Die neue Alnatura-Zentrale in Darmstadt Eine Öko-Lehmkiste, die es in sich hat

Die neue Alnatura-Zentrale in Darmstadt Foto: Roland Halbe

Dem Stuttgarter Büro Haas Cook Zemmrich Studio 2050 ist ein Pionierbau gelungen, in dem Architektur, Ökologie und Office-Design ineinander greifen – und das mit Erde aus der S-21-Grube.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Darmstadt - Natürlich: die Ökos und ihre Lehmkiste! So jedenfalls könnte man versucht sein, zu urteilen, wenn man die neue „Alnatura Arbeitswelt“ zum ersten Mal vor Augen hat. Das Bio-Lebensmittelunternehmen benötigte für seine bislang in Bickenbach ansässige Zentrale mehr Platz. Rund zwanzig Kilometer entfernt, auf einem ehemaligen Kasernengelände im Süden von Darmstadt, ist nun aber weit mehr als nur ein neuer Unternehmenssitz entstanden: Der sogenannte „Alnatura Campus“ umfasst Schul- und Erlebnisgärten, einen öffentlichen Kindergarten und eine Parklandschaft.

 

Schick? Keine Spur von der Lifestyle-Ästhetik, mit der andere Marken-Zentralen ihre Message an den Konsumenten in werbewirksame architektonische Gesten überführen. Der Alnatura-Gründer Götz Rehn wollte ein „einladendes und offenes Haus“, eine Architektur der Einfachheit. Was letztere Forderung betrifft, hat das Stuttgarter Büro Haas Cook Zemmrich Studio 2050 ein Übersoll erfüllt: Der Architekt selbst, Martin Haas, spricht von einer „stupiden“ Anmutung und der einfachen Bauform eines Kuhstalls, wenn er sein Projekt beschreibt. Nach außen unterscheidet sich das Gebäude tatsächlich wenig von den banalen Kelley-Barracks-Bauten des US-Militärs, die in Sichtweite auf dem Konversionsgelände ihr Rest-Dasein fristen.

Die Bioschachtel ist ein Pionierbau

Die Hülle mag auf den ersten Blick so fad anmuten wie ein Körner-Tofu-Bratling gegenüber einem Boeuf bourguignon. Doch wer so denkt, täuscht sich. Der Anthroposoph Götz Rehn und die Stuttgarter Architekten haben alles richtig gemacht, mehr noch: Sie gehen richtungsweisend voran. Denn die vermeintlich simple Bioschachtel ist ein Pionierbau, in dem Architektur, Ökologie und zukunftsweisendes Office-Design ganzheitlich ineinandergreifen.

Ökologisch, nachhaltig, ressourcenschonend, so wenig wie möglich CO2-emittierend – klar, dass ein Bio-Riese wie Alnatura all diese Attribute vereinen muss, wenn er baut, schließlich lautet die Losung Rehns: „Sinnvoll für Mensch und Erde“. Insofern ist es zunächst wenig überraschend, dass der Unternehmenssitz ein Vorzeigeprojekt nachhaltiger Architektur geworden ist. Naheliegend auch, dass die Architekten zu Lehm als Baustoff gegriffen haben, wenn man weiß, dass die graue Energie dieses Materials gegen Null tendiert, und dass ansonsten viel Holz verbaut wurde, ein nachwachsender Rohstoff.

Was richtig Eindruck erzeugt, sind die Größendimensionen, die die alternative Bauweise hier erfährt. Zwölf Meter hoch sind die fassadenbildenden Wände aus Stampflehm, gefertigt aus Blöcken, die an Ort und Stelle in einer ehemaligen Panzerhalle hergestellt wurden, dafür haben die Architekten den Lehm-Pionier Martin Rauch aus Vorarlberg mit ins Boot geholt.

Neues Leben für umstrittenen Dreck

Damit verfügt der Alnatura-Neubau über die größte Stampflehmfassade eines Bürobaus in Europa. Aus Stuttgarter Sicht muss weniger dieser Superlativ als vielmehr ein anderes Detail aufhorchen lassen. Die Erde für die selbsttragenden Lehmwandscheiben in einem warmen Gelbton stammt aus den Aushüben der S-21-Baustelle. Wer hätte sich jemals träumen lassen, dass der umstrittenste Dreck der Republik ausgerechnet als Öko-Baustoff ein zweites Leben erhält?

