Die Nerven in Stuttgart Weggetanzter Weltschmerz

Post Punk im Gegenlicht: Max Rieger (links) und Julian Knoth im LKA Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Die Nerven sind in der Form ihres Lebens. Beim Konzert im LKA haben sie ihren krachenden Sound extrem verdichtet – doch sie können auch anders.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Wer über Konzerte der Band Die Nerven spricht, erwähnt zumeist den Lärm, den das Trio auf der Bühne entfesselt. Das tun Julian Knoth, Kevin Kuhn und Max Rieger auch am Dienstag im LKA/Longhorn. Und doch ist der leiseste Moment dieses Konzerts der bemerkenswerteste – die rund 800 Besucher erleben ihn kurz vor Schluss beim Song „Der letzte Tanzende“.

 

Wie mit dem Schieberegler fährt die Band die Lautstärke ihres Sounds auf Null zurück, irgendwann hört man nur noch das Publikum und vereinzelt mahnende „Shhh“-Laute. Stille muss man aushalten können, das haben die Lockdowns gelehrt. In einer immer lauter werdenden Welt oder bei einem Nerven-Konzert ist sie das wirklich Besondere. Bei der sich anschließenden, finalen Eruption werden Fäuste in die Luft gereckt.

Kevin Kuhn hat seinen großen Auftritt

Auch auf dem selbstbetitelten neuen Album, das im LKA zu großen Teilen vorgetragen wird, vereinen Die Nerven Noiserock und (Post-)Punk. Das sorgt auch zehn Jahre nach ihrem Erstling „Fluidum“ noch für Aha-Momente, die man der Gitarrenmusik nicht zutraut – weil die drei Mitglieder gute Songschreiber und noch bessere Musiker sind.

Vor allem Kevin Kuhn hat an diesem Abend seinen großen Auftritt. Der Schlagzeuger hat schon immer angedeutet, was in ihm steckt. Im LKA füllt er jede noch so kleine Lücke seines Spiels mit kurzen rhythmischen Einwürfen: musikalische Feinkost, die Rezensenten anderer Konzerte auf der Tour gar zu Jazz-Referenzen bewegt hat. Dabei ist Kuhn natürlich ein Rockschlagzeuger, den es beim Spielen kaum auf seinem Hocker hält, und nebenbei auch ein unterhaltsamer Showmensch. Seinen Moment hat er als Sänger des Motörhead-Covers „Ace of Spades“.

Ein Song für Christian Lindner

Einem Radiosender hat Kuhn verraten, dass die Tour „erschreckend harmonisch“ verlaufe. Es ist kein Geheimnis, dass die Bandmitglieder sich manchmal aneinander reiben; daher kommt auch die Energie dieser Musik. An diesem Abend sind Die Nerven aber ganz bei sich selbst. Im Gegenlicht sieht man sie teilweise nur silhouettenhaft, was die Wirkung ihres energiegeladenen Auftritts aber nur verstärkt. Die Songs vom neuen Album sind kein Bruch mit dem bisherigen Schaffen. Vielmehr ergänzen sie vier Jahre nach der letzten LP „Fake“ den bisherigen Katalog.

So wird das LKA-Konzert zu einer Essenz dessen, wofür Die Nerven stehen: herausgeschriener oder weggetanzter Welt- und Selbstschmerz, dem die Anlässe leider nicht ausgehen. „Alles reguliert sich selbst“ ist auch ein Song für Christian Lindner, einer über „Kalte Kriege, erhöhte Miete / Überhöhtes Selbst“. In ihrer im Frühjahr ausgekoppelten Single „Europa“ singen sie: „Lernen aus den Fehlern, Lernen aus dem Leid, so wird’s nie wieder sein / Und ich dachte irgendwie, in Europa stirbt man nie“. Der Song erschien kurz nach Russlands Einmarsch in der Ukraine.

So etwas macht sie zu Feuilleton-Lieblingen, aber der Blick ins Publikum zeigt, dass sich vom Rockfan bis zum Szenekopf längst viele auf diese Band einigen können, die wie derzeit nur wenige Gegenwart und Pop zusammenbringt und zudem in der Form ihres Lebens ist. Genau das macht große Bands aus. Der Weg auf die großen Bühnen dauert für Die Nerven nun schon viel zu lange.

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