Die Nerven in Schorndorf Die Wahrheit muss laut sein

Von Björn Springorum 

Eine Stunde Schweben, eine Stunde ungeschönte Rockmusik: Die Nerven beschließen ihre Tournee mit einem beispiellos intensiven Quasi-Heimspiel in der Schorndorfer Manufaktur.

Fast mehr als man ertragen kann: die Stuttgarter Band Die Nerven Foto: Veranstalter
Fast mehr als man ertragen kann: die Stuttgarter Band Die Nerven Foto: Veranstalter

Schorndorf - Ja, vielleicht muss man es so langsam mal wirklich mit Dekonstruktion versuchen. Vielleicht muss man diesen Korpus zunächst von all dem befreien, womit er in den letzten 24 Monaten aufgeladen wurde. Für all diese Aufmerksamkeit können Die Nerven selbst natürlich am allerwenigsten, doch nach allem, was geschrieben, gesagt und gelobt wurde, nach Feuilleton-Beweihräucherung, Titulierungen von bester Liveband bis hin zu Deutschlands wichtigster Gruppe, nach Tocotronics Liebeserklärung und nach Lob aus dem Mund des Sonic-Youth-Kopfes Thurston Moore persönlich und einer prominenten Rolle in der recht mau konzipierten Arte-Sendung „Tracks“, fällt es bisweilen schwer, die Realität vom Hype zu trennen.

Hat man sie von all den Lorbeeren befreit, die ungefragt auf den Köpfen dieser drei jungen Herren ruhen, kann man sich ihnen, so scheint es, auf die Weise nähern, die sie verdient haben: über die Musik. Über das Konzert. Um 21 Uhr betreten der großgewachsene Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn die Bühne der Schorndorfer Manufaktur. Ohne Vorband, ohne Intro, ohne große Geste. Die Nerven dekonstruieren sich selbst, bevor sie auch nur den ersten Ton gespielt haben. Die drei blicken sich einen Augenblick tief in die Augen, der Schlagzeuger Kevin Kuhn zählt den ersten Song an. Und würde man unbedingt ein Klischee bedienen wollen, würde man so etwas sagen wie: Die Musik bricht los wie ein Gewitter.

Junge, sind die gut geworden

Sie hat aber eben durchaus etwas reinigendes, ihre Musik. Ein brachialer, kompromissloser und schroffer Blick auf Rock und Punk, bis an die Schmerzgrenze verzerrt und so laut, dass man förmlich gegen eine Wand läuft, wenn man sich gen Bühne bewegt. The Melvins lassen grüßen. So laut ist es, dass die Ohren nach Ende des Konzerts klingeln. Und doch liegt eine Klarheit in ihrem wuchtigen Sound, dass man förmlich hineingezogen wird in diesen Strudel aus kathartischer Wut, verzweifelter Nonchalance und abgekämpftem Wahnsinn. Eine paranoiderweise beruhigende Wirkung geradezu, die einer Trance gleichkommt. Ja, Die Nerven sind wahr, ja, sie sind echt. Und die Wahrheit, die muss bisweilen laut sein. Ralv Milberg weiß das. Der Produzent ihrer beiden Alben sitzt auch an diesem Abend hinter dem Mischpult. Nun darf man die Rolle eines Produzenten in der Musikhistorie weder schmälern noch künstlich überhöhen; dennoch muss gesagt werden, dass es hin und wieder gerade die Produzentenarbeit ist, die aus einer guten Band eine besondere macht. Die Nerven klingen an diesem Abend in der Manufaktur zumindest genau so, wie sie klingen wollen, sollen und müssen.

Es passiert etwas mit diesen drei introvertierten, seltsam gekleideten Typen, wenn sie auf einer Bühne stehen. Es geht ein Ruck durch sie, ein Stromschlag, der aus drei stillen Männern Derwische macht. Kevin Kuhn lässt die Hosen zwar an, flippt hinter den Drums aber dermaßen aus, dass selbst das Tier aus der Muppet Show nur anerkennend grunzen kann. Schon nach dem ersten Song „Albtraum“, so scheint es, hat er sein Instrument in Grund und Boden geprügelt. Ohne Hemmungen, ohne Rücksicht auf Verluste – ein Credo, das durchaus für diesen Abend gilt. „Barfuß durch die Scherben“ steigert sich von laut zu leise in ein taumelndes Crescendo; der monotone Post-Punk-Beat von „Der letzte Tanzende“ wird von dem Sänger/Gitarrist Max Rieger in einen Moment absoluter Stille geführt, die gegen Ende gezündete Hypnose „Eine Minute schweben“ gilt als Zusammenfassung des Abends. Junge, sind die gut geworden.

Die letzten Wochen waren sie unterwegs, es ist der letzte Tourstopp und zugleich Quasi-Heimspiel. Danach, so verkündete man im Vorfeld, sei erst mal Schluss mit Auftritten in der Region. Eine gute Stunde später ist es dann vorüber, länger dauert ihr Konzert nicht. Doch was auf dem Papier knapp bemessen klingt, ist auch an diesem Abend beinahe mehr, als man ertragen kann. Eine Stunde schweben, eine Stunde ungeschönte Rockmusik, eine Stunde im Beisein von Die Nerven. Beste Band der Stadt hin oder her: Es ist nahezu unmöglich, da nicht schon wieder die Superlative auszupacken.




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