Das Gebäude kommt gänzlich ohne Klimatechnik aus. So wenig Technologie wie möglich, lautet das Credo der Architekten. Denn die mache den Menschen faul, so Martin Haas, und habe eine weitere Schwäche: Sie veralte schnell. Das Naturmaterial Lehm erzeugt von ganz allein ein gesundes Raumklima: Lehm kühlt im Sommer und speichert Wärme im Winter. Für die natürliche Klimatisierung und Belüftung wird zudem ein angrenzender Kiefernwald als Frischluftquelle angezapft.

Aus diesen Gegebenheiten hat Haas, der vor seiner Bürogründung Partner bei Behnisch Architekten war, denn auch die schlichte Bauform und deren Ausrichtung entwickelt: Durch die weitgehend geschlossen gehaltenen Nord-und Südfassaden, die komplett verglasten Ost- und West-Seiten sowie den Kamineffekt des Atriums entsteht eine Thermik, die den Frischluft-Kreislauf antreibt. Für die im Winter zusätzlich benötigte Wärme wurde eine geothermische Wandheizung in die Lehmfassade integriert – eine Innovation, die hier ihre Welt-Premiere feiert.

Die eigentliche Sensation ist aber gar nicht der Lehmbau, der gerade dabei ist, zusammen mit dem Holzbau, zum Architektur-Trend zu werden. Martin Haas hat einen Prototyp für die Arbeitswelt der Zukunft geschaffen – und ein Raumwunder dazu. Winzige Bürowaben, Gang-Labyrinthe, starre Raumstrukturen, die sich einer flexibilisierten Arbeitswelt verweigern – die rund 500 Alnatura-Mitarbeiter können all diese das tägliche Büroleben vermiesenden Dinge hinter sich lassen.

13 000 Quadratmeter Großraumbüro

Wenn man die „Alnatura Arbeitswelt“ betritt, öffnet sich ein einziger Raum, vom Erdgeschoss bis unters 19 Meter hohe Dach. Dessen Holzlamellen-Konstruktion wird von einem breiten Oberlichtband aufgebrochen, sodass von oben wie von den transparenten Ost-West-Flanken reichlich Tageslicht herein fließt. Somit liegen auf einen Schlag 13 500 lichtdurchflutete Quadratmeter auf drei Ebenen vor einem.

Beidseitig des haushohen mittigen Atriums erstrecken sich die Arbeitsflächen. Brücken, Treppen und Stege verbinden die Betongeschosse, denen die Architekten eine geschwungene Wellen-Kontur gegeben haben, und versinnbildlichen den Netzwerk-Gedanken. Und so bekommt die vermeintlich schnöde Lehm-Kiste ein unglaublich attraktives, bewegtes, spielerisches Innenleben. Auf den einzelnen Ebenen befinden sich die Arbeitszonen mit Schreibtischen und freistehenden Regalen – alles ist beweglich und flexibel bei Alnatura, wo im Desk-Sharing-Prinzip gearbeitet wird, auf freiwilliger Basis. Sofa-Inseln, Besprechungs-Alkoven, offene Teeküchen – den Mitarbeitern bieten sich vielfältige Kommunikations-Gelegenheiten, wobei die an den Geländern angebrachten „Lümmelbretter“, von denen man den Blick über die Raumlandschaft schweifen lassen kann, sich schnell zu Hot Spots entwickeln könnten.

Keine Tür für die Geschäftsleitung

Geschlossene Wände sucht man vergeblich, nur im Erdgeschoss gibt es verglaste Bereiche. Auch die Geschäftsleitung hat kein verschließbares Büro bekommen. Rückzugsräume gibt es dennoch: Konferenzzonen lassen sich mit Hilfe akustisch wirksamer, siebenlagiger Vorhänge abteilen. Die Annahme, dass es laut zugehen muss, wenn 500 Menschen in einem Raum arbeiten, liegt nahe. Dem ist aber nicht so: Nahezu jede Oberfläche hat eine schallbrechende Funktion, vom Lehm über die Holzlamellen bis zur Betonstruktur der Geschossdecken.

Die Möblierung stammt von Vitra, sie trägt erheblich zur edlen Office-Optik bei, die wiederum reizvoll mit den rustikalen Lehm-Oberflächen kontrastiert. Dennoch geht es hier nicht um den schönen Schein – sondern ums Sein: Entstanden ist eine funktionale, ökologische Arbeitswelt, die zudem eine Wohlfühl-Welt ist.

Haas Cook Zemmrich Studio 2050 haben mit dem Darmstädter Projekt ihr Profil als Nachhaltigkeitsexperten weiter geschärft. Vielleicht könnten die Stuttgarter Architekten ja mal S-21-Erde in der Landeshauptstadt zu einem ähnlichen Vorzeige-Projekt verbauen.

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