Die Musikerin Dotschy Reinhardt Auf dem eigenen Weg

Von Michael J. H. Zimmermann 

„Musik ist die große Begabung meines Volkes“: Mutig löst sich die Sintezza Dotschy Reinhardt, die sich als Sängerin, Texterin, Komponistin einen Namen in der internationalen Jazzszene gemacht hat, von aller Erwartung - und schafft unerhört Neues.

Sängerin, Texterin und Komponistin: Dotschy Reinhardt Foto: Uwe Hauth
Sängerin, Texterin und Komponistin: Dotschy Reinhardt Foto: Uwe Hauth

Ravensburg/Berlin - Sie braucht Wurzeln. Und wer ihr auf der Suche nach dem Ursprung ihres Volkes folgen will, braucht Flügel. Dotschy Reinhardt verleiht sie jedem, den sie mit ihrer Musik beschwingt. Mutig löst sich die Künstlerin, die sich als Sängerin, Texterin, Komponistin einen Namen in der internationalen Jazzszene gemacht hat, von aller Erwartung, hört in sich hinein, um ihre eigene Sprache zu finden, schafft unerhört Neues: Heimat für das jahrhundertelang notgedrungen „fahrende Volk“ der Sinti, das sich verströmt auf dem Weg zum unbekannten Ziel gleich den Wassern des Sindhu. Selbst, wenn es ankommt, bleibt seine Abkunft in ihm lebendig.

Geboren ist die selbstbewusste Sinteza, die „für die andere Welt da draußen“ mit ihren Ämtern und Amtspersonen den Namen Michaela erhielt, am 10. November 1975 in Ravensburg. Dorthin kehrt sie, die seit nahezu einem Jahrzehnt mit ihrem Mann, dem Swingmusiker David Rose, in Berlin-Pankow lebt, immer wieder gerne zurück. Bis heute wohnt Großmutter Gali dort im Ummenwinkel, den die Stadt einst als Ghetto für die Sinti auswies: Ihr kleines Häuschen hat vor knapp dreißig Jahren die alte Holzbaracke aus der Nazizeit ersetzt, die Dotschy in ihrer Kindheit dank des Gartens mit seinen vielen Tieren wie ein Bauernhof erschien. Bis ihre Eltern Birgela Reinhardt und Buß Pfisterer ihre eigene Wohnung auf einem Hof im nahen Weiler Wetzisreute beziehen konnten, stand dort der Wohnwagen, in dem sie lebten.

Damals musste eine Sozialarbeiterin bei den Bürgern um Verständnis für den Zuzug werben. Vorurteile waren zu überwinden; engen Freundschaften standen sie im Weg. Kein Freudenfest war dem Mädchen die Fasnet im Oberschwäbischen, wo „Zigeuner“ noch zum Figurenrepertoire gehören und, wie in Berg anno 2005, „Zack, zack, Zigeunerpack“ ungestraft an Umzugswagen prangen darf. Selten fühlte es sich ausgeschlossener als an Tagen, da die Wetzisreuter sich zum Affen machten und die Kinder dazu anhielten, das alle Klischees tradierende Lied vom „lustigen Zigeunerleben im grünen Wald“ anzustimmen. Damals beschloss sie, den Begriff Zigeuner nie in den Mund zu nehmen. Und Dotschy zu sein, nicht Michaela.

Erst recht, da es die kleine Außenseiterin nach der Einschulung nicht leicht hatte: Deutsch war nicht ihre Muttersprache, sondern Romanes. Belächelt wurde sie bei jedem Grammatikfehler oder wenn ein gesuchtes Wort sich nicht finden ließ. Von der Schule erwartete sie mehr, als sie ihr bieten konnte: „Mehr Verständnis für meine Herkunft und meine Sprache, mehr Freiraum, um Ideen zu entwickeln, mehr Akzeptanz für meinen größten Wunsch, Sängerin zu werden.“ Früh stand fest, was sie wollte. Eine kleine Erwachsene, die seit dem fünften Lebensjahr ihren Traum hegte vom eigenen Weg. Und die ihre Lehrer fand – nicht in der Schule, sondern in der Familie.

Ihre Karriere beginnt in der Zeltmission

Ihr Großvater Benedikt nutzte als Wanderprediger auch seine musikalische Begabung zum Lob des Herrn, komponierte Lieder für den Gottesdienst, sang sie selbst, spielte Harmonium, hielt seine jungen Verwandten zum Üben an. Ein strenger Patriarch und Mentor. Oder ihr Onkel, Pastor Edmund Reinhardt, dessen Söhne Ismael und Bambi die junge Sängerin mit Gitarre, Geige und Keyboard im Gottesdienst begleiteten. Auch ihre Karrieren begannen in der Zeltmission „Leben und Licht“, die aus der Internationalen Zigeunermission hervorging. Ihre Großtante Kitty Winter beeindruckte Dotschy, nicht allein ihrer ausgebildeten Stimme wegen. Deren Vater machte sie dank seiner Plattensammlung mit Gesangssolisten vertraut. Schon die eigene Tochter ermutigte er, neue Wege zu gehen – mit ihrer Band Gypsy Nova. Ihren Onkel Bobby Falta, den Gitarristen im Schnuckenack-Reinhardt-Quintett und Partner von Joe Pass und Chuck Loeb, lernte Dotschy nicht minder schätzen, riet er doch zur eigenen Sprache – wie seinem Sohn Lancy, mit dem sie gerne auf der Bühne steht.

Selbst gesetzte Ziele pflegt die Sinteza mit eisernem Willen zu verfolgen. Sie nahm an Wettbewerben teil in oberschwäbischen Dörfern, in Arnach oder in Schmalegg, das viel auf seinen Minnesänger Ulrich von Winterstetten hält. Errang erste Erfolge bei Talentshows im Glottertal, wurde in die Show Horst Jankowskis eingeladen, lernte im Jugendjazzorchester Baden-Württemberg den Mann fürs Leben kennen, David („Lachso“) Rose, mit dem sie drei Jahre später „floh“, wie es bei ihrem Volk der Brauch ist: eine Nacht mit ihm außer Haus verbrachte und also verheiratet war. Das junge Paar zog nach Berlin, wo Dotschy nicht nur die Eltern, die Wiesen, die Tiere vermisste, sondern auch den Klang ihrer Muttersprache. Ihr Vetter Lancy meinte, das Heimweh und die Sehnsucht seien gut für die Kunst.

Dotschy Reinhardt fand Heimat in der Sprache der Sinti, ihrer Kultur, ihrer Musik. Sie schrieb Texte in Romanes, ersann bezaubernde Melodien dazu, fand ihren eigenen Weg. „Musik ist die große Begabung meines Volkes“, sagt sie, „aber auch die Falle, in die es schon so oft getappt ist“ – und zwar dann, wenn es jede Neuerung verweigere, die Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit meide. Dotschy Reinhardt ist nicht in ihr gefangen.