Die Leidenschaft der Sammler Warum wir sammeln
Die Wege der Menschheit sind mit Informationen und Plunder gepflastert. Was kann weg und was ist relevant? Von der Liebe zum Sammeln und den Fusseln im Bauchnabel.
Die Wege der Menschheit sind mit Informationen und Plunder gepflastert. Was kann weg und was ist relevant? Von der Liebe zum Sammeln und den Fusseln im Bauchnabel.
Wissenschaftlich belegt ist es nicht, doch via Bauchgefühl ahnt man es seit Jahren: Die Welt dreht sich zunehmend schneller. Es wird immer mühseliger, den Überblick zu bewahren. Ob Freude, Trauer, Wut oder Debatten – die Halbwertszeit solcher Umstände übersteigt mittlerweile höchstens noch ein paar Augenblicke.
Bereits im Juni sind die Erinnerungen nur noch vage, was uns im April noch auf die Palme, kurzzeitig ins Paradies oder an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht hat. Und was war eigentlich noch mal der Fidget Spinner?
Begreift man das Leben als ein riesengroßes Chaos aus Informationen und Plunder, bringen Sammler Ordnung in dieses anwachsende Durcheinander. Sie halten Momente und Objekte fest, bevor diese für immer verloren gehen. Sie entreißen dem Chaos die Substanz, geben Dingen einen Ort der Ruhe. Nicht umsonst sprechen wir davon, uns zu sammeln, wenn alles zu viel wird.
Das Bestreben des Sammelns ist freilich älter schon. Doch erst Ende des 18. Jahrhunderts wird es nicht nur als Spleen der Bourgeoisie oder egoistischer Genuss am Raren begriffen. Es wird zur allgemeinen Kulturtechnik, zu einer Organisationsform menschlichen Wissens. Bibliotheken, Museen, ja, Sammlungen – das sind Orte, an denen Wissen, Geschichte, Kultur oder lustiger Plunder für die Nachwelt konserviert werden.
Längst ist aber auch klar: Alles taugt zum Sammeln. Jeder Quatsch sogar. Der australische Bibliothekar Graham Barker öffnete vor einigen Jahren den Blick auf eine besondere Sammlerleidenschaft: Er sammelt die Fussel aus seinem Bauchnabel. Nach 26 Jahren konnte der heute 57-Jährige drei bestens gefüllte Einmachgläser voll mit diesen Fusseln vorweisen.
Obsessiv sei er nicht, merkte Barker an, man müsse da ja eh regelmäßig für Ordnung sorgen, es sei ein Vorgang, der kaum zehn Sekunden in Anspruch nehme. Außerdem interessierte ihn eben, wie viel Gefussel sich in einem Leben ansammeln würde. Falls die Menschheit je von der Frage danach umgetrieben wird – Barker wird der Mann sein, der sie beantworten kann. 2010 wurde er für seine Bemühungen ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen. Bislang machte ihm niemand den Rekord streitig.
Eine Sammlung kann auch Geschichte und Geschichten erzählen: Eine Ausstellung zu Ehren des marxistischen Revolutionärs Che Guevara zeigte ausnahmslos kommerzielle Souvenirs und Nippes, auf denen das ikonische Konterfei des Revolutionärs abgebildet war. Lang lebe die Revolution vom Krabbeltisch.
Die wahre Magie des Sammelns finde sich, sagt der Bücher sammelnde Philosoph Walter Benjamin, allerdings eher im Exemplar als im Werk selbst. Benjamin erklärte 1931, dem Sammler gehe es beispielsweise nicht um das Buch, sondern um das Exemplar. „Habent sua fata libelli“ – Bücher haben ihre Schicksale. Der Sammler erfreue sich am Schicksal eines alten oder anderweitig besonderen Exemplares – diese Freude erneuere das Alte, im besten kindlichen Sinne.
