Die Oper in der Kritik Opernsänger beklagen Knebelverträge

Tenor Matthias Klink (2.v.r., hier als Calandrino in  „Rex Tremendus“) spricht offen über die zum Teil schwierige Arbeitssituation an deutschen Opern. Foto: dpa
Tenor Matthias Klink (2.v.r., hier als Calandrino in „Rex Tremendus“) spricht offen über die zum Teil schwierige Arbeitssituation an deutschen Opern. Foto: dpa

Sie fühlen sich wie Stimmvieh, das gemolken wird, bis es keine Milch mehr gibt: Immer mehr Opernsänger beklagen genau wie ihre Musical-Kollegen ungerechte Arbeitsbedingungen und miese Bezahlung an deutschen Bühnen – auch Stuttgarter Künstler kennen diese Probleme.

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Stuttgart - „Es ist an der Zeit, den Künstlern endlich die Würde, die Rechte und auch die faire Entlohnung zu geben, die ihnen wie allen anderen arbeitenden Menschen gebührt. In jedem anderen Berufsfeld ist es selbstverständlich, dass Arbeit angemessen bezahlt wird.“ Mit dieser Interviewaussage hat die Mezzosopranistin Elisabeth Kulman vor knapp zwei Monaten „Die Revolution der Künstler“ losgetreten. Anlass für die deutlichen Äußerungen waren aktuelle Arbeitsbedingungen bei den Salzburger Festspielen.

Kulman, international renommiert und gern gesehener Festivalgast, beklagt, dass in der Vergangenheit die Abendgagen kontinuierlich abgesenkt und Pauschalen, etwa für den mehrwöchigen Probenzeitraum, ersatzlos gestrichen worden seien, so dass man als Künstler unter Umständen in der teuren Festspielzeit, wenn man sich für mehrere Wochen eine Unterkunft mieten muss – was selbstredend auch nicht mehr vom Veranstalter bezahlt werde – eher draufzahle. Von angemessener Entlohnung und Respekt den Künstlern gegenüber könne also keine Rede mehr sein. Angesichts eines Etats von mehr als 60 Millionen Euro für das Sommerspektakel tut man sich schwer, derlei Vorwürfe zu glauben. Hört man sich allerdings unter Sängern um – von denen viele aus Angst vor Repressalien namentlich nicht genannt werden wollen – , scheint das System zu haben.

„Plötzlich waren die Probengelder gestrichen“

Der in Stuttgart bekannte und geschätzte Tenor Matthias Klink, einer der wenigen, der offen redet, bestätigt, was seine Kollegin Elisabeth Kulman sagt: „Im Sommer 2012 hat mich das in Salzburg auch getroffen. Plötzlich waren die Probengelder gestrichen, allerdings war das nicht ungewöhnlich: in Italien war das schon immer so.“ Auch wenn Klink sich nicht beklagen will, weil die Entlohnung für die Produktion immer noch anständig sei, hinterfragt er das Prinzip: „Mich würde interessieren, ob da ein Unterschied gemacht wird zwischen Sängern wie Elisabeth Kulman und mir auf der einen Seite und Topstars wie Netrebko, Kaufmann und Co. auf der anderen.“

Böse Zungen könnten sich an dieser Stelle fragen, ob das Jammern auf hohem Niveau ist, schließlich gehören Kulman und Klink zur Oberliga im Opernbetrieb. Doch das Ganze beginnt dort, wo die meisten Sängerkarrieren ihren Anfang nehmen, im Festengagement an kleinen Häusern. Landestheater oder städtische Bühnen verfügen oft nur über geringe Etats, so dass es keine Seltenheit ist, dass ein Ensemble aus nur einem Dutzend Darstellern besteht. Und die singen dann sechs, acht oder noch mehr verschiedene Produktionen mit insgesamt achtzig bis einhundert Vorstellungen im Jahr. Sechs Wochen lang wird eine Produktion geprobt, parallel singt man abends die Stücke, die schon im Repertoire sind, kaum ist die Premiere über die Bühne gegangen, beginnt der nächste Produktionszeitraum. Bezahlt wird man als Festangestellter monatsweise, in Analogie zum öffentlichen Dienst. Im Prinzip ist es also egal, wie viele Vorstellungen man in einem Monat singt, das Salär bleibt gleich. In den meisten Fällen bleibt es gleich gering: 1800 Euro brutto ist das übliche Gehalt für Berufsanfänger. Wenn man Glück hat, vielleicht an einem Staatstheater singt und schon ein paar Jahre Erfahrung hat, können es auch mal 2500 Euro sein. Neben den Steuern und Abgaben zahlt man selbstverständlich noch Provision für den Agenten, der das Vorsingen für diese Stelle vermittelt hat, und vom traurigen Rest muss man oft recht teure Gesangsstunden bezahlen, denn die regelmäßige Kontrolle der Stimme ist oberstes Gebot. Viel zum Leben bleibt da nicht.

