Die Oscars 2026 Hollywood ist noch nicht am Ende

Michael B. Jordan im Oscar-Glück Foto: AFPJean Baptiste Lacroix

In der 98. Oscar-Nacht der Filmgeschichte ehrt die American Academy noch einmal das klassische, große, innovative, meinungsstarke Kino.

Lange war kein Oscar-Rennen mehr so spannend wie das diesjährige: Zwei große, populäre US-Filme, beide produziert von einem der ältesten Hollywood-Studios, hatten sich über Monate in der sogenannten Award Season als aussichtsreichste Anwärter auf den wichtigsten Filmpreis der Welt etabliert.

 

Doch am Ende gab es bei den 98. Academy Awards, die in der Nacht auf Montag in Los Angeles verliehen wurden, dann doch so etwas wie einen großen Abräumer. Paul Thomas Andersons „One Battle After Another“ konnte sechs Oscars auf sich verbuchen, darunter in den Kategorien Bester Film und Beste Regie. „Blood & Sinners“ von Ryan Coogler, der im Original nur „Sinners“ heißt, musste sich dagegen bei 16 Nominierungen mit vier Preisen begnügen.

Die schwerreichen Rechten regieren im Hintergrund

Andersons Film ist eine Thomas Pynchon-Adaption, eine Vater-Tochter-Geschichte und ein schwarzhumoriger Politthriller, aber vor allem ein Film, der bestens passt in unsere Zeit. „One Battle After Another“ erzählt von einer Gruppe militanter linker Aktivistinnen und Aktivisten, die unter anderem gegen die rigide, an heutige ICE-Methoden erinnernde Einwanderungspolitik der US-Regierung kämpfen. Viele abgetauchte Jahre später müssen ein meist bekiffter Ex-Terrorist und seine fast erwachsene Tochter fürchten, dass ihr friedliches Leben im Untergrund auffliegt, während gleichzeitig klar wird, dass die Geschicke des Landes längst von schwerreichen Rechtsextremen gelenkt werden.

Gut möglich, dass allerlei Bezüge zu realpolitischen Entwicklungen eine Vielzahl der über die Oscars abstimmenden Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences dazu brachte, „One Battle After Another“ am Ende ganz oben auf den Wahlzettel zu setzen. Dass Sean Penn als Bester Nebendarsteller seinen inzwischen dritten Oscar gewann, dürfte jedenfalls auch damit zu tun haben, dass er als rassistischer, korrupter Militäroffizier dem Publikum im zurückliegenden Filmjahr eine prächtige Hassfigur als Projektionsfläche bot.

Unabhängig davon ist der Film aber auch erzählerisch wie handwerklich exzellent – und Anderson, der dank Filmen wie „Boogie Nights“, „Magnolia“ oder „There Will Be Blood“ seit inzwischen 30 Jahren zu den spannendsten und relevantesten Regisseuren überhaupt gehört, jemand, der längst überfällig war für einen Oscar. Nun darf er gleich drei sein Eigen nennen (auch der fürs Beste adaptierte Drehbuch ging an ihn), und als erster Gewinner in der neu eingeführten Kategorie Bestes Casting sicherte sich der Film zudem einen Platz in den Geschichtsbüchern.

Eben dort findet sich nun aber auch „Blood & Sinners“ wieder, der so viele Nominierungen auf sich verbucht hatte wie kein anderer Film in der Oscar-Geschichte zuvor. Besonders bemerkenswert war das, weil Cooglers Werk, das mit mehr als 350 Millionen weltweit eingespielter Dollar ein waschechter Kassenhit ist, als Horror- und Vampirfilm eigentlich ein Genre-Werk ist, womit man bei den Academy Awards sonst eher selten punkten kann. Doch gleichzeitig erzählt der Filmemacher mit seiner in den Südstaaten der 1930er Jahre angesiedelten Geschichte auch sehr eindringlich und komplex von tief sitzendem Rassismus und Schwarzer Kultur.

Michael B. Jordan müsste eigentlich zwei Oscars bekommen

Dass auch Coogler, der mit Welterfolgen wie „Creed“ und den „Black Panther“-Filmen längst einer der interessantesten Mainstream-Regisseure Hollywoods ist, dank seines Gewinns in der Kategorie Bestes Originaldrehbuch nun im Besitz eines Oscars ist, wurde bei der von Conan O’Brien moderierten Verleihung stürmisch gefeiert. Überhaupt geht „Blood & Sinners“ keinesfalls als Verlierer durch, durfte sich doch auch Cooglers Stamm-Schauspieler Michael B. Jordan für seine Zwillings-Hauptrolle über einen Oscar freuen (womit Timothée Chalamet auch bei seiner dritten Nominierung leer ausging). Und Autumn Durald Arkapaw wurde als erste Frau überhaupt in der Kategorie Beste Kamera ausgezeichnet. Als Beste Hauptdarstellerin ging derweil unangefochten die Irin Jessie Buckley für „Hamnet“ nach Hause.

Selten waren die Oscars so geprägt von internationalen Produktionen wie in diesem Jahr, auch wenn sich am Ende jenseits der Kategorie Bester Internationaler Film (wo die deutsche Koproduktion „Sentimental Value“ vom Norweger Joachim Trier gewann) Werke wie „The Secret Agent“ aus Brasilien oder „It Was Just An Accident“ vom Iraner Jafar Panahi nicht durchsetzen konnten. Doch sowohl „One Battle After Another“ als auch „Blood & Sinners“ sind parallel leuchtende Beispiele dafür, wie stark, weil mutig und innovativ klassisches Hollywoodkino weiterhin sein kann. Dass beide Filme – genau wie der Horrorfilm „Weapons“, für den Amy Madigan 40 Jahre nach ihrer ersten Nominierung als Beste Nebendarstellerin gewann – aus dem Haus Warner Bros. stammen, ist dabei eine fast ironische Pointe, dürfte das alteingesessene Studio doch nach seinem bevorstehenden Verkauf bald nicht mehr in eigenständiger Form existieren.

Die größte Überraschung des Abends ist eine Doku

Überhaupt: die Zukunft des Kinos in Zeiten von KI und Streaming-Algorithmen, aber auch der Oscar-Verleihung selbst (die ab 2029 nur noch bei Youtube übertragen wird) war immer wieder Thema der Show. Vor allem aber war sie politischer denn je. Weniger in den Dankesreden der Hauptgewinner: Jordan etwa dankte vor allem Gott und seinen großen Vorbildern, während Anderson, der seinen Film den eigenen Kindern widmete, sich für den Zustand der Welt entschuldigte, die ihnen hinterlassen wird.

Moderator O’Brien aber knüpfte sich in seinen Gags regelmäßig Donald Trump vor. Noch deutlicher wurden Laudatoren wie Jimmy Kimmel, der an aktuelle Gefahren für die Meinungsfreiheit erinnerte, oder Javier Bardem, der „No to War and Free Palestine“ forderte. Und als der dänische Film „Ein Nobody gegen Putin“ den Oscar für den Besten Dokumentarfilm gewann – die größte Überraschung des Abends! –, gemahnte der Regisseur David Borenstein daran, dass sein Werk davon handle, wie man sein Land verlöre. Womit er nicht nur auf Russland und Putins im Film von einem Lehrer entlarvte Propaganda-Maschinerie abzielte, sondern eben auch auf gegenwärtige Entwicklungen in den USA und im Rest der Welt.

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