InterviewDie Natur als Kraftquelle „Ich gehe jedes Mal einen anderen Weg“

Von Marta Popowska 

Job kündigen, Haus verkaufen und raus in die kanadische Wildnis: Beate und Olaf Hofmann haben vor Jahren genau das getan. Heute ermutigen sie Menschen, ihre Träume zu verwirklichen. Dass es dabei nicht immer der große Aufbruch sein müsse, erklärt Olaf Hofmann im Interview.

Olaf und Beate Hofmann haben vor sieben Jahren ihre Jobs gekündigt und sind ein Jahr durch  Kanada gereist. Kleine Auszeiten  nehmen sie sich bis heute. Foto: Stefan Weigand (z)
Olaf und Beate Hofmann haben vor sieben Jahren ihre Jobs gekündigt und sind ein Jahr durch Kanada gereist. Kleine Auszeiten nehmen sie sich bis heute. Foto: Stefan Weigand (z)

Zuffenhausen/Radebeul - Olaf und Beate Hofmann aus Radebeul haben 2010 etwas getan, wovon viele Menschen träumen: Sie haben ihre sicheren Jobs gekündigt, Haus und Einrichtung verkauft und sind mit ihrer Tochter für ein Jahr in ein ungewisses Abenteuer nach Kanada aufgebrochen. Heute schreiben sie Bücher und halten Seminare und Vorträge, in denen sie Menschen aufzeigen, wie wichtig es ist, rauszugehen, um dem Hamsterrad zu entfliehen. Am Freitag, 16. März, sprechen sie um 19.30 Uhr über ihr neues Buch „Leben mit tausend Sternen“ in der Pauluskirche in Zuffenhausen. Im Interview verrät Olaf Hofmann, dass es nicht immer der große Aufbruch sein muss, sondern dass man seine Komfortzone auch vor der eigenen Haustür verlassen kann.

