahmen sie plus Wiesen, Wald und Felder für 1,6 Millionen Euro von der Bruderhaus Diakonie Reutlingen. Bis 2018 hatte die evangelische Einrichtung hier ein Heim und eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung betrieben.
Wer zur Gemeinschaft gehören will, muss 30 000 Euro mitbringen. Freilich sollte auch die Chemie stimmen, die Einstellung passen. Die Genossen sowie weitere 20 Bewohner und Mitarbeiter wollen hier an ihrem „Lebenslernort“ Antworten finden auf drängende Fragen: Was kann im Kleinen getan werden mit Blick auf den Klimawandel, Wirtschaftskrisen, Ressourcenverschwendung?
Alle Erwachsenen arbeiten wöchentlich fünf Stunden unentgeltlich
Einige Sonnenwäldler sind bereits im Ruhestand. Manche arbeiten in der hofeigenen Biolandwirtschaft, in der Verwaltung oder als Hausmeister und Handwerker. Andere sind auswärts angestellt, etwa ein Arzt im Krankenhaus Freudenstadt. Die meisten Kinder besuchen den Naturkindergarten am Waldrand. Alle Erwachsenen haben sich verpflichtet, fünf Stunden wöchentlich unentgeltlich zu arbeiten – in der Küche, beim Putzdienst, auf dem Hof, wo auch immer.
Oliver Christ kommt gerade von der Arbeit auf dem Feld und setzt sich zu den Keimburgs an den Mittagstisch. Er und seine Frau leiten die Gärtnerei des Sonnenwalds. Die kleine Familie mit ihren zwei Kindern hat vor knapp einem Jahr hier eine Wohnung bezogen. Die Privatsphäre sei ihnen schon wichtig, sagt Oliver Christ.
Andere Sonnenwäldler leben in Wohngemeinschaften. Die Etagen des einstigen Heims sind schlicht zu groß, nicht jeder kann für sich bleiben. Manche wollen das auch gar nicht. Anja Karschin, 66, teilt ihre Wohnung mit zwei weiteren Rentnerinnen, einem jungen Mann und einer Familie, die ein behindertes Kind hat. „Es funktioniert überwiegend gut“, sagt Anja Karschin und lacht. Wie das halt so sei in einer WG: Wer putzt das Bad? Wann ist Ruhe in der Bude? Wer räumt die Küche auf? Viele Genossen beschreiben das Gemeinschaftsleben als „schön, aber herausfordernd“. Das Zusammensein mit so vielen verschiedenen Menschen sei toll, horizonterweiternd, aber auch aufreibend. Tim Lehrheuer, 38, gefällt an der „coolen Kommune, dass es keinen ideologischen Überbau gibt“. Jeder könne nach seiner Fasson glücklich werden. „Christ oder Atheist? Egal.“ Toleranz sei allen Bewohnern wichtig, sagen auch die Keimburgs. Für Extremisten gebe es keinen Platz.
Einmal im Monat kommen alle Genossen zusammen, dann wird oft lange und kontrovers diskutiert. Beschlüsse fallen erst, wenn alle zustimmen, wirklich alle. Bis dato, sagt Martin Schmid-Keimburg, sei das immer gelungen. Klar, manchmal trage auch er einige Beschlüsse nur mit Bauchgrimmen.
Die jährlichen „Bieterrunden“ sind noch anstrengender. Da geht es um die Beiträge der Bewohner für Wohnung und Verpflegung. Alle Genossen wüssten, wer finanziell wie gestellt ist, sagt Martin Schmid-Keimburg. Man spiele mit offenen Karten. Für das Wohnen inklusive aller Nebenkosten wie Heizung und Internet sind pro Person derzeit 560 Euro monatlich erforderlich, damit die Genossenschaft sich trägt. Bei den Bieterrunden, erzählt Annette Keimburg, nenne jeder zunächst einen Betrag, mit dem er gut leben könnte. Meist folgen weitere Diskussionen. In der dritten, vierten Runde gehe es „an die Schmerzgrenze“. Derzeit zahlen manche nur gut 200 Euro, andere mehr als 700. Der Stärkere stützt den Schwächeren. Auch bei den Essenskosten. Im Durchschnitt zahlt jeder Erwachsene 900 Euro pro Monat für alles. Kinder sind kostenfrei.
