Dass in der Überschrift dieser Kolumne eine ironische Anspielung versteckt ist, werden nur jene Lesenden verstehen, die mindestens so alt sind wie ich: Vor rund 45 Jahren lief ein großer Teil junger Menschen mit einer Plakette auf Mantel oder Jacke durchs Leben. „Frieden schaffen ohne Waffen“ stand als Botschaft drauf, entweder ergänzt durch das Bild einer weißen Taube, oder alternativ war ein Gewehr zu sehen, das in der Mitte zerbrochen war. Die Überrüstung der 1970er Jahre von West und Ost mit absurd vielen Atomwaffen trieb damals Hunderttausende in die Friedensbewegung, als deren Teil man sich im Alltag eben durch eine solche Plakette kenntlich machte. Dies war eine der gesellschaftlichen Quellen, die zur Gründung und zum politischen Wachsen der Grünen führte – eine Partei, die sich ganz selbstverständlich als Frieden-schaffen-ohne-Waffen-Partei verstand. Inzwischen hat sie bekanntlich eine andere Meinung. Und ich habe sie auch. Leider.
Eine einzige „Tagesschau“ verändert alles
Es fällt ja nicht leicht, Abschied zu nehmen von Werten und Gewissheiten, die prägend waren für das bisherige Leben. Bei mir hat die 20-Uhr-„Tagesschau“ vom Freitagabend, 28. Februar, den letzten Ruck geben. Ich glaube, dass die TV-Bilder vom so genannten Kamingespräch, dem sich im Weißen Haus Wolodymyr Selenskyj mit Donald Trump, J. D. Vance und anderen Gestalten der neuen US-Führung ausgesetzt sah, schon in diesem Augenblick ikonische Qualität hatten: Da sitzt der Präsident eines Volkes, das sich seit drei Jahren verzweifelt und unter großen Opfern gegen den brutalen Angriff eines politisch komplett enthemmten Nachbarn zur Wehr setzt, und muss sich vor den Augen gezielt laufender Kameras maßregeln, demütigen und persönlich bedrohen lassen. Und wenn besagter Präsident auch die Würde hatte, irgendwann einfach aufzustehen und diesen Besuch in der guten Stube des Grauens vorzeitig zu beenden – so blieb ihm schon zwei, drei Tage später gar nichts anderes übrig, als letztlich doch schlicht Demut anzunehmen und per medialer und diplomatischer Kanäle nach Washington zu signalisieren: Ja, Ihr hattet Recht! Ja, ich war voreilig! Ja, ich bin Euch so dankbar! Ja, ich bin bereit, mich Euren Spielregeln zu fügen!
Eine solche oder ähnliche Szene, ob nun in Washington oder in Moskau, möchte man mit einem deutschen Bundeskanzler wirklich nicht erleben. Also bin auch ich froh, dass die freien Europäer ihre Verteidigung nun stark in die eigene Hand nehmen wollen – und darin laut Umfragen einig mit einer Mehrheit der Bevölkerung. Die Frage ist nur, ob uns allen eigentlich schon bewusst ist, was das für unsere Gesellschaft dann bedeuten wird? Waffen, um Frieden zu bewahren, kann man zur Not mit Schulden finanzieren. Aber vor allem muss man sie zur Not auch benutzen können, sonst verfehlen sie ihre abschreckende Wirkung. Wer soll das machen? Und was sind überhaupt die gemeinsamen Werte, die uns wichtig genug sind, um sie notfalls auch so zu verteidigen?
Ach, das waren sehr schöne Jahre, da unserer Kultur kaum etwas fremder scheinen konnte als das Militärische. Sie sind vorbei. Das wird alles andere als chillig.