Spaziert man heute durch die 1968 nach Mangelwirtschaft, inhaltlichen Differenzen und politischer Missliebigkeit geschlossene Schule, spürt man noch immer etwas von dem Geist, der diesen dem Funktionalismus verpflichteten Ort durchwehte. Und an dem Persönlichkeiten wie Max Bill, Otl Aicher, Hans Gugelot, Tomás Maldonado, Alexander Kluge, Edgar Reitz lehrten. Viele HfG-Entwürfe – Plakate, Hocker, Geschirr – sind in Designmuseen in New York und anderswo ausgestellt.
Zwölf Uhr mittags an einem trüben Dezembertag in der HfG-Mensa: Eine ehemalige HfG-Studentin und ihr Mann, sie leben schon länger im Ausland, sind in Ulm zu Besuch. Heute, Nostalgie verpflichtet, essen sie in der alten Mensa – und treffen zufällig Dagmar Meister-Klaiber und Daniel Meister, ehemalige Film- und Architekturstudenten der HfG. Die Journalistin Meister-Klaiber und der Architekt Meister haben einen kürzeren Weg zur Mensa, sie leben seit 45 Jahren auf dem Campus. Erst in dem Wohnturm, dann in einem Atelier, dann in einem Apartment von Hans Gugelot und seit 1976 in einem der Dozentenhäuser.
Vom Bauhaus beflügelt
Die Unterhaltung beim Essen ist angeregt, es wird viel gelacht, auch darüber, wie Professoren der Ulmer Fachhochschule Studenten vor dem Umgang „mit den linken Chaoten“ auf dem Kuhberg warnten. Die „linken Chaoten“? Waren schlicht auch an gesellschaftlichen Fragen interessierte Studenten aus der ganzen Welt, die Architektur, Produktgestaltung, Visuelle Kommunikation oder Film studierten.
Der Gestalter Otl Aicher und Inge Scholl, Schwester der von den Nazis ermordeten Hans und Sophie Scholl, hatten die Idee zu einer Hochschule für politische Bildung. In der privaten Schule sollte – ausdrücklich unabhängig vom Staat – „eine Elite für die junge Demokratie“ erzogen werden, so Christiane Wachsmann in dem HfG-Buch „Vom Bauhaus beflügelt“. Und dies beginnend mit dem Alltag, mit Architektur und Dingen, die Menschen täglich zu benutzen haben.
Scholl und Aicher gewannen einen Schweizer Bauhaus-Schüler, den Architekten Max Bill, für ihre Idee. Gemeinsam mit ihm gründeten sie 1953 die Hochschule für Gestaltung. Bill entwickelte den Bau und das Programm. Man wollte eine Weiterentwicklung dessen, was Bauhaus heute bedeuten könnte. Klar, einfach, brauchbar. Auf dem Kuhberg, oberhalb der Ulmer Innenstadt sollte gelehrt und gelebt werden. 1955 wurden die Schule, Studentenwohnungen und Dozentenhäuser in Betrieb genommen. Der Bauhaus-Gründer Walter Gropius sprach zur Eröffnung.
Alexander Kluge als Lehrmeister
Tatsächlich habe es damals Vorbehalte in der Stadt da unten gegen die da oben auf dem Kuhberg gegeben, bestätigen die Meisters, nachdem sie sich von den ehemaligen Kommilitonen verabschiedet haben. Gestaltung, Design – das ist weniger greifbar als Medizin oder Ingenieurwissenschaften. „Was fremd ist, erzeugt Distanz“, sagt Daniel Meister, dem man die Schweizer Herkunft an seinem weichen Tonfall anhört. „Nicht bei den jungen Leuten“, korrigiert Dagmar Meister-Klaiber. Sie muss es wissen, sie ist gebürtige Ulmerin und pilgerte wie viele freitags zur HfG zu den öffentlichen Filmabenden mit anspruchsvoller Avantgarde.
So kam sie 1965 zur HfG, in der eine abgeschlossene Ausbildung und Eignungsprüfungen Voraussetzungen für die Aufnahme waren. Die Filmkunst hatte sie begeistert. Und an der Schule lehrte Alexander Kluge. 1968 gewann er für „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ in Venedig den Goldenen Löwen. „Ein Freund vermittelte mir einen Termin bei Kluge“, sagt sie. Nach einem eingehenden Eignungstest wurde sie in die Filmabteilung aufgenommen. „Ich lernte durch Zuschauen und Machen. Es war ein reguliertes Selbststudium.“
Daniel Meister zog es 1966 wegen des Lehrprogramms der HfG nach Ulm und wegen der „abgeschiedenen, fast schon klösterlichen Atmosphäre, die mich an meine Internatszeit erinnerte“. Beim Frühstück, mittags, abends – „man war den ganzen Tag zusammen“, sagt Daniel Meister. In der Mensa und an der geschwungenen Bar traf man Dozenten und Studenten auch anderer Fächer. Mensa und Bar, sagen die Meisters, seien original erhalten – anders als manches, das zuletzt saniert wurde.
