Die Leiden eines Stalking-Opfers Das Gericht verhängt ein Annäherungsverbot

Von Daniel Völpel 

„Dass er das über so lange Zeit so beharrlich betreibt, macht mir Sorgen“, sagt der Anwalt Schmid. „Er hat ein Jahr lang nichts anderes zu tun, als sie zu bedrohen.“ Da Anzeigen gemäß dem Strafrechtsparagrafen 238 („Nachstellung“) im Fall von Anna nichts bewirkten, beantragte Wolf-Peter Schmid im Herbst beim Amtsgericht Ludwigsburg ein Annäherungsverbot gegen den Ex-Mann.

Seit dem 14. Oktober darf er sich Anna nicht auf weniger als 100 Meter nähern oder auf welchem Wege auch immer Kontakt aufnehmen. Das seit 2002 geltende Gewaltschutzgesetz, das dieses Verbot ermöglicht, empfindet Schmid grundsätzlich als hilfreich. Gegenüber einem Strafverfahren hat es einen Vorteil: „Es geht flott, es reicht die Glaubhaftmachung der Nachstellungen.“ Will man den Täter jedoch für einen Verstoß belangen, muss man dies bei Gericht beantragen und zum Beispiel mit Zeugenaussagen nachweisen. Dann erst verhängt der Richter ein Ordnungsgeld oder Ordnungshaft. Da kämen manchmal Skrupel auf, sagt Schmid, „weil man Dritte mit in die Sache hineinziehen muss“.

Adam hat dies längst schon getan, indem er das gesamte Um­feld  seiner Ex-Frau belästigt. „Das Problem ist, ich kann nicht mehr alleine sein“, sagt Anna. Seit Monaten kommt ihre jüngere Schwester, die bereits früher Feierabend hat, zu ihr ins Geschäft und wartet, damit dann beide gemeinsam nach Ladenschluss zum Auto gehen können. An ein normales, unbefangenes Leben ist nicht mehr zu denken. „Ich verstehe nicht, was er damit erreichen will“, sagt Anna. Völlig ausgeschlossen, dass sie sich nach alldem jemals wieder auf einen Kontakt mit ihm einlässt.

Jörg Hafner leitet die Geschäftsstelle des Weißen Rings in Stuttgart und ist Experte in Sachen Stalking. „Die junge Frau macht alles richtig, wenn sie bei jedem Übergriff Anzeige erstattet“, sagt er. Aus Erfahrung weiß Hafner aber, dass es oft nicht ohne mehrere Strafverfahren abgeht und der Stalker – nach dem zweiten oder dritten Urteil – erst im Gefängnis landen muss, bevor er vom Opfer ablässt.

Sie hofft immer noch, dass er abschließen kann

Noch hofft Anna darauf, „dass er damit abschließt und mich mein Leben leben lässt“. Sie dachte schon darüber nach, einige Monate unbezahlten Urlaub zu nehmen oder gleich ganz aus Ludwigsburg wegzuziehen. „Dann habe ich gedacht: Warum sollte ich wegen ihm alles aufgeben?“ Im Zweifel würde er sie doch wieder aufspüren. So wie im Winter, als sie nach dem Besuch eines Schnellrestaurants in ihr Auto stieg und er unvermittelt die Beifahrertür aufriss . Den Vorfall hat Anna mit einem Handyvideo festgehalten – was zulässig ist, wenn sie ihn auf dem Video deutlich hörbar darauf hinweist, dass sie ihn filmt. „Mach die Tür zu“, schreit sie mehrmals. „Ich geh jetzt zur Polizei.“ Seine lakonische Antwort: „Viel Spaß!“ Immer wieder wandte sich Anna in ihrer Verzweiflung an die Polizei. Diese riet ihr, weiter in jedem Einzelfall Anzeige zu erstatten.

Das Polizeipräsidium Ludwigsburg will sich zu dem laufenden Verfahren nicht äußern. „Grundsätzlich fertigt die Polizei bei jedem Stalkingfall eine sogenannte Gefährdungsanalyse an, in der weitere Maßnahmen geprüft werden und eine Gefahrenprognose erstellt“, erklärt die Kriminalhauptkommissarin Karin Stark vom Referat Prävention. Anschließend werde „der Gefährder nochmals auf sein Verhalten angesprochen, es werden Konsequenzen bei weiteren Verstößen aufgezeigt oder bereits weitere Maßnahmen eingeleitet“. Immerhin liegt ein Teil der Anzeigen inzwischen bei der Staatsanwaltschaft in Stuttgart. Über eine Anklage ist noch nicht entschieden. Weitere Fälle bearbeitet die Polizei noch, da jeweils erst die Zeugen vernommen werden müssen.