Mit den ersten Bäumen fällt der Glaube der Demonstranten an eine friedliche Einigung. Die Räumung steckt in den Knochen und in den Köpfen.

Stuttgart - Eine Minute nach Mitternacht bewegt sich die Reihe der Polizisten auf ein für die Demonstranten nicht hörbares Kommando mehrere Meter auf sie zu. Wie von unsichtbarer Hand gesteuert gehen die Beamten den Protestierenden entgegen, die immer noch zu Tausenden hinter den Absperrgittern stehen. Aus gewaltigen Strahlern fallen Schneisen von gleißendem Licht in den nachtschwarzen Park. Eben ist der 1. Oktober angebrochen - der erste Tag, an dem überhaupt Bäume im Schlossgarten gefällt werden dürfen. Die Demonstranten haben in den Stunden zuvor erlebt, dass es der Staat ernst meint.

Ein junger Mann blickt auf die Einsatzhundertschaften, die eine menschliche Mauer bilden, und dann hinüber zu jenen Bäumen, die gefällt werden sollen. "Das Schlimmste", sagt er, bricht ab und zieht an seiner Zigarette, "das Schlimmste ist die Ohnmacht. Einfach das Gefühl zu haben, dass ich hier bin und gegen die Polizei nichts ausrichten kann." Noch stehen die Bäume, noch röhren nicht die Maschinen. "Aber die werden bald ernst machen", prophezeit der Mann um Mitternacht.

Kreise um bedrohte Bäume


Die Parklandschaft bietet zu diesem Zeitpunkt fast unwirklich anmutende Bilder des Friedens: In allen Rottönen flackern Hunderte von Grablichtern im Park, die von den Demonstranten in Kreisen um die bedrohten Bäume aufgebaut wurden. Unvermittelt wehen traurige und zugleich heitere Klänge von Posaunen und Akkordeons herüber. Doch die Balkanbeats sind nur ein Intermezzo vor dem nächsten Ausbruch von Wut und Enttäuschung.

Längst hat sich der Schlossgarten zu diesem Zeitpunkt in ein Schlachtfeld verwandelt, in dem die Kamerateams verschiedener TV-Sender nach den richtigen Positionen suchen, um diese Botschaft in den Nachtjournalen zu verkünden: Beim Streit über das Milliardenprojekt Stuttgart 21 ist eine Stadt aus den Fugen geraten. Nachts um halb eins sind die Verletzten des Vortags schon versorgt. Der dramatischste Teil des Polizeieinsatzes ist beendet.

Demonstranten tief frustriert


Unter den Demonstranten machen Gerüchte die Runde. Eines von ihnen besagt: Die Bahn habe ein sechstägiges Moratorium für die Baumfällarbeiten angeboten. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz hatte im Laufe des Donnerstags beim Stuttgarter Verwaltungsgericht eine einstweilige Anordnung wegen Verstöße gegen den Artenschutz beantragt. Hoffnung keimt auf bei den Protestierern. Dann jedoch wird klar: eine Entscheidung darüber wird in dieser Nacht nicht mehr fallen. Am Freitag schließlich wird das Eisenbahnbundesamt die Moratoriumsgerüchte dementieren.

Viele der nächtlichen Demonstranten sind tief frustriert von den Geschehnissen am Donnerstag. Jedes Mal, wenn die Polizisten ihre Schicht wechseln, werden sie als "Kinderschläger" beschimpft. Andere Protestierer berichten von einem "wild um sich prügelnden" Polizisten - eine Szene, die auch der evangelische Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich schon am Nachmittag der StZ geschildert hatte. Ehrlichs Versuch, zur Deeskalation beizutragen, scheitert kläglich. "Mir wurde das Gespräch mit der Einsatzleitung verwehrt", empört sich der Geistliche in die nächtliche Ruhe hinein. Manche Demonstranten haben es sich im Biergarten bequem gemacht und sinnieren über die Ereignisse des Vormittags. Jede Bewegung innerhalb des "Sperrgebiets" wird mit Pfiffen, Lärm und dem Ruf "Schämt euch!" quittiert.

"Mappus in den Schredder!"


Kurz vor ein Uhr nachts beginnt für die Parkschützer der Ernstfall: Die ersten Bäume sollen "abgehen", wie es der Projektsprecher Udo Andriof formuliert hat. Mit hellen Scheinwerfern erleuchtet die Polizei den abgesperrten Teil des Schlossgartens, etwa tausend Polizisten mit Helmen, Gasmundschutz und Schienbeinschonern bilden eine Kette rund um das Absperrgitter. Sie kommen aus Bayern, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen, viele wissen kaum, was Stuttgart 21 ist.

