Die Nerven: Wir waren hier „Wir hatten damals ein ziemlich großes Maul“
Die Erfolgsgeschichte der Band Die Nerven begann vor 14 Jahren in einem Kinderzimmer in Reichenbach/Fils. Eine Spurensuche mit dem Sänger und Bassisten Julian Knoth.
Die Erfolgsgeschichte der Band Die Nerven begann vor 14 Jahren in einem Kinderzimmer in Reichenbach/Fils. Eine Spurensuche mit dem Sänger und Bassisten Julian Knoth.
Was für die Ramones und Disney, für Microsoft und Nirvana eine Garage war, war für Die Nerven Julian Knoths Kinderzimmer im ersten Stock eines Einfamilienhauses, das idyllisch oben am Ortsrand von Reichenbach/Fils liegt. „Hier war’s noch schöner, als da noch eine Villa und nicht dieser Mehrfamilienhaus-Komplex stand“, sagt der Sänger und Bassist der Band und zeigt auf einen Klotz, der den Blick auf Streuobstwiesen versperrt.
Damals, das war vor 14 Jahren, als er sich mit Max Rieger in seinem Zimmer traf, um Musik zu machen. Die Geburtsstunde der Nerven, einer der wichtigsten Bands Deutschlands. Am 13. September ist ihr sechstes Album erschienen. Auf diesem tobt sich Knoth mit Max Rieger (Gitarre, Gesang) und Kevin Kuhn (Schlagzeug) grandios zwischen Trotz, Resignation und Wut, zwischen Noise-Rock und Postpunk, New Wave und Indiepop, zwischen Adorno und Tocotronic aus.
Und weil die Platte „Wir waren hier“ heißt, liegt es nahe zu fragen, was für Die Nerven eigentlich „hier“ heißt – und sich von Julian Knoth, der als einziger der drei noch in Stuttgart lebt, zu den wichtigsten Orten der Bandgeschichte führen zu lassen.
Am 6. Januar 2010 besucht Max Rieger Julian Knoth erstmals in dessen rund 15 Quadratmeter großem Zimmer. Ein paar Stunden später haben sie nicht nur vier Songs geschrieben, sondern sich auch einen Namen für ihr Projekt ausgedacht: Die Nerven. Sie gehen beide zwar aufs Gymnasium in Plochingen, lernen sich aber erst spät wirklich kennen: „Max war ja zwei Klassen unter mir. Aber irgendwie ahnten wir, dass wir auf der gleichen Wellenlänge sind.“ Knoth sammelt zuvor schon Erfahrung in einer Schülerband. „Wir haben aber ganz verbissen versucht, wie andere Bands zu klingen“, sagt er. „Als Max und ich anfingen, war das ganz anders. Das war keine Band, sondern ein Projekt, bei dem wir herum experimentieren konnten.“
Damals ist Knoth 19, Rieger 16. Und ihre lärmende Musik eine Rebellion gegen all das, was sie um sich herum erleben. Dass Julian aber zu Hause mit den Platten der Dead Kennedys, Rage Against the Machine oder Fugazi aufwächst, die sein Vater hört, verschafft ihm einen gewissen Startvorteil. Trotzdem wäre er vielleicht heute Maler und nicht Musiker, wenn ein Prof seine Mappe mit Arbeitsproben nicht total verrissen hätte.
Heute gleicht Knoths Kinderzimmer zwar einer Abstellkammer – wenn er mal zu Hause übernachtet, schläft der 34-Jährige, der inzwischen selbst Vater von zwei Kindern ist, nebenan. Doch schon 2010 hat sein Zimmer diesen Charme einer Rumpelkammer. Mitten im Raum steht das Schlagzeug seines Bruders Philipp. Der wird dann auch mit 15 der erste Drummer der Nerven.
Und irgendwann wird dem Trio das Kinderzimmer zu klein. „Mit Philipp sind wir zur Liveband geworden“, sagt Julian Knoth. Es zieht sie dorthin, wo Stuttgarts Subkultur dank des Bahnprojekts S 21 eine kurze, heftige Blütezeit erlebt: die Eisenbahnwaggons am Nordbahnhof. Dort steht Anfang der 2010er Jahre an stillgelegten Gleisen der Waggon des Vereins für Flüssigkeiten und Schwingungen (FFUS) inmitten einer Art Underground-Paradiesgarten. Dort ermöglicht der Betreiber Moritz Finkbeiner den drei aufmüpfigen Teenagern ihre Premiere.
Am 8. Januar 2011, also ziemlich genau ein Jahr nach der Bandgründung, haben die Nerven dort ihren allerersten Auftritt. „Auch durch den Namen hatten wir Narrenfreiheit“, sagt Julian Knoth. Es gibt keine Setlist, nicht einmal fertige Songs. Der Auftritt ist, wie eigentlich alle frühen Konzerte der Band, komplett improvisiert. „Uns war es wichtig, dass wir Dilettanten und Autodidakten sind. Wir wollten anfangs gar nicht gut sein, wir wollten laut sein und auffallen.“
Und Die Nerven kommen sofort auf den Geschmack. „Nach unserem ersten Konzert haben wir Moritz gefragt, ob wir da am nächsten Tag gleich noch mal spielen dürfen. Und der hat gesagt: ,Na, klar!“ Insgesamt treten die Nerven fünfmal in diesem kurios-verwilderten Idyll mitten im Herzen der Hauptstadt auf, das immer noch existiert, auch wenn der FFUS-Waggon bereits im Sommer vor zehn Jahren verschrottet wurde. Denn wer die geheime Kombination für das Fahrradschloss am Eingang kennt, den erwartet hinter dem Gittertor auch heute noch eine Art verwunschener Garten der freien Kulturszene.
