Stuttgart - Der Abschied vom Verbrennungsmotor stellt die Metallindustrie vor nie da gewesene Probleme. Dies muss auch die kommende Tarifrunde prägen. Insofern ist es gut, dass die IG Metall jetzt einen sachlichen Ton statt der alten Kampfrhetorik pflegt. Auf die Leimspur einer Lohnzurückhaltung werde sich die Gewerkschaft nicht locken lassen, sagte ihr Vorsitzender Jörg Hofmann noch auf dem Bundeskongress in Nürnberg. Mittlerweile lautet das Motto: Jobs first!
Die vielerorts verkündeten Personalabbau- und Verlagerungspläne sowie der Drang vieler Firmen aus dem Flächentarifvertrag haben Spuren hinterlassen. Zu befürchten ist, dass davon das Signal zu noch größeren Beschäftigungsverlusten ausgeht – bald dürften auch die Kurzarbeitszahlen deutlich in die Höhe gehen.
Allzu viel Mitsprache ist Teufelszeug für viele Unternehmer
Die IG Metall hat offenkundig verstanden. Mit ihrem Plan eines Moratoriums sucht sie den Weg aus der Defensive. Ziel ist, den Wandel mitzugestalten, statt von den Ereignissen überrollt zu werden. Der Stillhaltepakt ist der Versuch, das so folgenreiche Pforzheim-Abkommen von 2004 umzukehren: Man will nicht darauf warten, von den Unternehmen zu Krisengesprächen aufgefordert zu werden, sondern konstruktiv auf diese zugehen.
Damit würde der Forderung der Arbeitgeber, eine gemeinsame Perspektive auf die Transformation zu entwickeln, im Ansatz Genüge getan. Es ist die Einsicht, dass alle Beteiligten ihren Anteil an der Finanzierung des Umbaus beitragen müssen. Zugleich ist es ein Angebot mit vielen Unbekannten: Kann der Verband seinen Mitgliedsunternehmen derart vorgreifen? Wie kann er für diese zusagen, über betriebliche Investitionen, Produkt- und Standortentscheidungen zu verhandeln? Allzu viel Mitsprache der Arbeitnehmerseite ist für viele Unternehmer Teufelszeug. Dennoch tun die Arbeitgeber gut daran, ihren ersten positiven Stellungnahmen Taten folgen zu lassen. Sie wollten einen Sonderweg – jetzt bietet die IG Metall einen an. Dass sie nicht einfach die weiße Fahne hisst, versteht sich für diese selbstbewusste Organisation von selbst.
In der Not bricht die IG Metall mit alten Ritualen
Der Verzicht auf eine bezifferte Entgeltforderung ist für sie ein gewichtiger Schritt. Damit nimmt sie sich den Druck, ein dickes Lohnplus durchzusetzen. In der Not bricht sie mit alten Ritualen. Gleiches gilt für die Bereitschaft, einen Abschluss in der Friedenspflicht auszuhandeln. Freilich steckt dahinter die Drohung, vom 1. Mai an so kampfeslustig zu agieren wie üblich, sollten die Arbeitgeber sich verweigern – nach der Devise: Selbst schuld!
Die verbleibende Lücke zwischen dem Wunsch der IG Metall nach einem realen Entgeltplus und dem Willen der Arbeitgeber, allenfalls Einmalzahlungen zu gewähren, muss am Verhandlungstisch überbrückt werden. Das erscheint lösbar. Lange haben die Kontrahenten nicht mehr echte Dialogbereitschaft gezeigt – höchste Zeit, die alten Tugenden wiederzubeleben.