Landesnaturschutzpreis für die Sonnenwäldler
Die Mittagspause mit Kürbissuppe ist vorbei und Oliver Christ, 51, zurück auf dem Hof. Eine Praktikantin aus Polen fragt ihn, nach welchen Kriterien sie die Kürbisse sortieren solle. „Ich komme gleich vorbei“, antwortet er. Zunächst ein Rundgang vorbei am kleinen Hofladen, an den Milchkühen und Schweinen, der Käserei, den Hühnermobilen und dem Gewächshaus, das im Winter mit Solarenergie beheizt wird. An einer Infotafel werden die Vorteile des Agroforstsystems erklärt: Zwischen den Ackerstreifen wachsen Bäume und Sträucher. Die Böden sind deshalb artenreicher als bei der herkömmlichen Landwirtschaft und ökologisch im Vorteil, sie trocknen nicht so schnell aus. Die Sonnenwäldler haben für das Projekt den Landesnaturschutzpreis bekommen.
Zurück im Haus, wo Martin Schmid-Keimburg und seine Frau mit einem anderen Ehepaar wohnen. Aus ihrem Wohnzimmer haben die vier Senioren einen grandiosen Blick auf das Dorf und den Schwarzwald. Die Keimburgs lebten früher in Stuttgart – und schon lange mit dem Wunsch nach Veränderung. Schließlich taten sie sich mit 300 Gleichgesinnten aus der Region zusammen, um ein Gebäudeensemble auf dem Schönbühl bei Beutelsbach zu kaufen. In dem leer stehenden ehemaligen Jugendheim wollten sie ihren Traum vom alternativen Leben verwirklichen. Aus dem Projekt wurde nichts. „Ein Investor hat das komplette Areal gekauft“, erzählt Keimburg, der als Pastoralreferent der katholischen Kirche 26 Jahre im Gefängnis auf dem Hohenasperg arbeitete.
Nach langer Suche stieß man dann auf die Häuser im Nordschwarzwald – „ein großer Glücksfall“. Die Stuttgarter Gruppe war zwischenzeitlich zwar auf ein Dutzend, in erste Linie ältere Männer und Frauen geschrumpft. Dafür kamen junge Leute nach, die sich auch Gedanken machten über alternative Lebensformen und solidarische Landwirtschaft. Die Keimburgs und ihre Mitstreiter gehören zu Trendsettern, die das Leben in den Dörfern und Kleinstädten wieder aufblühen lassen: Laut einer Analyse der Wüstenrot-Stiftung und des Berlin-Instituts entscheiden sich wieder deutlich mehr Menschen in Deutschland für ein Leben auf dem Land als noch vor zehn Jahren.
Manche der 50 Schernbacher sahen die Zuzügler zunächst mit etwas Skepsis. Mittlerweile gebe es aber viele Kontakte, erzählt Annette Keimburg. Es habe sich auch herumgesprochen, dass die Sonnenwäldler eine kleine, offene Bücherei betreiben, dass hier regelmäßig ein Flohmarkt für alle stattfindet oder dass man in der „Boutique of Preloved Gifts“ schöne Kleider finden kann. Der Hof für regenerative Agrikultur bietet Gemüsekisten an. Im Dezember ist wieder ein kleiner Weihnachtsmarkt unter der alten Linde im Innenhof des Dorfs geplant, Besucher sind herzlich willkommen.
Arbeiten nach dem Lust-Prinzip
An diesem Herbsttag mit Nieselregen ist es Spätnachmittag geworden. Anja Karschin sitzt im Büro der Gemeinschaft und erzählt von ihrem Minijob. Die Rentnerin ist zuständig für die Gehälter der knapp zwei Dutzend Angestellten und für das Rechnungswesen. Sie arbeite meistens nach dem Lust-Prinzip, sagt sie. Immer dann, wenn sie mag. Mit Blick auf das Leben im Sonnenwald sagt die frühere Bankkauffrau augenzwinkernd: „Die Phase des Verliebtseins ist rum.“ Die langen Diskussionen seien immer wieder anstrengend. Aber wieder weggehen sei keine Option.
Doch die älteren Genossen machen sich Gedanken über die eigene Zukunft. Die Gründung einer Alten-WG in einer großen Erdgeschosswohnung ist eine Idee und die Beschäftigung eigener Sonnenwald-Pflegekräfte. „Denn niemand hier erwartet, dass die Jungen uns mal pflegen.“