Denn Kinder sammeln bereits in jüngsten Jahren und blicken immer wieder stolz auf ihre Sammlung, die manchmal aus einer Kastanie, einem Stein und drei Autos, mal aus einem Kugelschreiber und aus mehreren Plüschtieren besteht.
Was interessant, wertvoll und sammelwürdig ist, entscheiden Kinder jeder Zeit aufs Neue selbst. Psychologen sehen darin eine kindliche „Aneignung der Wirklichkeit“, die Neugierde auf die Welt und vor allem eine emotionale Bindung zu den Objekten.
Erwachsene Sammler kitzeln ein Leben lang an dieser kindlichen Freude: „Für den wahren Sammler ist die Erwerbung eines alten Buches dessen Wiedergeburt“, schreibt Benjamin. Der bibliophile Neudruck, glaubt er, könne dieses Wonnegefühl kaum ersetzen. Er schlägt sogar vor, es mit den Besitzverhältnissen nicht zu übertreiben: „Von den landläufigen Erwerbsarten wäre für Sammler die schicklichste das Ausleihen mit anschließendem Nichtzurückgeben.“ Und auch das: Alle Bücher der eigenen Sammlung gelesen zu haben, darum ginge es nicht. Wer edles Porzellan sammle, würde ja auch nicht täglich davon essen.
Das unterscheidet auch Plattensammler von Musikliebhabern, die viel Geld und Zeit in den Erwerb von Schallplatten investieren, um diese anzuhören. Schallplatten lassen sich jederzeit in neuem Zustand erstehen, selbst die alten Klassiker sind in Neuauflagen erhältlich.
Sammler jedoch erfreuen sich oft am Außerordentlichen. Sei es eine gebrauchte Vinyl-Single, auf der ein Adressaufkleber die frühere Besitzerin ausweist: Fräulein Gabi Maier aus Aachen, aus einer Zeit, als die Postleitzahlen noch vierstellig waren. Mittlerweile knistert die Platte laut, weil Frau Maier sie damals zwar gerne gehört, aber nicht gepflegt hatte.
Oder eben diese Romantik einer alten Beatles-Platte vom Flohmarkt: Vielleicht wurde sie 1963 von einem aufgeregten Teenager nach Hause getragen. Die Lieder wiederum: Sie sind längst geläufig. Im März 2022 verkaufte sich ein frühes Exemplar der Beatles-LP „Please Please Me“ aus dem Jahr 1963 für 6474,68 Euro bei der Online-Plattenbörse Discogs.
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Des einen Sammlerleidenschaft hat natürlich auch immer das Potenzial für den Sperrmüll des anderen: Scott Wiener aus New York sammelt seit 2008 Pizzakartons – seine Sammlung beläuft sich mittlerweile auf fast 2000 Stück aus über 100 Ländern.
Oder Niek Vermeulen aus Holland, der seit den 70er Jahren Spucktüten aus Flugzeugen sammelt. Vor zehn Jahren belief sich die Sammlung auf über 6000 Stück, von über 1000 Fluglinien aus fast 200 Ländern. Eine der Tüten war mit dem Spaceshuttle Columbia sogar schon im Weltall.
Die „Summertime Connection“, ein weltweiter Zusammenschluss von Jazzfans, katalogisiert derweil alle veröffentlichten Aufnahmen des Stücks „Summertime“ von George Gershwin aus der Oper „Porgy and Bess“. Stand 2020: rund 71 000 Aufnahmen.
Klar ließe sich vieles davon bedenkenlos zum Müll bringen oder man könnte einfach warten, bis es von der Zeit dorthin gebracht wird. Doch was würde übrig bleiben von uns Menschen? Ein Hoch auf die Sammler, die uns in einigen Jahren an Faxgeräte, Pokémon-Karten, den Fidget-Spinner und an dieses eine Lied erinnern werden, das wir vergessen hatten. Wir sammeln uns, unsere Geschichte und die Geschichten. Möge sie nie enden, diese Sammlerleidenschaft.