Herr Hofmann, Sie und Ihre Frau haben 2010 Ihre Jobs gekündigt, um mit Ihrer jüngsten Tochter eine einjährige Auszeit in Kanada zu nehmen. Was gab den Anstoß für diese Entscheidung?
Wir sind Baby-Boomer, die bis 67 arbeiten dürfen, das bedeutet 40 Berufsjahre. Wir wollten eine Halbzeitpause einlegen, um ein paar Dinge zu realisieren, die wir nicht erst mit 67 und älter machen wollten. Wir arbeiten gern und viel, aber wir haben gemerkt, dass wir dieses Tempo so nicht halten können. Damals brach der Boom um dieses Wort Burnout aus. Im Nachhinein würde ich sagen, haben wir, ohne es zu wissen, freiwillig eine Burnout-Prophylaxe gemacht. Wir wollten aber auch noch was erleben, etwas Beziehungspflege betreiben und Zeit mit unserer jüngsten Tochter verbringen.
Wie schwer fiel es Ihnen, Ihre Jobs zu kündigen?
Der Preis war enorm hoch. Es gab schlaflose Nächte und Tränen. Wir sind davon ausgegangen, dass diese Auszeit eine Freistellung ist und wir wieder in unsere Jobs gehen können. Das war jedoch nicht möglich. Wir haben uns dennoch entschlossen, die Verantwortung mit allen Konsequenzen zu übernehmen. Dadurch ist aber der Preis verdammt hoch geworden. Sonst hätte es ja nur bedeutet, dass wir ein Jahr auf eigene Kosten gelebt hätten, aber im Sozialsicherungssystem geblieben wären. So hieß es komplett raus, selber versichern und nicht wissen, wie es hinterher weitergeht.
Was hat Ihnen die Ängste genommen?
Die vielen Menschen, die uns geholfen haben. Ohne sie wäre das nicht gegangen. Wir haben damals ein Buch, „Lockruf des Lebens“, darüber geschrieben. Ganz hinten ist eine Seite mit Danksagungen. Damit haben wir angedeutet, dass das keine Einzelleistung war, sondern dass da auch die Stewardess dabei war, die uns ihr ganzes Gepäckkontingent abgegeben hat oder die ältere Dame, die mit 20 Euro zusteckte und sagte: ‚Sie machen es richtig, ich hätte das auch gern gemacht‘. Aber auch, dass die Türen in Kanada aufgegangen sind. Wir konnten bei Menschen unterschlüpfen, wurden mit wertvollen Tipps versorgt und man half uns bei der Autoreparatur.
Steigern diese Erlebnisse auch das Grundvertrauen in fremde Menschen?
In einigen Gebieten in Kanada gibt es nur wenige Menschen und die müssen stärker zusammenhalten. Wir waren bewusst auf dem Gold Rush Trail unterwegs. Dort leben Leute in der dritten und vierten Auswanderergeneration. Die sind stolz darauf, dass sie so zupackend sind. Die haben ein Grundvertrauen, dass wir in Deutschland so leider nicht mehr haben. Das sind Menschen, die die Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Wenn das Dach ein Loch hat, muss ich den Hammer selber in die Hand nehmen und nicht irgendwo anrufen und schauen, wer dafür zuständig ist. Meine Frau und ich beschäftigen uns ja viel mit positiver Psychologie und mit den inneren Resilienzfaktoren, also dem, was Menschen stark macht. Dem nachzuforschen war für uns unheimlich inspirierend. Daraus sind keine Abenteuerbücher entstanden, sondern Bücher darüber, was Menschen stark macht.
Fast jeder kennt das, man nimmt sich eine Auszeit und kommt voller Tatendrang zurück und plötzlich verpufft diese Energie wieder. Konnten Sie sich nach den Jahren noch etwas von der Energie erhalten?
Wir leben heute aus Erinnerungen. Die Tage sind noch sehr präsent. Als wir aber gemerkt haben, dass die Erinnerungen verblassen, hat meine Frau mir den Vorschlag gemacht, ein Jahr lang jeden Monat eine Nacht nur mit Isomatte und Schlafsack im Freien zu übernachten. Erst dachte ich, sie meint das nicht ganz ernst, denn das war so eine Silvesteridee, aber als der Januar dann fast rum war, sagte sie, es sei jetzt Zeit aufzubrechen. Das haben wir dann gemacht.
Die Erlebnisse haben Sie in Ihrem neuen Buch „Leben mit tausend Sternen“ verarbeitet.
Der ganz große Aufbruch ist für die meisten Menschen und auch für uns nicht drin. Es kostet einfach zu viel Mut, Zeit und Geld. Wir hören sehr oft: Das kann ich mir nicht leisten. Unsere Antwort darauf ist: Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun. Man kann das Abenteuer in kleinere Portionen packen und trotzdem über seine eigenen Grenzen hinauszugehen und sich nochmal neu erleben, ohne dass es eine Überforderung ist. Das war der Hintergrund der Idee.
Ist das vielleicht ein Rezept gegen die kleinen Frustfallen des Alltags? Schließlich kann jeder in die Natur oder gezielt etwas machen, um seine Komfortzone zu verlassen.
Um das geht es. Den ersten Schritt über die Schwelle zu tun. Seine Schwellenangst und seine Vorurteile zu überwinden. Es ist eine überschaubare Verunsicherung. Vielleicht kriegt man nasse Füße oder die Mücken stechen. All das gehört aber dazu. Das Spannende ist, dass wenn ich da draußen das Wesentliche absichern muss, etwa trocken, satt und sicher zu sein, dann bin ich so fokussiert, da kann ich mir das Seminar zum Thema Achtsamkeit aber sowas von sparen. In solchen Momenten denke ich auch nicht an den Lohnsteuerjahresausgleich. Da reichen auch kleine Wanderungen. Ich gehe jedes Mal einen anderen Weg. So muss ich immer wieder schauen: wo geht er hin, komme ich auch wieder zurück? Würde ich jeden Tag den gleichen Weg gehen, habe ich mich so daran gewöhnt, dass ich gedanklich wieder in mein Hamsterrad steige. Ich nutze die Landschaft und die Natur, um erfrischt, manchmal auch abgelenkt und herausgefordert zu werden und dann wieder anders, gesund und gelassen zurückzukommen.
Sonderthemen