Beschränkte finanzielle Mittel
Die Meisters haben in einer auch für Laien interessanten Baudokumentation alles an Material zusammengetragen, was den HfG-Campus betrifft. Sie haben Hunderte Pläne gescannt, digitalisiert, analysiert und Interviews geführt. Ein Standardwerk, wertvoll für künftige Sanierungen. Mit einigen gravierenden Sanierungsumbauten sind sie unglücklich. Die Stiftung hat Räume an gestaltungsaffine Büros vermietet, HfG-Archiv und Aicher-Scholl-Kolleg der Volkshochschule Ulm da untergebracht, wo früher die Werkstätten waren. Hier wurde der Grundriss komplett verändert. Den Umgang mit dem Denkmal kritisieren in Meisters Buch auch andere Experten. „Das blaue Wunder von Ulm“ hatte vor Jahren schon eine Zeitung gehämt – eine Anspielung an blau schimmernde neuen Fensterscheiben, die ursprünglich transparent waren. „Je nach Sonneneinstrahlung schimmern sie aber grün und grau“, sagt HfG-Stiftungsratsvorsitzender Alexander Wetzig. Er weist auf die beschränkten finanziellen Mittel hin und wünscht sich – darin ist er mit den Kritikern einer Meinung – mehr Engagement vom Land für das Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung. „Alle Einbauten“, sagt er, „kann man rückgängig machen.“ Diesem Argument setzen Meisters in dem Buch entgegen, dass dies dem Baudenkmal im gegenwärtigen Zustand nicht helfe und nicht darüber hinwegtrösten könne, dass der Charakter der ursprünglichen Struktur – vielleicht für lange – verloren sei. Wie viel Denkmalschutz muss sein? Es ist wie Meisters Buchtitel: „Einfach komplex“.
Der Rundgang zeigt, wie durchdacht Bills Architektur ist. Begeistert erklären die Meisters, wie eine Heiznische zugleich als Sitzbank dient, wie optimal die Werkstätten und Studios belüftet waren. „Selbst im Sommer“, sagt Daniel Meister, „war es nicht heiß.“ Man sieht auch, dass wenig Geld da war, viel Beton, Steinböden, einfaches Holz. Aber auch Klarheit, Geradlinigkeit, Modernität. „Es ist spartanisch, aber wir wollten so einfach und schlicht leben“, sagt Dagmar Meister-Klaiber. Im Privaten ebenfalls. Nahezu original erhalten ist Bills Dozenten-Haus am Rande des Campus, in dem die Meisters seit über 40 Jahren zur Miete leben. „Energetisch aus heutiger Sicht nicht optimal“, sagen sie mit einem Lächeln, die Heizkosten gehen in die Hunderte Euro. „Die Häuser wurden vor über 60 Jahren gebaut und sind kaum gedämmt“, sagt Daniel Meister. „Natürlich gibt es in einem denkmalgeschützten Haus Einschränkungen, doch die nehmen wir gerne in Kauf, weil uns die Architektur entspricht. Das ist Voraussetzung für den Nutzer eines denkmalgeschützten Baus.“
Das Prinzip, Räume funktional zu gestalten, zeigt sich beim Betreten des Hauses. Vom wie ein Schrankraum ausgebildeten Entree geht es direkt in den Wohn- und Essbereich, ein paar Stufen führen ins Wohnzimmer hinunter. Fließende Raumübergänge ohne trennende Flurbereiche, unterschiedliche Raumhöhen, multifunktionale Einbauten bewirken eine spannungsvolle, offene Atmosphäre.
Auf der Nordseite befinden sich die kompakte Küche und das Arbeitszimmer, ein haushoher, luftiger Raum mit Atelierfenstern und zwei Schreibtischen, die sich gegenüberstehen. Die Meisters leben nicht nur seit Jahrzehnten miteinander, sie arbeiten auch zusammen, in Meisters Architekturbüro in Ulm und hier oben auf dem Kuhberg haben sie auch in den vergangenen fünf Jahren an dem Buch gearbeitet. Der Blick geht auf die nackten Äste der Bäume, dahinter sind Felder. Ans Schulgelände schließt sich ein Landschaftsschutzgebiet an. Man versteht, dass die Meisters hier gerne leben: ein Blick wie ein Bild. Ein magischer Ort.