Die OB-Kandidaten zum Ausgehviertel Breite Gasse dichtmachen und Pop-up-Gastronomie?

Wer gewinnt? Die Kandidierenden (v.l.) Aleksandar Blazevski, Stefan Thien, Werner Schneider, Fridi Miller, Lucas Guimaraes de Macedo und Stefan Belz Foto: sts

Die Bürgerinitiative Pro KüVi will das Böblinger Szeneviertel wiederbeleben. Von den sechs OB-Kandidaten wollte sie wissen, was sie sich für das Quartier vorstellen.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Seit Jahren dominiert Leerstand das Künstlerviertel zwischen Breiter und Enger Gasse am Pestalozzihof in Böblingen. Die Bürgerinitiative Pro KüVi, die sich im Sommer 2025 gegründet hat, will das ändern. Am Mittwochabend hat sie im Irish Pub ein „Speed-Dating“ mit den Kandidierenden für die anstehende Oberbürgermeisterwahl in Böblingen organisiert – immerhin der erste öffentliche Auftritt aller Kandidierenden.

 

„Wir wollen uns an den jetzigen Zustand nicht gewöhnen“, betont die Initiatorin Tamara Atexinger. Weil bei der Wiederbelebung des Künstlerviertels alle an einem Strang ziehen müssten, sei es für die BI relevant, wer an der Spitze der Stadt stehe.

Alle sechs Kandidierenden sind der Einladung gefolgt. Sie haben jeweils 20 Minuten Zeit, sich und ihre Ideen für das Künstlerviertel vorzustellen und Fragen zu beantworten. Rund 50 Gäste sind gekommen unter ihnen auch die Eigentümer einiger Immobilien im Künstlerviertel. Die sechs Kandidieren treten in geloster Reihenfolge nacheinander auf. Zwei Aspekte, die das Publikum immer wieder wissen will, sind der Umgang mit der Breiten Gasse – Fußgängerzone ja oder nein – und das Parken.

Konsumfreier Raum im Künstlerviertel

Stefan Belz (Grüne) kennt als amtierender Oberbürgermeister die Begebenheiten vor Ort und zeigt die Grenzen der Handlungsmöglichkeiten auf, die die Stadtverwaltung aus seiner Sicht hat. Andere Kandidierende wagen sich an ausgefallenere Ideen, bleiben bei der Frage nach der Umsetzung aber teils eine konkrete Antwort schuldig.

Den wohl ungewöhnlichsten Vorschlag hat der Volt-Kandidat Lucas Guimaraes de Macedo. Er plädiert für einen Raum im Künstlerviertel, der ohne Konsumzwang bis zwei oder drei Uhr nachts geöffnet ist. „Zweckfreie Räume klingen erstmal irrational, aber sie bringen Leben ins Künstlerviertel.“ Eine Fußgängerzone in der Breiten Gasse befürwortet er.

Das Pub ist gut gefüllt. Foto: Stefanie Schlecht

Der parteilose Aleksandar Blazevski möchte das Künstlerviertel in einen Ort verwandeln, an dem Menschen sich treffen und verweilen könne. Böblingen brauche wieder Atmosphäre. Generell sperren würde er die Breite Gasse nicht. „Die Leute wollen hier parken.“ Wie er dann gewährleisten wolle, dass Autos nicht zu schnell durch den verkehrsberuhigten Bereich fahren? „Wir stellen Blitzer auf. Kein Problem.“

Parktarife attraktiver machen

Stefan Thien von der Werteunion nennt als erstes Ziel, das Künstlerviertel wieder sichtbarer zu machen. „Wir müssen von städtischer Seite gar nicht so viel Geld investieren, sondern es zum Beispiel über Feste wieder bekannter machen.“ Parken müsse außerdem attraktiver sein. Er verstehe nicht, warum der Dinnertarif von einem Euro in der Schlossberg-Tiefgarage nur bis 23 Uhr und nicht bis 24 Uhr gilt. Zwischen 23 bis 7 Uhr werden aktuell vier Euro fällig.

Dauerkandidatin Friedhild „Fridi“ Miller will etwas für alle Generationen bieten. Den aktuellen Stillstand lastet sie der Stadt an, die immer nur „Verbote“ ausspreche. Um Besucher anzulocken, schlägt sie unter anderem die Möglichkeit vor, länger kostenlos parken zu können. Als Entwicklungsfaktor wirft sie ihre eigene Person in den Ring: Sollte sie Oberbürgermeisterin werden, würde Böblingen deutschland- und sogar weltweite Bekanntheit erhalten.

Werner Schneider, ebenfalls parteilos, findet, dass die Stadtverwaltung nicht nur reagieren, sondern agieren sollte. Eine Jury könnte beispielsweise darüber entscheiden, welche Künstler und Handwerker im Künstlerviertel ausstellen und arbeiten dürfen. Die Erreichbarkeit würde er unter anderem über autonome Rufbusse lösen.

Dankbar über Engagement der BI

Am größten ist der Fragedruck selbstredend beim amtierenden Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) – er ist im Amt. Seine Vorstellung beginnt er mit einer Verteidigung der Stadt. Sie habe bereits jetzt „verdammt viel zu bieten“. Doch so einfach lässt ihn das Publikum nicht vom Haken. Schließlich hatte er acht Jahre Zeit, in denen im Künstlerviertel nichts voranging – zumindest augenscheinlich. Stadt und Gemeinderat haben sich in dieser Zeit durchaus mit dem Viertel befasst. Einen Bauantrag, der den Bau von Seniorenwohnungen vorsah, lehnte der Gemeinderat 2022 jedoch ab.

Der Stadt gehöre im Künstlerviertel nur die Straße, als OB könne er nicht vorgeben, was passiert. „Aber ich kann helfen, Ideen zu konkretisieren.“ Hinsichtlich der Breiten Gasse werde derzeit geprüft, wie es sich auf den Verkehr auswirken würde, sie in eine Einbahnstraße zu verwandeln oder ganz zu sperren. Außerdem gebe es Überlegungen, die Straße versuchsweise abends dicht zu machen und Pop-up-Gastronomie auszuprobieren.

Kritik kommt von Murat Ulu und Arlete Geiger, denen Gebäude im Künstlerviertel gehören. Sie klagen darüber, dass sie sich von der Stadt allein gelassen fühlten. Woran es im Detail hakt, wird an diesem Abend nicht ganz klar. Möglicherweise könnte der BI eine Rolle als Mittlerin zukommen. Über deren Einsatz zeigt sich Belz jedenfalls sehr dankbar. So gelinge es, viele Menschen hinter einer Idee zu versammeln. „Das kann man als Stadtverwaltung nicht alleine.“

Künstlerviertel Böblingen und OB-Wahl

Künstlerviertel
Das Areal an der Breiten Gasse mit Orfeum, La Femme oder Belle Epoque war in den 1980er- und 1990er Jahren ein Szene-Treffpunkt Böblingens.

OB-Wahl
Die OB-Wahl in Böblingen steht am Sonntag, 25. Januar, an. In Böblingen findet die Kandidatenvorstellung am Montag, 19. Januar, in der Kongresshalle statt. In Dagersheim ist sie für Dienstag, 20. Januar, in der Festhalle vorgesehen. Beginn ist jeweils um 19 Uhr.

Weitere Themen