2013 hat Uwe Hück die Lernstiftung Hück gegründet. Hier sollen Jugendliche boxen und büffeln. Die Stiftung gibt kostenlos Nachhilfe, unterstützt die Jugendlichen bei Bewerbungen und bietet Thaibox-Training an. Uwe Hück ist zweifacher Europameister im Thaiboxen. Geht es hier wirklich um die Jugendlichen oder nur um Uwe Hück?
Das Mädchen für alles
Man schreitet an diversen Uwe-Hück-Devotionalien vorbei, bevor man im Zentrum des Bildungs- und Sportzentrums der Stiftung ankommt: ein großer, heller Raum mit Stehtischen und einer knallroten Theke in der Ecke, an der es nur Kaffee und Wasser gibt. Hinter der knallroten Theke steht ein Mann und grinst. Schwarzer Trainingsanzug, schwarze Käppi, dicke, schwarze Armbanduhr am linken Handgelenk. Isi steht in weißen Buchstaben auf seinem Trainingsanzug, aber eigentlich heißt er Ihsan Tarakci.
Tarakci ist 37 Jahre alt und ist der einzige hauptamtliche Mitarbeiter der Stiftung. „Das Mädchen für alles“, sagt er und lacht. Er steht meistens hier, hinter der Theke, und quatscht mit den Jugendlichen: über Probleme zu Hause, über Probleme in der Schule, über Probleme in der Liebe.
Normalerweise kämen hier etwa 80 Jugendliche am Tag vorbei, sagt Tarakci. Es gibt zwei Klassenräume, mit Computern und Beamern, einen großen Trainingsraum mit Boxring und Tischkicker, sowie eine Muckibude, in der gebrauchte Fitnessgeräte stehen. Aber wegen Corona muss die Stiftung gerade weitestgehend geschlossen bleiben. Wenn Tarakci jetzt mit den Jugendlichen über ihre Probleme redet, dann meistens am Telefon.
„Ich bewundere Hück“
Vor ein paar Jahren noch hatte Ihsan Tarakci selbst Probleme. „Ich war auf dem absteigenden Ast“, sagt er. Keine Arbeit und zu viel Party. Eines Tages will Ihsan mit seinem Freund Lam-Anh in der Schlemmerecke was essen gehen, eine Imbissbude im Norden von Pforzheim. Lam-Anh ist der Adoptivsohn von Uwe Hück, und auf einmal gesellt sich Uwe Hück persönlich dazu. Er lädt die Jungs zum Essen ein und als er mitbekommt, dass die sie ein paar Geräte zum Trainieren kaufen wollen, gibt Hück ihnen Geld.
Ein paar Tage später lädt Uwe Hück Ihsan wieder ein, stellt viele Fragen, will wissen, was Ihsan so vorhat in seinem Leben. „Er hat gesehen, dass ich Hilfe brauche“, sagt Ihsan Tarakci. Hück setzt sich dafür ein, dass er einen Job in der Stiftung bekommt. Das ist fast sechs Jahre her. Seitdem arbeitet Ihsan Tarakci in der Stiftung. „Mein Leben hat sich komplett verändert.“ Ihsan ist Vater geworden und hat geheiratet. Seine Frau hat er bei einer Pause im Innenhof kennengelernt. Sie arbeitet bei einem Inkassounternehmen, das im selben Gebäude sitzt wie Hücks Stiftung. „Ich bewundere Hück“, sagt Ihsan Tarakci, „für mich ist er ein großes Vorbild.“
Klar, in der Stiftung finden sich viele, die so positiv über Hück sprechen. Aber wenn es um die Lernstiftung Hück geht, dann bekommt er sogar von politischen Gegnerinnen Lob. Uwe Hück sei zwar ein großer Selbstdarsteller, sagt beispielsweise die Fraktionssprecherin der Pforzheimer SPD Jacqueline Roos, aber für seine Arbeit in der Stiftung zollt sie ihm Respekt. Als Hück noch für die SPD in der Pforzheimer Kommunalpolitik aktiv gewesen ist, hat Roos mit Hück zusammengearbeitet. Hücks markige Sprüche hätten genervt, und seine Versprechen seien haltlos gewesen, sagt sie. Aber für Pforzheim, die Stadt in Baden-Württemberg mit dem höchsten „Ausländeranteil“, sei Hücks Stiftung extrem wertvoll. „Er holt die Jugendlichen mit seiner Art einfach ab“, sagt Roos. Hücks Engagement hält sie für authentisch, auch wegen Hücks eigener Biografie.
Steiler Aufstieg
Hück ist selbst in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Sein genaues Geburtsdatum kennt er nicht, denn er ist Vollwaise. Bis er 15 Jahre alt war, lebte er in drei unterschiedlichen Kinderheimen, dann zog er aus, boxte, machte Karriere bei Porsche. Uwe Hück kennt sich aus mit sozialem Aufstieg.
„Da kommt er“, tuschelt Ihsan Tarakci ein wenig ehrfürchtig, als er Hücks Stimme im Treppenhaus hört. Und schon marschiert der glatzköpfige Hüne zur Tür herein.
Hück ist gekommen, um seine Mitarbeiter auf ein paar Butterbrote einzuladen: Käse, Salami, Fleischsalat. Hück und Tarakci gehen zum Essen nach nebenan in einen der beiden Klassenräume, wo die beiden Lehrerinnen der Hück-Stiftung sitzen: die 16-jährige Sonya Kurt, die gerade ihr FSJ macht, und die 24-jährige Dina Kastner, die eine Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin macht. Dina und Sonya helfen den Schülerinnen und Schülern bei ihren Problemen mit Algebra, Gedichtanalyse und Englisch. Wenn sie selbst nicht weiterwissen, setzen sie sich an den iMac in ihrem Büro und suchen im Internet nach einer Lösung.