„Bei Künstlergagen klafft die Schere weit auseinander“

„Ich habe an einem großen Haus Königin der Nacht, Blonde, Zerbinetta gesungen, eben all die Partien, die man als Koloratursopran können muss. Und das für 1000 Euro netto im Monat.“ Was die Sängerin sagt, die hier wie viele andere Informanten anonym bleiben soll, ist kein Einzelfall. Wieder bestätigt Matthias Klink: „Was bringt es mir, Ensemblemitglied zu sein, wenn ich nur einen Zweijahresvertrag habe, bei einem Intendantenwechsel gekündigt werde und es an der Wertschätzung für mich als Künstler fehlt? Man muss bedenken, dass wir Sänger kein unfragiles Element sind. Man muss jeden Abend das Innere nach Außen kehren, das ist nicht leicht, und es macht verletzlich.“

Dass es Zwänge wirtschaftlicher Art gibt, ist angesichts allgemeiner Sparvorgaben offensichtlich. Eva Kleinitz, die Stuttgarter Operndirektorin, meint dazu: „Die allgemeine Budgetsituation der Häuser wird nicht besser, wobei das Thema rückläufige Gehälter nicht nur den Theaterbereich, sondern auch viele andere Berufsfelder betrifft.“ Sie gibt aber zu: „Bei Künstlergagen klafft die Schere weit auseinander; ein Thema, das übrigens alle sechs Monate von Intendanten, Operndirektoren und künstle­rischen Betriebsdirektoren auf der deutschen Opernkonferenz diskutiert wird.“

Neben der Frage nach der Entlohnung steht die Frage nach dem Umgang mit den Künstlern. Gerade von fest angestellten Sängern hört man immer wieder, dass sie sich als Stimmvieh behandelt fühlen, das so lange gemolken wird, bis es keine Milch mehr gibt. Egal, der nächste junge, ehrgeizige Sänger steht parat. Natürlich gibt es diesbezüglich Ausnahmen: Eva Kleinitz etwa betont: „Unsere Sänger kennen sehr lange im Vorfeld ihre verbindlichen Vorstellungstermine am Haus. Das ermöglicht ihnen, auch an anderen Häusern zu gastieren. Außerdem gestalten wir die Verträge mit unseren Ensemblemitgliedern im persönlichen Dialog und, soweit vorhanden, mit dem jeweiligen Agenten.“ Das klingt genau nach der Art Umgang miteinander, wie sie derzeit vehement gefordert wird.

Die Öffentlichkeit reagiert

Elisabeth Kulman jedenfalls ist überzeugt davon, dass Handlungsbedarf besteht. Nachdem einige Wochen lang im Internet eine Art Klagemauer für negative Erlebnisse bei Vorsingen, Produktionen oder im Festengagement eifrig genutzt wurde, hat sie mit ihrem Schritt an die Öffentlichkeit Reaktionen provoziert. So hat sich der wichtige Künstleragent Germinal Hilbert geäußert. Er sieht die Probleme in einer Mischung aus immer länger werdenden Probenphasen bei gleichzeitiger Kürzung der Gagen und immer stärkeren Anforderungen an die Sänger: „Diese Probleme betreffen alle Sänger. Noch viel erschwerender die Sänger, die in einem Festvertrag an ein Opernhaus gebunden sind und sich den auferlegten Arbeitsbedingungen fügen müssen, da für sie die Gefahr besteht, dass der Festvertrag gekündigt wird.“

Dass sich alle Seiten aufeinander zubewegen sollten, scheint unabdingbar. Schließlich soll das Opernsystem auch morgen noch funktionieren, denn, wie Matthias Klink resümiert: „Man muss Theater größer betrachten als nur als Amüsement. Hier geht es um Tradition, das Zusammenleben in einer Gesellschaft, deshalb hat die Oper – wie alle Künste – eine gesamtkulturelle Aufgabe.“




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