Motorsägen heulen auf, große Bagger greifen nach den Ästen, die schnell verhäckselt werden. Trillerpfeifen und Vuvuzelas ertönen, rund 2500 Demonstranten rufen immer wieder: "Baummörder!" Eine Gruppe fordert lautstark: "Mappus in den Schredder!"

Eine Frau hat Tränen in den Augen


Dann macht sich bald wieder Ernüchterung breit. "Wir haben heute versagt, wir waren für den Tag X nicht gut organisiert", klagt ein Parkschützer. Alles Anketten und Auf-die-Bäume-Klettern habe nichts genutzt - und die fünf von Robin Wood besetzten Bäume liegen außerhalb des ersten Bauabschnitts. Andere geben der Polizei mit ihrer "Rambotaktik" die Schuld. "Gegen ein solch massives Aufgebot können wir nichts ausrichten", sagt Matthias Herrmann, der Pressesprecher der Parkschützer. Eine Frau hat Tränen in den Augen: "Die machen Stuttgart kaputt, da kann man nur noch wegziehen." Ein paar Dutzend Menschen übernachten im Park. "Wo ist das hier noch Demokratie?", fragt ein Mann. Der Boden unter ihm ist vom Regen und von den Wasserwerfern durchnässt. Die letzte Musikgruppe spielt nun einen Totenmarsch, ein Akkordeonspieler stimmt "Mein Freund, der Baum, ist tot" an. Als Sägen und Bagger an die größte Platane gehen, versucht eine Gruppe von Demonstranten, den Bauzaun zu durchbrechen - vergeblich. Gegen die Polizeimauer haben sie keine Chance. Immer mehr Projektgegner verlassen traurig den Platz.

Am nächsten Morgen regnet es, nur ein paar Dutzend Demonstranten brüllen den Polizisten ins Gesicht. Bagger jonglieren mit den Stämmen der alten Bäume. Die große Platane war kerngesund, nun wird sie in Scheiben zerschnitten. Man will keine Symbole übrig lassen. Christiane Knop kehrt am Mittag an den Ort der Eskalation zurück. Sie kann immer noch schwer fassen, was 24 Stunden zuvor geschehen ist. Die Augenärztin hatte am Donnerstagnachmittag ihren 15 Jahre alten Sohn zum Protest in den Schlossgarten begleitet. "Um ihn zu beschützen und um gegen Stuttgart21 zu protestieren", sagt sie.

"Verletzte standen unter Schock"


Schon nach wenigen Minuten war Knop am Donnerstag klar, dass sie im Schlossgarten nicht nur als Mutter, sondern vor allem als Augenärztin gefordert ist. Als ihr viele Demonstranten mit tränenden und zugekniffenen Augen begegneten, wusste sie sofort, "dass die Polizei viel Pfefferspray eingesetzt hat". Am Biergarten stand bereits eine lange Schlange Hilfesuchender vor dem Behandlungszelt. Zusammen mit mehreren Sanitätern und einem weiteren Augenarzt spülte Knop den Demonstranten das Pfefferspray aus den geröteten und gereizten Augen - stundenlang. "Gott sei Dank hatte der Kollege Tropfen dabei, um die Schmerzen der Betroffenen zu betäuben." Nur so sei es diesen möglich gewesen, die vor Schmerz fest geschlossenen Augen zu öffnen. Bis zum Abend mussten 320 Patienten die Augen ausgespült werden.

"Die brennenden Augen waren für viele aber nicht das Schlimmste", erzählt Knop. "Die meisten Verletzten standen unter Schock, waren schwer traumatisiert oder haben geweint. Viele musste man erst einmal in den Arm nehmen." Berufsdemonstranten hat sie unter ihren vielen Patienten nicht entdeckt. "Wir haben Junge und Alte, ganz normale Stuttgarter Bürger behandelt." Die Aussage von Innenminister Heribert Rech, Eltern würden ihre Kinder absichtlich in die erste Reihe der Demonstranten vor die Polizeikette schicken, empfindet sie als "eine geradezu unglaubliche Unverschämtheit".

Am Nachmittag ist es ruhig im Park. "Deeskalation pur" müsse die Devise sein, sagt ein Polizist zu seinem Nebenmann. Doch immer dann, wenn eine neue Gruppe von Polizisten auftaucht, wird es laut. "Schämt euch", rufen die S-21-Gegner am Absperrgitter. Andere stehen still in der zweiten Reihe. Schauen sich um, als kapierten sie noch immer nicht, was da am Tag zuvor geschehen ist. Ein Stückchen entfernt wird die Bühne für die Großdemonstration aufgebaut. Die Ruhe vor dem Sturm? "Es werden 100.000 Menschen erwartet", sagt eine Kommentatorin in die Fernsehkamera. Einige stehen daneben, hören zu, nicken.