Erster unter Gleichen
In den Klassenräumen hängen Zitatbilder von großen Männern: Nelson Mandela, Willy Brandt, Albert Einstein – und Uwe Hück. Wegen Corona können Sonya und Dina mit den Schülern, die Hilfe brauchen, nur videotelefonieren. Mehr ist gerade leider nicht drin.
Hück lässt sich auf einen der giftgrünen Stühle fallen und versucht, die Fleischsalat-Packung aufzufummeln. „Machst du mir den mal auf?“, sagt er beiläufig zu Tarakci und schiebt ihm die Packung rüber. Er komme fast jeden Tag in die Stiftung, sagt Hück. „Du musst hier sein, mit den Jugendlichen trainieren, duschen, Kaffee und Bier trinken. Ich will Primus inter Pares sein.“ Erster unter Gleichen. Hück bietet sofort das Du an. Hück haut einen Spruch nach dem anderen raus, aber wenn er es übertreibt, entschuldigt er sich. In der Stiftung kommt seine Art gut an.
Geld für die Stiftung kommt vor allem von Spendern. Außerdem bringt Hück mit seinen Benefizkämpfen einige tausend Euro rein: Im Sommer will er in der Pforzheimer Bertha-Benz-Halle gegen den Schwergewichtsweltmeister Manuel Charr kämpfen, und wenn er nach Corona wieder in die USA fliegen kann, will er in Los Angeles gegen den ehemaligen Schwergewichtsweltmeister Mike Tyson antreten. Aber jetzt muss Hück erst mal weiter.
Boxen als Lockmittel
Vor dem Eingang der Hück-Stiftung steht sein Wagen: ein tiefergelegter, schwarz-goldener Smart. Daheim habe er noch einen Porsche Panamera und einen „bösen Sportwagen“, erzählt er. Hück greift sich seine Jacke und reicht sie einem jungen Mann, der neben ihm steht. Der weiß sofort, was zu tun ist: Er hält Hück die Jacke so hin, dass Hück reingleiten kann. Dann verschwindet Hück wieder.
Der junge Mann, der Hück in seine Jacke reingeholfen hat, heißt Bashir Ghassemi, ist 23 Jahre alt, und auch er sagt über Hück: „Ich bewundere ihn.“ Ghassemi, geboren in Afghanistan, aufgewachsen im Iran, ist über die Türkei und den Balkan nach Deutschland geflohen. 2015 kam er in München an, wurde weiter nach Meßstetten gebracht und kam schließlich nach Straubenhardt; in ein Asylbewerberheim, das mitten im Wald lag: zwei Kilometer zur nächsten Bushaltestelle, anderthalb Stunden nach Pforzheim.
Ghassemi fragte rum, wo er hier ein bisschen Sport machen könne, vielleicht ein paar Leute kennenlernen. Ein Deutschlehrer googelte für ihn und fand Hücks Stiftung. Ghassemi kam vorbei, boxte ein bisschen, und wenn er schon mal da war, dann ging er auch gleich zur Nachhilfe, um Deutsch zu lernen. So läuft es oft hier: Jugendliche, die boxen wollen, kommen in die Stiftung,und dann sagen Ihsan Tarakci oder Dina Kastner zu ihnen: Guck dir auch mal die Nachhilfe an.
Schwierige Suche nach einem Job
Ghassemi ging fast jeden Tag zur Nachhilfe. Den Alphabetisierungskurs, der eigentlich neun Monate dauerte, schaffte er in drei Monaten. Ein Jahr später hat er den A-2-Deutschkurs absolviert, noch ein Jahr später hat er den Hauptschulabschluss geschafft. Diesen Januar hat er den Gesellenbrief zum Kfz-Mechatroniker bekommen.
Jetzt sitzt er mit Dina Kastner vor dem iMac und sucht nach einem Job in einer Werkstatt. Kastner feilt an seinem Anschreiben, Ghassemi sucht auf Google Maps nach Werkstätten, die er noch nicht angeschrieben hat. „Da war ich schon, da auch und da auch“, sagt er. Bei vielen Werkstätten hat er sich schon beworben, aber in diesen Tagen sei es schwer – Corona. Bashir Ghassemi braucht dringend einen Job. Eigentlich wurde er bei seinem Bamf-Interview nicht als Flüchtling anerkannt. Aber Hück kannte einen guten Anwalt, sie haben geklagt. Die Stiftung hat die eine Hälfte der Anwaltskosten getragen, Ghassemi die andere Hälfte. Im Moment muss er seinen Aufenthaltstitel alle paar Monate verlängern. Mit einem festen Job könnte er dauerhaft in Deutschland bleiben.
„Die Leute von der Stiftung sind meine zweite Familie geworden“, sagt Ghassemi. Mittlerweile gibt er selbst dreimal die Woche Thaibox-Unterricht, wenn die Stiftung nicht gerade wegen Corona geschlossen sein muss. Er ist ein zurückhaltender Mann mit großem Ehrgeiz: Im vergangenen Jahr ist er Deutscher Meister im Thaiboxen geworden. Nur gegen Uwe Hück hat Bashir noch nicht geboxt. „Der würde mich grün und blau boxen“, sagt er und lacht. Im Uwe-Hück-Tempel bleibt Uwe Hück der alleinige Champ.