Vor allem Anfang der 2010er Jahre gedeiht dort rund um die Nerven eine Musikszene, die beweist, dass Stuttgart mehr zu bieten hat als Mercedes, Porsche und Deutschrap. Dass hier auch wilde, unangepasste, unbequeme Bands ein Zuhause finden können. Die Nerven nehmen ständig neue Demobänder auf, veröffentlichen diese direkt auf der Internetplattform Bandcamp und werden nicht müde, Konzerte zu geben. Zehnmal sitzt dabei noch Julian Knoths kleiner Bruder am Schlagzeug. „Und als Philipp mal nicht konnte, haben wir halt Kevin gefragt, ob er einspringen kann. Und das hat so gut funktioniert, dass er danach ein Teil der Band war“, sagt Julian Knoth.
Das zweite Zuhause der Band wird dann das Komma in Esslingen. Dort treten die Nerven erstmals am 23. Juli 2011 beim Sommerfest unter anderem mit Les Trucks und Sex Jams auf. Dort nehmen sie im August 2012 ihr erstes richtiges Album „Fluidum“ auf. Und dort treffen sie auf den Stuttgarter Produzenten Ralv Milberg. „Ralv haben wir kennengelernt, als er uns mal im Komma live abgemischt hat“, sagt Julian Knoth. „Vorher wären wir nie auf die Idee gekommen, in ein Studio zu gehen. Wir hatten zwar ein ziemlich großes Maul damals, waren dann aber doch ziemlich beeindruckt von der neuen Welt, die sich uns da erschloss.“
Die Milberg Studios verstecken sich in einem Hinterhof in Heslach. Hier nehmen die Nerven das Album „Fun“ auf – eine Platte, auf die sich dann Anfang 2014 alle einigen können, die einen guten Musikgeschmack haben. Selbst Berliner Hipster geben zu, dass Stuttgart auch ganz schön cool sein kann. Und „Fun“ wird am Ende des Jahres auf fast allen Bestenlisten der Musikkritikerinnen und Musikkritiker auftauchen.
„Ralv ist unfassbar wichtig für uns“, sagt Knoth. Nicht nur, weil er die Band quasi dazu überredet hat, ins Studio zu gehen. Sondern, weil er maßgeblich den Sound geprägt hat, der sie heute noch auszeichnet. Die Alben „Fun“ (2014), „Out“ (2015) und „Fake“ (2018) nennt Knoth die „Milberg-Trilogie“. Mit „Fun“, das komplett in Stuttgart aufgenommen wurde, beginnt der Prozess der Professionalisierung und der Selbstermächtigung der Band. Für „Out“ reist Milberg mit den Nerven in die Schwäbischen Wälder. Und für „Fake“ in die Toskana. „Dieses Album zu machen, war eine Art Katharsis. Danach waren wir als Band erwachsen“, sagt Julian Knoth. Aber die Nerven kamen auch an ihre Grenzen. Nie waren sie näher dran, sich aufzulösen. Auch Milberg war nach „Fake“ am Ende „Das war ein ziemlicher Struggle. Total manisch. Danach habe ich gedacht: Entweder sterbe ich, oder ich lass jemand anders ran.“
Seither ist viel passiert. Kevin Kuhn und Max Rieger wohnen längst in Berlin. Die Band hat nicht nur die Toskana-, sondern auch die Corona-Krise überstanden. Und das erste Mal seit zehn Jahren entsteht ein Album der Nerven tatsächlich wieder in Stuttgart: in der Zirbelstube im Hotel am Schlossgarten. „Wir konnten hier einfach reingehen und loslegen. Das hat sich sehr entspannt angefühlt“, sagt Julian. Mehrere Wochen mieten sie sich im Frühjahr 2023 ein: „Bis auf einen Basslauf, den es irgendwie schon vorher gab, ist alles, was es auf dem Album zu hören gibt, hier entstanden. Nicht nur die Musik, sondern auch die Texte.“
Gerne hätte die Band dort auch „Wir waren hier“ aufgenommen. „Aber es war nicht sicher, wie lange die Holzvertäfelung noch dranbleibt. Das war uns zu riskant“, sagt Julian Knoth. Zwar fanden die Aufnahmen dann im Studio Nord Bremen statt, doch das neue Album duftet trotzdem nach dem dezenten Charme der Dekadenz und des Niedergangs, für den die Zirbelstube heute steht. Das Album ist voller Lieder, die den Untergang herbeisehnen, die das Glück des Abschieds feiern. „Ein Hoch auf die Jugend, zum Glück ist sie vorbei“, heißt es zum Beispiel in dem Song „Achtzehn“.
Und trotz allem sollte man „Wir waren hier“ keinesfalls mit einer nostalgischen Reise zurück in die Vergangenheit verwechseln. „Erwachsenwerden ist zwar nicht cool“, sagt Julian Knoth, „aber die Gelassenheit, die du bekommst, wenn du älter wirst, ist schon besser als das Gefühlschaos, das du erlebst, wenn du jung bist.“
Das Album „Wir waren hier“ (Glitterhouse/Indigo) ist am 13. September erschienen.