Die Orsons in Stuttgart So war der Auftritt in der Porsche Arena

Von  

Eine bessere Welt scheint möglich, und zwar mit mehr Orsons-Konzerten. Das schwäbische Rapquartett hat in der Porsche-Arena sein bislang größtes Konzert gegeben.

Die Orsons kommen ganz ohne Berliner Kiezdeutsch aus. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt 10 Bilder
Die Orsons kommen ganz ohne Berliner Kiezdeutsch aus. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stuttgart - Ab wann zählt man im Pop zum Establishment? Ein Indikator könnte die Frequenz sein, mit der die Zeitungen der Heimatstadt über einen berichten. Ein anderer die Größe der Hallen, in denen man auftritt. In beiden Fällen deutet für das schwäbische Rapquartett die Orsons alles darauf hin, dass sie es geschafft haben. Am Samstag hat die Band ihr bislang größtes Konzert gegeben, in der ausverkauften, wenngleich auf den Stehplatzbereich beschränkten Porsche-Arena.

Ob die Band das überhaupt will: Establishment? Man hätte sie das bei der kurzfristig anberaumten „Merch-Session“ am Nachmittag im Wizemann fragen können, der Heimstatt des Chimperator-Universums. Bei dem Label sind die vier Musiker unter Vertrag, im Wizemann haben sie mehrfach gespielt. Am Samstag verkaufen sie eben hier ihre Shirts und Poster, weil in der Porsche-Arena die Gebühren so hoch sind. Leider ist die Schlange so lang, sind die Orsons so sehr damit beschäftigt, sich mit ihren Fans ablichten zu lassen, dass dazu keine Gelegenheit ist.

„Kiiiischde!“

Das Konzert am Abend gibt zumindest Hinweise, wie die Band ihren Erfolg wahrnimmt: äußerst zufrieden, aber ohne jede Überheblichkeit. Auch in ihrer Musik („Kiiiiischde“) spielen die Vier mit ihrer schwäbischen Herkunft, auf der Bühne fällt beim Blick auf das inzwischen stark angeschwollene (und später spielerisch geteilte) Fan-Meer der Spruch vom „Schaffe schaffe Häusle baue“: Ja, die Orsons haben sich ihren Status über viele Jahre und mit einer ganz eigenen Spielart von Popmusik erarbeitet. Hip-Hop könnte man das natürlich nennen, aber Hip-Hop ist längst der neue Pop und tatsächlich steckt da auch am Samstag so viel mehr drin als Sprechgesang. Wie heißt es in der Orsons-Single „Dear Mozart“? „Für die Jüngeren ist es schon cool / Doch die Älteren fragen: ‚Was hat das mit Hip-Hop zu tun?’“

Das liegt zum einen daran, dass diese fantastischen Vier auch in der Band mit ihrem je eigenen, klar akzentuierten Sound erkennbar bleiben: Maeckes kann auch Gitarre und Songwriter, Tua ist näher am produzierten Elektropop, Kaas ganz emotionaler Rapper und Bartek die polnisch-schwäbische Rampensau. Das funktioniert auf der Bühne hervorragend zusammen, weil jeder seine ein, zwei Songs an herausgehobener Stelle einbringt und das alles beim gemeinsamen Sound des aktuellen Albums „Orsons Island“ auch noch bestens ineinandergreift.

Sound der Generation U40

Doch, das hat schon viel mit Hip-Hop zu tun. Aber eben auch mit elektronischer Tanzmusik und schlageresken Einwürfen. Die Orsons verschmelzen mit ihrem Sound und ihren Themen das klangliche und lebensweltliche Universum der Generation U40 zwischen Wohlstand, Widersprüchen und Reflexion: „Sollten unsre Kinder irgendwann mal meckern / ‚Früher war alles viel besser!’ / Dann meinen sie damit jetzt“. Dankbarerweise kommen die Orsons ganz ohne jenes Berliner Kiezdeutsch aus, das im deutschsprachigen Rap zur neuen Standardsprache geworden ist. Ja, eine bessere Welt scheint möglich. Das Rezept: mehr Orsons-Konzerte.

In der Porsche-Arena, das muss leider gesagt werden, können sich selbst ausverkaufte Abende fast gar nicht so intensiv anfühlen wie in einem kleinen Club. Doch die Orsons sind am Samstag ganz bei sich selbst, und dieser Funke springt immer wieder aufs Publikum über. Maeckes wird auf Händen durch die Halle getragen und hüpft bei der letzten Zugabe so wild über die Bühne, dass er sich selbst den Boden unter den Füßen wegzieht. Bartek macht als „Orsons-Roboter“ einen auf Triadisches Ballett und der hervorragende Schlagzeuger kommt auch noch zu seinem Solopart.

Vielleicht gehört man auch dann schon zum Establishment, wenn sich auf und vor der Bühne alle einig sind. Als Tausende Handybildschirme und einige wenige Feuerzeuge angehen, entfährt den Orsons das beste Fazit des Konzertabends: „So schön, nur Liebe, Stuttgart!“