Die Nerven beim Heimspiel in Esslingen Wohlgewählte Worte und Akkorde

Von Bernd Haasis 

Die Nerven haben dort gespielt, wo für sie einst alles begann: in Esslingen im Komma. Wie jeder ihrer Auftritte war auch dieser ein Ereignis.

Die Nerven: Max Rieger, Kevin Kuhn und Julian Knoth (von links) Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Die Nerven: Max Rieger, Kevin Kuhn und Julian Knoth (von links) Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Esslingen - Unbändige Energie ergießt sich in den Saal des Esslinger Clubs Komma, eine entfesselte musikalische Urgewalt, wie sie magische Trios aus Gitarre, Bass und Schlagzeug besonders intensiv entfalten. Die Nerven sind am Werk, und wie immer scheint es so, als hätten sie den gesamten Indie-Punkrock-Wave-Komplex in sich aufgesogen, um ihn als glühende Materie wieder auszuspucken.

Der Ästhet Max Rieger lässt Gitarrenakkorde schweben und wuchtige Punkriffs wohlklingen, Julian Knoth bereitet mit pumpendem Bass ein Fundament, das ­locker Monumentales trägt, und Kevin Kuhn, zappelig wie einst Keith Moon, bearbeitet Trommeln und Becken derart intuitiv und variabel, dass ein hochverdichtetes Gesamtkunstwerk entsteht. Drei sehr unterschiedliche Charaktere verbinden sich zu einem Organismus, wie das bei Nirvana, Police und den frühen Cure war; zugleich stehen die Nerven in einer deutschen Tradition von Can bis Tocotronic.

Die Band bringt ein Lebensgefühl auf den Punkt, generationsunabhängig

Eine Mehrheit der Besucher ist wie die Musiker zwischen zwanzig und dreißig, die Bandbreite reicht aber bis an die sechzig. Generationsunabhängig bringt die Band das Lebensgefühl einer aus den Fugen geratenen Zeit auf den Punkt. „Fake“ heißt das aktuelle Album, auf den Tour-Shirts prangt unter dem Titel ein leicht unscharfes Muster, das an das Cover des Joy-Division-Albums „Unknown Pleasures“ erinnert. Die knappe Lyrik der Nerven greift weit aus in großen Parolen: „Erlaubt ist, was gefällt“, singt Rieger in „Neue Wellen“, „nichts gefunden, alles erfunden“ Knoth in „Niemals“. „Immer nur dagegen, aber nie wirklich da“, heißt es in „Frei“ – wohlgewählt klingen die Worte, vielsagend im besten Sinne.

Es ist ein Heimspiel, die Nerven sind 2010 in Esslingen entstanden. „Fünf Jahre waren wir nicht mehr da“, sagt Rieger, den es längst nach Berlin gezogen hat. „Auf dieser Bühne haben wir unser erstes Album aufgenommen, ,Fluidum‘.“ Normalerweise werden lokale Helden in solchen Momenten gefeiert; hier pflegt das Publikum bei aller Bewunderung eine respektvolle Distanz zum avantgardistischen Gestus der unaufhörlich reifenden Band.

Die Nerven sind keine normalen Helden

Rieger zitiert die Syd-Barrett-Hommage „Shine on you crazy Diamond“, dann versinkt das Trio im hypnotischen Groove von „Barfuß durch die Scherben“, in der leichten Indierock-Attitüde von „Explosionen“. Bis ein schweres Riff abrupt alle Lethargie wegbläst. Jeder Aufbruch hat seine Musik. Die Gegenwart hat Die Nerven.