Stuttgarter Band Die Nerven Der Soundtrack des Unbehagens in der Kultur

Max Rieger, Kevin Kuhn und Julian Knoth (von links) sind Die Nerven Foto: Glitterhouse/Lucia Berlanga

Wie eine Reaktion auf Corona und den Ukraine-Krieg klingt das neue, düstere Album der Stuttgarter Noiserock-Postpunk-Sensation Die Nerven. Warum der Eindruck täuscht, verrät Sänger und Bassist Julian Knoth.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Kurz vor Weihnachten im Jahr 2012 machte unsere Zeitung erstmals enthusiastisch Werbung für die störrisch-wilde Musik dieser drei Männer: „Die Nerven aus Esslingen sind die neuen Lieblingskrachmacher der Republik“ wurde damals noch etwas kühn behauptet. Gerade war deren Debütalbum „Fluidum“ erschienen, und in den Berliner Indiediscos zappelten Hipster bereits unglücklich-glücklich zum spröden Underground-Hit „Summertime Sadness“, den sich die Nerven von der Pop-Sängerin Lana Del Rey geklaut hatten.

 

Zu Besuch bei Jan Böhmermann

Zehn Jahre später sind die Nerven immer noch so trotzig, zornig, frustriert, fies und großartig wie damals. Und zu behaupten, dass Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn die Lieblingskrachmacher der Republik sind, ist nicht mehr ganz so verwegen. Das hat zum Beispiel neulich der Auftritt in Jan Böhmermanns „ZDF Magazine Royale“ bewiesen. Da stellten sie begleitet vom Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld den Song „Europa“ vor, der vom böse Erwachen erzählt, das einen erwartet, wenn man zu lange im Elfenbeinturm gedöst hat: „Und ich dachte irgendwie, in Europa stirbt man nie“, heißt es im Refrain dieses Protestsongs 2.0, der nun auch das neue, selbstbetitelte Album der Nerven eröffnet. Er beginnt mit einer Akustikgitarre und wird am Ende von einer von Max Rieger grandios inszenierten gewaltigen Wall of Sound eingemauert.

Es ist verführerisch, „Europa“ für einen zeitgeistigen Kommentar auf Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine zu halten, doch Julian Knoth, das Drittel der Band, das immer noch nicht nach Berlin gezogen ist, sondern in Stuttgart die Stellung hält, widerspricht: „Der Song stammt aus dem Jahr 2018 oder 2019“, sagt er, „und ist nur plötzlich durch die weltpolitischen Veränderungen so erschreckend aktuell geworden.“

Dem Zeitgeist voraus

Auch in anderen Songs waren Die Nerven dem Zeitgeist voraus. Etwa bei „Keine Bewegung“: Während um ihn herum Kuhns Schlagzeug, Knoths Bass und seine Gitarre immer neue Klangwände errichten, bekennt sich Rieger zur Resignation, zur selbst verschuldeten Ohnmacht, zur inneren Erstarrung, zum Hang zur Negation, zur Passivität: „Ich könnte überall hingehen, aber kann mich nicht bewegen!“ Es liegt nahe, das sich langsam aufbäumende Postpunk-Ungetüm für einen Corona-Kommentar zu halten. Doch auch hier widerspricht Knoth: „Lange vor Corona haben wir uns schon damit auseinandergesetzt, wie es ist, sich isoliert von der Umwelt zu fühlen, mit den anderen Menschen zu fremdeln, sich von der Realität zurückzuziehen.“

Introspektion und Gesellschaftskritik

Wie diese beiden Songs bieten auch die restlichen Stücke auf „Die Nerven“ immer neu ein verstörendes, hoch konzentriertes Amalgam aus Introspektion und Gesellschaftskritik – und sind viel zu gut, um als Zeitgeisthymne für eine pandemische Welt herzuhalten. Stattdessen vertonen die Nerven auf ihrem fünften Album mit einer Mischung aus Postpunk, Noiserock und Pop bitterböse und noch konsequenter, präziser, souveräner als bisher das Unbehagen in der Kultur.

„Wir bewegen uns dabei immer irgendwie zwischen Revolte und Resignation“, sagt Knoth. Und die Nerven sind zwar immer noch unsere Lieblingskrachmacher, doch inzwischen verzieren sie Songs wie „180°“ auch mal mit Streichern und Klavierakkorden (und Celan- und Goethe-Anspielungen). Sie wollen weiterhin nicht Teil einer Jugendbewegung sein, erzählen lieber vom Zeitalter des Narzissmus („Ein Influencer weint sich in den Schlaf“), von der selbstgefälligen Sattheit einer Generation („Ganz egal“), vom Turbokapitalismus („Alles reguliert sich selbst“), von sozialer Kälte („Ich sterbe jeden Tag in Deutschland“), von Reizüberflutung („15 Sekunden“) und finden zuverlässig die Sollbruchstellen der Gesellschaft und des Ichs. Auf „Die Nerven“ geht es zudem düster zu. „Das Wort Tod kommt fast in jedem Song vor, und es geht viel um Abgründe“, sagt Knoth: „Das ist unser härtestes, finsterstes – unser schwarzes Album.“

Das Album steht für einen Neustart

Jede Platte der Nerven stand bisher in gewisser Weise für einen Umbruch. Und auch diese stellt eine Art Neustart dar. „Wir haben gemerkt, dass wir als Band dann am besten funktionieren, wenn wir alle drei frei sind“, sagt Knoth, „wir sind am stärksten, wenn jeder seine eigenen Dinge machen kann, wenn jeder seine eigenen Erfahrungen sammeln und einbringen kann.“ Alle Bandmitglieder sind in Nebenprojekten aktiv. Max Rieger ist inzwischen außerdem einer der angesagtesten Produzent im Land.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich also viel getan bei den Nerven. Der Blick zurück ist nicht die Sache von Knoth, Rieger und Kuhn – auch wenn sie kurz überlegt haben, zum Jubiläum „Fludium“ in einer erweiterten Version neu aufzulegen. „Doch wir blicken halt doch lieber nach vorne und machen einfach weiter“, sagt Knoth. Auch wenn nach vorne zu blicken bei den Nerven immer schwarzsehen heißt.

Die Nerven

Band
 Max Rieger (Gitarre, Gesang), Julian Knoth (Bass, Gesang) und Kevin Kuhn (Schlagzeug) sind die Nerven. 2010 wurde die Band in Esslingen gegründet. Vor zehn Jahren erschien mit „Fluidum“ das erste offizielle Album. 2014 erschien „Fun“, 2015 „Out“, 2018 „Fake“.

Live
 Die Nerven starten am 13. Oktober ihre „100 Milliarden Dezibel“-Tournee in Jena und treten am Dienstag, 15. November in Stuttgart im LKA/Longhorn auf.

► Die Nerven: Die Nerven. Glitterhouse/Indigo

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